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Trash Metal Konzert:Rockmusik in reiner Essenz

Die Metal-Band Kreator zeigt sich kompromisslos wie eh und je

"Als wir 1988 hier das erste Mal in der Theaterfabrik spielten, hatten wir nie gedacht, dass einmal ein Album von uns auf Platz Eins der deutschen Charts landet", sagt der Sänger Miland Petrozza von der Essener Thrash Metal-Band Kreator in der rappelvollen Tonhalle. Nicht, dass ihn je die Charts interessiert hätten, fügt er hinzu. Tatsächlich darf er aber freudig überrascht sein, dass sein bei Nuclear Blast erschienenes Album "Gods Of Violence" in den aktuellen Top 5 Florian Silbereisens Schlagertrio Klubbb3 ebenso überholt hat wie Andrea Bergs "Seelenbeben". Dabei ist Kreators Sound so kompromisslos wie eh und je. Denn seit Mama Petrozza Mitte der Achtziger Jahre den ersten Schallplattenvertrag ihres damals erst 16-jährigen Sohns unterschrieben hatte, hat dieser sich kein einziges Mal des Erfolgs wegen verbiegen lassen.

Zwei Jahre später spielte seine Band schon in den USA, wo heuer zur Freude Trumps das in Deutschland von einem Essener Künstler gestaltete Album-Cover vom Bild eines mexikanischen Künstlers ersetzt wird. Einer Metal-Band, deren Songs nach eigenem Bekunden sogar von der Philosophin Hannah Arendt inspiriert wurden, und der es darüber hinaus gelingt, beinahe jedes aktuelle Ereignis mit der griechischen Mythologie zu kommentieren, darf man in solchem Detail durchaus einen augenzwinkernden Seitenhieb unterstellen. Live gerät solche intellektuelle Aufwertung der Rockmusik dann zum Wohlgefallen der Rockfans herrlich unverkrampft und authentisch.

Kaum hat die brasilianische Metal-Legende Sepultura als letzte von drei Vorgruppen ihr neues Album in der Tonhalle präsentiert, brettern auch schon Kreator durch ein Programm, in welchem der Schlagzeuger auf alle Trommeln gleichzeitig einzudreschen scheint, so schnell rasen seine Sticks über die Felle. Die Gitarristen fegen mit gleichem Tempo über die Saiten und lassen dabei immer wieder den einen oder anderen himmlisch pfeifenden Ton regelrecht im Raum stehen. Als würde der einzelne Ton sich nun gegen den Druck der anderen treibenden Töne behaupten. Solcher Sound fordert den Musikern eine Virtuosität ab, die in anderen Rock-Genres beinahe schon verleugnet wird. Weswegen man dergleichen in München geballt eigentlich nur noch auf Festivals wie dem heuer leider ausfallenden "Rockavaria" erlebt: Rockmusik in ihrer reinen Essenz also, die kompromisslos jede "Pop-ularisierung" verweigert. Eine Charts-Platzierung lässt sich damit aber auch nicht immer verhindern.

© SZ vom 06.02.2017
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