Trailer-Premiere "Blau ist eine warme Farbe" Die erste Liebe in ihrer ganzen Dimension

Zeigen die lesbische Liebe mit großer Emphase: Adèle Exarchopoulos (links) und Léa Seydoux in "Blau ist eine warme Farbe"

Die freizügigen Szenen in "Blau ist eine warme Farbe" haben bei der Premiere in Cannes für große Aufmerksamkeit gesorgt. Doch der Film gewann die "Goldene Palme" nicht wegen expliziter Darstellungen, sondern weil der Zuschauer beim Drama einer ersten Liebe mitleidet, als wäre er selbst betroffen.

Eine Kritik von Paul Katzenberger mit der Trailer-Premiere

Viele Menschen wissen aus eigenem Erleben, dass es kaum eine aufwühlendere Erfahrung gibt als die Höhen und Tiefen der ersten Liebe. An wen das im echten Leben nicht so unmittebar herangekommen ist, der kann es jetzt im Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche nachvollziehen, für das der französische Regisseur in diesem Jahr in Cannes mit der "Goldenen Palme" ausgezeichnet wurde.

Kino "Blau ist eine warme Farbe" Video
Trailerpremiere

"Blau ist eine warme Farbe"

Das Liebesdrama "Blau ist eine warme Farbe" des diesjährigen Cannes-Gewinners Abdellatif Kechiche mit Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos in den Hauptrollen kommt in die Kinos. Sehen Sie hier den offiziellen deutschen Trailer.

Kechiche, der ein Experte in Sachen Opulenz ist, geht das Thema gewohnt gründlich durch, von Anfang an. Sein Dreistunden-Film, der auf der gleichnamigen Graphic novel von Julie Maroh basiert, setzt im Alltag eines unschuldigen Mädchens mit Liebe für die Literatur ein und endet bei einer Frau, die neben höchster Erfüllung ebenso tiefes Leid erfahren hat.

Die 15-jährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) geht im nordfranzösischen Lille zur Schule und sammelt erste sexuelle Erfahrungen mit dem charmanten Thomas (Jeremie Laheurte). Die bildschöne und intelligente Teenagerin merkt allerdings schnell, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Als sie der attraktiven Emma (Léa Seydoux), einer burschikosen und rebellischen Kunststudentin mit blau gefärbten kurzen Haaren, auf der Straße begegnet, will ihr diese nicht mehr aus dem Kopf gehen. Nach einer zufälligen Begegnung in einer Lesben-Bar kommt es zu mehrmaligen Treffen zwischen den beiden, bei denen die noch tastende und unsichere Adèle im Austausch von Gedanken und Gefühlen mit der weltgewandten und offen zu ihrer Homosexualität stehenden Emma allmählich die Nervosität verliert - die zwei Frauen werden zu Liebenden.

Die einfachen Geschichten sind im Kino oft die besten, vor allem wenn sie von einem Erzähler von der Qualität Kechiches vorgetragen werden. Seine Dramen entfalten sich in langen Einstellungen, mit flüssigen Konversationen und einem Naturalismus, der den Zuschauer glauben lässt, er sei mitten in der Szene.

Mehr als Toleranz

Gleichzeitig treibt er seine Geschichten geduldig und mit großer Präzision voran - Spannung baut sich bei Kechiche ohne Vorwarnung auf. In "Blau ist eine warme Farbe" konfrontiert der Regisseur den Zuschauer plötzlich mit einer Szene, in der Adèle von ihren Klassenkameradinnen brutal gedemütigt wird, weil sie ihre Homosexualität erahnen.

Das ist mehr ein dramaturgisches Element als ein inhaltliches: Kechiche geht es nur am Rande um die Homosexualität. Vielmehr will er die erste Liebe in ihrer ganzen Dimension zeigen, ob homo- oder heterosexuell: Als Adèle von Emmas warmherziger Mutter und deren Lebensgefährten zu einem herzlichen Abendessen eingeladen wird, werden sie und Emma als Paar nicht nur toleriert, sondern zelebriert.