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Trauerfeier für Michael Jackson:Die Tränen der Tochter

Die zu Beginn unter der sakralen Kirchenfensterdekoration im Staples Center verlesenen Grußbotschaften von Diana Ross und Nelson Mandela waren der Auftakt zu einer Reihe bedingungsloser Liebesbezeugungen mit einem Hang zur Verklärung. Brooke Shields nahm weinend Abschied von ihrem seelenverwandten Jugendfreund, mit dem sie ihrer beider Kindheit nachholen wollte.

Auch als Motown-Gründer Berry Gordy erzählte, dass Michael wie ein Sohn für ihn gewesen sei, verstand man seine Trauer. Und Stevie Wonder sagte, dass er diesen Moment lieber nicht erlebt hätte, doch "Gott brauchte Michael wohl noch mehr als wir". Es war wie eine Grammy-Verleihung in Moll, mit einem einzigen Preisträger.

Da hier Privates öffentlich gemacht wurde, war oft nicht klar, ob wirklich von Michael Jackson die Rede war oder dieser instrumentalisiert wurde. So sprach man kaum von seinem kontroversen Privatleben und feierte stattdessen seine Karriere als amerikanischen Traum. Die Basketballspieler Kobe Bryant und Magic Johnson dankten ihm, weil er ein Türöffner für dunkelhäutige Weltstars gewesen sei. Neben Martin Luther King III. hielt auch der Bürgerrechtler Reverend Al Sharpton eine wütende Ansprache, in der er auf Michaels Verdienste für die afroamerikanische Emanzipation hinwies.

Nicht zuletzt sei auch Barack Obamas Präsidentschaft eine Folge von Jacksons Beharrlichkeit, Barrieren einzureißen. "Ich möchte seinen Kindern sagen, dass nichts Seltsames an eurem Vater war. Es war seltsam, was euer Vater aushalten musste." Dafür gab es stehenden Applaus.

Die Reden wurden zunehmend politisch, würde man in den Lobhudeleien statt "Michael Jackson" den Namen "Barack Obama" einsetzen, könnte man sie prima im nächsten Wahlkampf recyceln. Es ist erstaunlich, dass das Ansehen des Mannes, der so wenig wie möglich wie ein Afroamerikaner aussehen wollte und sich seit den 1990er Jahren in einer Opferrolle inszenierte, in der afroamerikanischen Gesellschaft so groß ist.

Neu- und Umdeutungsversuche

Jackson hatte sich zwar nicht nur mit seiner "We-Are-The-World"-Benefiz-Single für Gerechtigkeit eingesetzt, doch als politisch agitierender Künstler ist er nicht in Erinnerung. Direkt neben dem goldenen Sarg konnte man also Neu- und Umdeutungsversuche seines Lebenswerks beobachten.

Als es derart brisant wurde, hatte sich das gleichnamige ARD-Magazin schon ausgeschaltet. Auch Karen Webb ging im ZDF vorzeitig in den schwerverdienten Feierabend, nachdem sie den Auftritt von John Mayer, der "Human Nature" auf der E-Gitarre coverte, zerquatscht hatte. So weit, die Trauerfeier komplett im Hauptprogramm zu übertragen, reicht die Verehrung von toten Popstars bei den Öffentlich-Rechtlichen dann doch nicht.

In den Live-Schaltungen zu weltweiten Public Viewings sah man so viele Tränen, dass man den persönlich Trauernden zurufen wollte: "Kopf hoch, es ist doch nur Michael Jackson!" Denn daran sei erinnert: Mit ihm ist weder der Sinn des Lebens noch die Ära der achtziger Jahre gestorben.

Klassenkämpferischer Säuselier

Zugleich hätte man sich gewünscht, dass Jackson als wirklich universeller Musiker gewürdigt worden wäre. Doch dafür fehlten die wichtigsten Leute auf der Bühne: Madonna, Paul McCartney, Prince, Justin Timberlake und ja, auch Bruce Springsteen.

Aber es war leider nicht alles schöne Kunst in Jacksons Karriere, es gab nicht nur "Thriller" und "Beat It", auch "Leihmütter" und "samenspendende Dermatologen" prägten das äußerlich komplexe Konstrukt der Wacko-Jacko-Welt. Jetzt, nach seinem Tod, sind die Angehörigen zunächst froh, dass nicht mehr schlecht über ihn geredet wird.

Es gibt die große Chance zur Image-Korrektur. Um die Pflege des musikalischen Nachruhms kann man sich später kümmern.

Am Ende der Trauerfeier sangen alle zusammen "We Are The World, We Are The Children". Und dann sprach sogar Jacksons Tochter Paris Katherine unter Tränen ins Mikrofon, dass sie ihren tollen Daddy geliebt habe. Im Staples Center sahen wir das Bild von Michael Jackson, das seine familiäre, erbverwaltende Entourage von nun an fördern wird: das vom harmonietrunkenen, insgeheim klassenkämpferischen "Heal-The-World"-Säuselier - eine Art Black-Power-Lady-Di.

Doch es gibt einen Michael Jackson, den man nicht als Kitsch-Ikone in Erinnerung behalten will, sondern als einzigartig talentierten Künstler. Deshalb dachte man ab und zu, man hätte es lieber wie Jacksons "Freundin" Liz Taylor gemacht und sich dem "öffentlichen Trara" der TV-Aussegnung verweigert. Abschied von seinem eigenen Michael Jackson nimmt man besten, wenn man bei YouTube das "Smooth-Criminal"-Video anschaut oder zu Hause "Billie Jean" auflegt.

Hauptsache, man trägt weiße Socken.

Wer Michael Jackson wirklich war, bleibt auch nach diesem öffentlichen Abgang in der Schwebe zwischen Wahnsinn und Realität: Der Mann im goldenen Sarg tanzt seinen letzten Moonwalk.

© sueddeutsche.de/mikö/jja
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