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"Transatlantik" von Colum McCann:Gelingendes Leben als Provokation

Auf einmal scheint der Roman zu wissen, was er will. Ausgehend von Lily, die einen beeindruckenden Wandel zur Pionierin durchmacht, gerät man in das fiktive Leben von vier Generationen Frauen, ohne dass das Buch zum modischen Frauen-Schicksalsroman verkäme, und zugleich erkennt man die Verbindungen zu den Geschichten über die historischen männlichen Charaktere.

Lilys Tochter Emmy entpuppt sich als die Journalistin, die anfangs des Buchs in Neufundland über den Start von Alcock und Brown berichtete. Zuvor hat sie, erfährt man jetzt, für ihren Ex-Liebhaber, einen Redakteur, die Geschichten geschrieben, mit denen er berühmt geworden ist, und selber nicht mehr als ab und zu ein Initial dafür erhalten. Nach langem Drängen gibt er ihr eine Kolumne. Doch als er stirbt, hinterlässt er als besondere Bosheit ein Schreiben, dass die Verhältnisse frech verkehrt, und behauptet, dass er alle von Emmy gezeichneten Texte geschrieben habe - was dazu führt, dass Emmy entlassen wird, auf und davon geht und zurück nach Neufundland kommt.

Eine der wirkungsvollsten Entscheidungen McCanns ist es, Lottie, Emmys Tochter, als glücklichen Menschen zu zeigen. Selbstständig, selbstbewusst, hat sie von vornherein einen Charakter, der viel erleben will und sich nichts gefallen lässt. Geschickt folgt McCann Emmys erstauntem Blick auf Lottie, die Photographin wird und einen liebenden, zärtlichen Mann heiratet, der anfangs auch noch vermögend ist. Ihre eigene Tochter Hannah trägt das Staunen über die Mutter weiter, auch für sie ist Lottie wie eine Nummer zu groß.

Gelingendes Leben in zeitgenössischer Literatur, das liest sich selten und klingt wie eine offene Provokation. Doch Lotties Glück hat mit dem Zustand der Welt, das wird schnell klar, nichts zu tun, sie steht nicht für etwas, sondern nur für sich selbst. Diese Frau ist einfach anders als der Rest ihrer Familie. Auch psychologisierende Erklärungen fehlen, zum Glück.

Souverän vermeidet Mc Cann auch eine andere Falle. Wenn Hannah am Ende nicht nur ihren jungen Sohn Tomas verliert, der sein Leben lässt, weil er in den Wirren des Nordirlandkonflikts über eine Vogelflinte verfügt, die ihm gestohlen wird, sondern auch noch das Familienhäuschen an einem Lough bei Bangor abgeben muss, dann ist das zwar traurig, aber keine klischeehaft ausgewalzte soziale Katastrophe. Hannah wehrt sich anfangs gegen den Verkauf an die Bank, doch als das Werk vollbracht ist, hat sie genügend Geld zum Weitermachen.

Unauffällig fügen sich die vielen Geschichten allmählich zu einer großen. Wieder ist McCann kein formaler Neuerer, aber auch diesmal versteht er es mit zunehmender Dauer des Buchs ausgezeichnet, pittoreske historische Charaktere über fiktive Figuren zu beleben und umgekehrt. Alles zusammen von Dirk van Gunsteren behutsam übersetzt.

Colum McCann: Transatlantik. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 384 Seiten, 22,95 Euro. E-Book 19,99 Euro

© SZ vom 17.06.2014/cag

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