Reisegeschichte:Haustiere nur in Waggons mit Pfote

Von Moskau nach Wladiwostok

Das Leben in einem Zugabteil der Transsibirischen Eisenbahn.

(Foto: Illustration aus Alexandra Litwina / Anna Desnitzkaya: "Von Moskau nach Wladiwostok".)

Eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn "Von Moskau nach Wladiwostok"

Von Sonja Zekri

Es läuft ja schon seit einiger Zeit nicht mehr so gut zwischen Deutschland und Russland: Vorwürfe, Misstrauen, und dann wieder großes Bedauern. Warum nicht mal alle Beteiligten eine Woche in die Transsib setzen? Da hätten sie Zeit zu reden, endlose Stunden, in denen draußen jede Menge Tundra und Städte mit gutturalen Namen wie Kungur oder Ujar vorbeifliegen. An den Bahnhöfen könnte man sich Essen von Lieferdiensten an den Zug bringen lassen oder Zirbelkerne kaufen. Und wenn der eine beim anderen Salz für die hart gekochten Eier leihen muss, dürften wohl auch die verstocktesten Geopolitiker begreifen, dass eben doch alle aufeinander angewiesen sind.

Der Trick mit den Lieferdiensten ist einer der wunderbar nützlichen Hinweise in Alexandra Litwinas und Anna Desjatnikayas Transsib-Buch "Von Moskau nach Wladiwostok". Andere umfassen Hinweise auf den richtigen Umgang mit Erfrierungen (auf keinen Fall mit Schnee einreiben) oder die Mitfahrt von Haustieren (nur in Waggons mit Pfote). Zwei Jahre lang haben sie Post von Menschen entlang der Strecke gesammelt, vor allem von Kindern und Jugendlichen, die der Transib familiär verbunden sind, weil ganze Familien und ihre Vorfahren für die Eisenbahn arbeiteten: als Landvermesser, Weichensteller, Ingenieure oder Bahnhofsschaffnerin mit Zuständigkeit für den "Siedewasser-Pavillon", in dem man früher kochendes Wasser für Tee oder Grütze bekam. Die "Transsib", das merkt man rasch, ist kein Zug, sondern ein Lebensstil, und zwar nicht nur für die Passagiere, sondern auch für die Menschen, die neben ihr, mit ihr und von ihr leben. Wer käme sonst auf die Idee, eine Fahrt "samtig" zu nennen, wenn der Zug nicht ruckelt? Die "Transsib" hat eine eigene Kulturpraxis des Eisenbahnreisens, nun, nicht erfunden, aber verlängert, und sozusagen ins Weltumspannende vergrößert.

Die Transsib hat ihre eigene Kulturpraxis des Eisenbahnfahrens ins Weltumspannende vergrößert

Das geht nur, weil sich einst die Sowjetunion, aber auch Russland über zwei Kontinente und viele Zeitzonen erstreckt. Allein die ostsibirische Taiga ist das größte ursprüngliche Waldgebiet der Welt, schreiben die Autorinnen. Ohnehin legen sie großen Wert auf die Pracht am Streckenrand, auf den Reichtum der Sprachen - wer hat je vom "Tofolarischen" gehört, wer vom Enzischen? -, der Küche, der Architektur. Das ist nicht falsch. Andererseits ist es nicht so, dass die Transsib nur glückliche Menschen durch blühende Natur transportiert hätte. Verbannte, Gulag-Gefangene, Weiße, Rote, Partisanen, Panzer, alle fuhren Zug, was die Autorinnen aber fast nebenbei erzählen.

Schon die Entstehung war nicht sehr heiter, auch wenn sie im Vorwort von Wladimir Kaminer fast märchenhaft klingt: "Die Deutschen mögen es sehr, mit der Transsib zu reisen. Viele deutsche Rentner haben an der 9288 Kilometer langen Strecke mitgebaut, ob als Kriegsgefangene (ihre Erinnerungen sind sicher wenig romantisch) oder später als Arbeiterbrigaden aus der DDR ("die fahren heute gerne mit der Transsib, um sich an die alten Zeiten zu erinnern als die Menschen noch ohne Lohn arbeiten gingen, abends am Feuer tanzten und Wodka aus der Flasche tranken."

Aber solche kleinen Einschränkungen trüben das Vergnügen nicht. "Von Moskau nach Wladiwostok" ist ein hochunterhaltsames Lese- und Bilderbuch, das sich an jeder Stelle auf- und wieder zuschlagen lässt, auch dank der Zeichnungen von Anna Desnitskaya, die für Stadtpanoramen, Abteilszenen oder Grafiken einen modernen, klaren Strich gefunden hat. Das Buch ist, kurz, die ideale Reiselektüre. Fehlt nur noch die Abfahrtszeit. (ab 10 Jahre)

Alexandra Litwina, Anna Desnitskaya: Von Moskau nach Wladiwostok. Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Aus dem Russischen von Lorenz Hoffmann, Thomas Weiler. Gerstenberg, 2021. 80 Seiten, 26 Euro.

© SZ/bud
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