"Trance" im Kino Alles was sicher scheint, wird pulverisiert

Für Danny Boyle geht es im Kino um Bewegung und Action. In seiner fiebrigen Ménage à trois "Trance" macht er sogar den lethargischen Zustand der Hypnose zu einer energetischen Angelegenheit. In diesem doppelten Spiel unter Dieben ist zum ersten Mal bei ihm eine Frau die zentrale Figur.

Anke Sterneborg

Frontal blickt der Held den Zuschauer an, ein geradliniger Blick aus blauen Augen. Er erzählt uns vom Ablauf eines Kunstraubs, aus der Perspektive des Londoner Auktionshauses, in dem er arbeitet.

Es wundert kaum, dass der Mann längst nicht so vertrauenswürdig ist, wie er sich präsentiert. Dass er ein doppeltes Spiel gespielt hat. Was aber, wenn die Helden sich selbst nicht mehr trauen können, wenn sich die Unsicherheiten der Welt gegen sie selbst richten? Wenn sie sich mit detektivischer Neugier daran machen müssen, wie Jason Bourne es tat, ihr eigenes Leben, ihre verschüttete Vergangenheit, ihr verdrängtes Unterbewusstes zu erforschen?

Simon ist der Insider beim raffiniert eingefädelten Raub von Goyas "Flug der Hexen", der gerade für 25 Millionen Pfund in dem Auktionshaus versteigert wurde, wo er arbeitet.

Beim Gerangel mit einem seiner Kumpanen (Vincent Cassel) steckt er einen harten Schlag auf den Kopf ein - und weiß danach nicht mehr, wo er die Beute versteckt hat. Die geprellten Kumpels versuchen mit roher Gewalt, die Information dennoch bei ihm zu reaktivieren, aber als das nicht funktioniert, beauftragen sie eine Hypnoseärztin mit der Suche im Unbewussten.

Doppelt und dreifach

"Trance" ist ein Film mit doppeltem und dreifachem Boden. Der Heist im Auktionshaus verwandelt sich in eine moderne Version des Film Noir und in eine fiebrige Ménage à trois zwischen zwei Männern (James McAvoy als Auktionator und Vincent Cassel) und einer geheimnisvollen Femme Fatale (Rosario Dawson.)

Alles was sicher scheint in den Filmen von Danny Boyle wird durch Schnitte, Farben, Unschärfen und den treibenden Rhythmus der Musik zur Auflösung gebracht, pulverisiert zu reiner Bewegungsenergie: "Für mich geht es im Kino um Bewegung, um Action!", sagt Boyle. "Man fängt die grenzenlose Energie des Lebens ein und füllt sie in einem Film wie in einer Flasche ab, man konzentriert und konserviert sie."

Für Boyle war dieser schnelle, wilde Film auch ein Gegenmittel zur schwerfälligen Bürokratie, mit der er es bei seiner Inszenierung der Olympia-Eröffnungszeremonie im Sommer 2012 zu tun hatte.

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Zusammen mit seinem Kameramann Anthony Dod Mantle macht Boyle sogar den lethargischen Zustand der Hypnose zu einer energetischen Angelegenheit, zu einem wilden Trip, in dessen Verlauf Traum, Erinnerung und Rausch zu einem zugleich verwirrenden und faszinierenden Vexierspiel werden.

Gut und böse, wahr und falsch sind keine verlässlichen Größen mehr, und jede Wahrnehmung ist in alle Richtungen offen für Manipulation und Suggestion, für Lüge und Selbstbetrug, für Sinnlichkeit und Begehren. Da kommen dann die Waffen einer Frau ins Spiel, die zum ersten Mal in einem Film von Danny Boyle die zentrale Figur ist, der heimliche Motor dieser bis zum Schluss verstörenden Geschichte.

Trance, GB, 2013 - Regie: Danny Boyle. Buch: Joe Ahearne, John Hodge. Kamera: Anthony Dod Mantle. Schnitt: John Harris. Musik Rick Smith. Mit: James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson, Danny Sapani, Matt Cross. Fox Searchlight. 101 Minuten.