Ballett:Tanz der Identitäten

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Ballett: Choreografin Rosie Kay wird beschuldigt, trans feindlich zu sein - und schmiss deshalb hin.

Choreografin Rosie Kay wird beschuldigt, trans feindlich zu sein - und schmiss deshalb hin.

(Foto: Garazi Photography/Wikimedia Commons)

Ballettensembles stehen vor der Frage, wie sie mit Mitgliedern umgehen, die traditionelle Geschlechterzuordnungen sprengen.

Von Dorion Weickmann

Der Knall kam Ende 2021. Am 7. Dezember erklärte die Choreografin Rosie Kay dem Kuratorium ihrer eigenen, in London ansässigen Tanzkompanie, dass sie deren Leitung niederlege. In der anschließenden Berichterstattung hieß es, sehe sich einer Art Hexenjagd ausgesetzt und von einigen Tänzern als transphob gebrandmarkt. Die Vorwürfe, so Kay in weiteren Statements, seien unzutreffend und hätten zu einem "unfairen, undurchsichtigen und fürchterlichen Untersuchungsprozess" geführt: "Diese Erniedrigung ertrage ich nicht länger." Die Gegenseite reagierte prompt mit einem Schreiben an die BBC: Darin beklagten die Tänzer, dass ihre Ex-Chefin mit der Veröffentlichung der Affäre und ihres Rücktritts "unsere Karrieren beschädigt hat". Deshalb wollten sie sicherstellen, dass "künftig niemand mehr eine derartige Marginalisierung erfährt, wie wir sie erleiden mussten". Was war geschehen?

Ende August vergangenen Jahres gab Kay bei sich zu Hause eine Party für die Company. Nach zwei Jahren Pandemie stand die Premiere von "Romeo and Juliet" in Birmingham unmittelbar bevor. Für die Choreografin Anlass genug, eine Art Dankeschön-Dinner für ihre Tänzer zu veranstalten. Die Themen Nonbinarität, Transidentität und Arbeitsklima schwelten indes bereits während des Probenprozesses, an diesem Abend kam es zum offenen Streit. Der Aufhänger war das nächste Projekt, die Adaption von Virginia Woolfs epochalem Roman "Orlando". Dessen genderfluide Botschaft interpretiert Kay offenbar ganz anders als einige ihrer Tänzer: Die Choreografin vertritt die Ansicht, das biologische Geschlecht sei unveränderlich, weshalb trans Frauen Männer seien. Eine Haltung, die ihre Mitarbeiter als transphobe Machtdemonstration kritisierten. Zumal an besagtem Abend zwei erklärtermaßen nonbinäre Tänzer mit am Tisch saßen, die sich von Kays Argumentationslinie missachtet und ins Abseits gedrängt sahen.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass die sechsundvierzigjährige Rosie Kay zur gleichen Generation zählt wie Joanne K. Rowling und Kathleen Stock. Die Schriftstellerin, die Philosophin und die Choreografin verteidigen die Prinzipien eines essentialistischen Feminismus. Ihnen gegenüber steht eine Diskursfront, die mit Judith Butler das Geschlecht und alles Geschlechtliche als kulturell erzeugte und damit wandelbare Phänomene betrachtet. Während Rowling und Stock schon vor längerer Zeit heftige Shitstorms aus aktivistischen Transgender-Kreisen entfesselten, zog Kay die Empörung ihres eigenen Teams auf sich. Zuletzt beschloss sie, das gleiche zu tun wie die demissionierte Universitätsprofessorin Stock: den Bettel hinzuschmeißen. Die britische Tanzcommunity zeigte sich entsetzt über den Vorgang und zerfiel in zwei Parteien: Ist Kay ein Opfer der Cancel Culture, die alles ausradiert, was nicht in ihr Weltbild passt? Oder hat sie umgekehrt die Tänzer gecancelt, indem sie beispielsweise die falschen Pronomina zum Einsatz brachte, nämlich "he" oder "she" statt dem pluralen "they", das nonbinäre Personen häufig bevorzugen?

