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Transrapper Mavie Phoenix:Kein Durchschnittstyp

Italy: Austrian singer Mavi Phoenix on the stage Mavi Phoenix was born on 1 September 1995 in Linz as Marlene Nader, to

„Ich kann dich nicht schwängern, aber ich kann dich glücklich machen“ – Mavie Phoenix.

(Foto: imago images/Pacific Press Agenc)

Der österreichische Rapper Mavi Phoenix erkundet auf seinem famosen neuen Album "Boys Toys" seine Identität als Transmann.

Von Nora Noll

Pubertät ist nicht cool. Pubertät ist Verwirrung, Wut, Angst, Pickel und die Gewissheit, Nebendarsteller in einem "American-Pie"-Film zu sein. Im schlimmsten Falle versucht Pubertät, trotzdem cool zu sein. Wie 16-Jährige, die in einer Ich-habe-alles-gesehen-Manier über Geld und Bitches rappen, die Stimme zu kratzig, um die Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und sich selbst glaubwürdig rüberzubringen. Das unhinterfragt angenommene Rollenbild, wie sie so zu sein haben, um ein Mann zu sein, also stark und krass, lässt die Jungs dann wieder unfreiwillig verletzlich wirken.

Im besten Falle feiert Pubertät die Intensität und den Wandel. Das tut Mavi Phoenix. Er macht auf seinem neuen Album "Boys Toys" eine Reise zu den Orten, die ihm in der Phase der Identitätsfindung so begegnet sind. Das mag daran liegen, dass er schon 24 Jahre alt ist und keine Pausenhof-Show mehr abziehen muss. Das mag auch daran liegen, dass er starre Geschlechterrollen sowieso sprengt und keinen Bock hat, sich durch altmodisches Männlichkeitsgetue zu beweisen.

Dazwischen sitzt Mavi im Spielzeug-Ferrari und wirft mit Pokemonkarten wie mit Geldscheinen um sich

Pubertät trifft es natürlich bei Mavi Phoenix nur im weiteren Sinne, eigentlich ist das Album Teil seines Coming-Out als Transmann. Bereits im Sommer 2019 veröffentlichte der österreichische Musiker ein Video, in dem er zum Song "Bullet In My Heart" das Phänomen von Geschlechtsdysphorie erklärt: Das physische wie psychische Unwohlsein, wenn das bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht nicht das richtige ist. So wie bei ihm selbst. Ein zweites Coming-Out erfolgte im Januar 2020: Auf Instagram schrieb Mavi Phoenix, dass er von nun an männliche Pronomen und neben seinem Künstlernamen den Namen Marlon verwende.

Der soziale und physische Übergang, also das Angleichen des öffentlichen Auftretens und des Körpers an die Geschlechtsidentität, wird von Transmenschen nicht selten als zweite Pubertät empfunden. Für viele handelt es sich dabei um ein Frau- oder Mann-Werden. Mavi Phoenix macht diesen Vergleich zum Konzept. Die Ästhetik des Albums zeigt sich im Video zu "Fck It Up": Bunt gekritzelte Hausfassaden als Pappaufsteller, Plastikrasen auf dem Boden, dazwischen sitzt Mavi in einem Spielzeug-Ferrari und wirft Pokemonkarten wie Geldscheine herum. Ein kleiner Junge leitet auch das Album ein. Die Kinderstimme, die sich selbst als "Boys Toys" vorstellt, gibt immer wieder Kommentare ab. Das Alter Ego nimmt als ein 3D-Modell eines schmächtigen Jungen mit Mavis blonder Nick-Carter-Frisur und übergroßem T-Shirt Gestalt an und taucht auf dem Cover und animiert in den Musikvideos auf.

Er hält sich für einen Freak, und will doch einfach Durchschnitt sein

Der kleine Junge gibt viel von sich preis. In "Scary Thoughts" redet Mini-Mavi wie in einer intimen Sprachnachricht über Einsamkeit. Das geht einem in seiner Ehrlichkeit und Verletzlichkeit fast schon zu nah. Die Liste der Selbstzweifel, die Mavi Phoenix im Album offenbart, ist lang. Er hat Angst, nicht Mann genug zu sein und gönnt anderen Typen ihre selbstverständliche Männlichkeit nicht: "I'm just being jealous of every guy I meet". Er hält sich für einen Freak, und will doch einfach Durchschnitt sein. In " 12 Inches" thematisiert er die Zweifel und zeigt die Wunden, die Unverständnis und Ablehnung hinterlassen, ohne dabei seine lässig ironische Haltung komplett aufzugeben. Er ist sich der Performativität von "männlichen" Akten wie Rasieren und Krafttraining bewusst und posiert im dazugehörigen Musikvideo mit teils übertriebener Macker-Attitüde vor dem Badezimmerspiegel. Er signalisiert uns: Ich bin ganz ohne Witz ein Mann und kann mich gleichzeitig über Männlichkeitsgehabe lustig machen.

In Mavi Phoenix aufgewühlter Welt liegen Dysphorie und Euphorie ganz nah beieinander. In dem queeren Lovesong "Family" singt er ziemlich romantisch "I can't make you pregnant, but I can make you happy" - "Ich kann dich nicht schwängern, aber ich kann dich glücklich machen". Man glaubt es ihm, die Vorfreude auf das geoutete Leben, auf das, was jetzt alles kommt, ist unüberhörbar. Natürlich, ein Transmann im Rap wird traurigerweise auch besonders heftig gehasst werden. Diesen Verletzungen begegnet Mavi Phoenix prophylaktisch, wenn sein Alter Ego in "Strawberries" klarmacht, dass er trotz hoher Stimme ein Typ ist. Ein Instagram-Eintrag von Mavi Phoenix war jüngst ein Spiegelselfie in Fischaugenoptik, darunter stand geschrieben: "Starting T tomorrow!! See you on the other side". T steht für Testosteron, und auf der anderen Seite wartet - ja was eigentlich genau? Die paradoxe Gleichzeitigkeit des Seins und des Werdens, sie zeigt sich vielleicht im Transsein besonders augenscheinlich, betrifft aber am Ende doch jede Existenz. Für manche bedeutet das Ausbrechen aus fixen Kategorien Überleben, ohne Frage. Wie schön, wenn dieses Werden so aufregend klingt wie auf "Boys Toys".

© SZ vom 17.09.2020

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