Ein Engagement zu ergattern, ist für Profis, die den Cis-Standard sprengen, schwierig

Kays Company wurde vor kurzem endgültig aufgelöst. Aber die Fragen, die den Konflikt auslösten und eskalieren ließen, beschäftigen längst weite Teile der Tanzbranche: Welche ästhetischen und soziokulturellen Veränderungen verbinden sich auf der Bühne und hinter den Kulissen mit Nonbinarität, Transidentität und Genderfluidity - und ist die vielbeschworene Diversität auch hier angekommen? Ein Rundblick über die globale Tanzlandschaft enthüllt große Unterschiede und zeigt Karrieren auf Berg- und Talfahrt. Sofern sie überhaupt stattfinden, denn schon ein Engagement zu ergattern, ist für Profis, die den Cis-Standard sprengen, schwierig.

Diese Erfahrung musste Chase Johnsey machen, ein genderfluider Tänzer, den das English National Ballet 2018 als weibliches Ensemble-Mitglied präsentierte. Eine Serie von "Dornröschen"-Aufführungen als Teil des Corps de ballet, dann war die Sache für Johnsey erledigt. Er bekam zwar jede Menge Werbe- und TV-Angebote, aber in der Ballettwelt keinen Ballerinen-Fuß mehr auf den Boden. Was nach Ansicht der Kritik nicht an seiner Leistung lag, sondern am stereotypen Denken der Branche. Johnsey zog die Konsequenz, gründete das Ballet de Barcelona und gilt vielen heute als Pionier. Denn inzwischen haben sich für jüngere trans Personen Türen geöffnet. Leroy Mokgatle gewann 2016 den renommierten Nachwuchspreis Prix de Lausanne, kam beim Béjart Ballet unter - und zog sich wenig später Spitzenschuhe an. Was nicht allenthalben auf Begeisterung stieß, aber im Lauf der Zeit akzeptiert wurde. Dass sich etwas verändert, belegt auch der jüngste Neuzugang beim Pacific Northwest Ballet in Seattle: Ashton Edwards - laut Pass: ein Mann - trägt Tutu und fällt unter den "Schwanensee"-Kolleginnen nicht weiter auf, wie die New York Times bemerkte. Auch in umgekehrter Richtung ist Bewegung zu verzeichnen: Scout Alexander ist beim BalletMet von der Damen- auf die Herrenseite gewechselt. "Solange man mithalten kann - kein Problem!", hat die Direktorin Sue Porter pragmatisch befunden.

Am Tanztheater Wuppertal ist ein Transgender-Rollenwechsel möglich

Für Bettina Wagner-Bergelt, Ex-Vizedirektorin des Bayerischen Staatsballett und gerade erst als Intendantin des Tanztheaters Wuppertal verabschiedet, ist das gar nicht die Frage. Als Naomi Brito zu ihr kam und erklärte, künftig als Frau zu leben und dann auch weibliche Rollen aus dem Pina-Bausch-Repertoire tanzen zu wollen, zögerte sie keinen Moment: "Ich habe ihr gesagt, wenn das Deine Entscheidung ist, geht kein Weg daran vorbei, und wir schauen, was das für uns als Tanztheater bedeutet." So erinnert sich Wagner-Bergelt am Telefon und berichtet von Unterstützung aus allen Teilen der Kompanie. Als sie zum Spielzeitauftakt 2021 die Neuzugänge vorstellte, drehte Brito unter Trans-Vorzeichen die zweite Runde: nicht mehr als Tänzer, sondern als Tänzerin. Damit war der Weg für die erste Premiere als Dame in Bauschs "Sweet Mambo" geebnet.

Ballett: Naomi Brito in "Sweet Mambo" am Tanztheater Wuppertal.

Naomi Brito in "Sweet Mambo" am Tanztheater Wuppertal.

(Foto: Oliver Look)

Wie genderdivers wird die Zukunft sein? Was das Ballett betrifft, ist Wagner-Bergelt skeptisch: "Die Beharrungskräfte sind groß. Aber das Thema ist auf der Agenda und man muss auf jeden Fall darüber reden." Mehr und bessere Kommunikation über die strittige Angelegenheit hätte der Rosie Kay Dance Company vermutlich die Existenz gerettet und vielleicht eine win-win-Situation geschaffen. Stattdessen fühlen sich alle Beteiligten verärgert. Rosie Kay hat inzwischen eine neue Kompanie gegründet.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es, Rosie Kay habe via Twitter mitgeteilt, dass sie die Führung ihrer eigenen, in London ansässigen Tanzkompanie niederlege. Das war falsch. Wir haben das korrigiert.

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