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Tragikomödie:Satire für Spießer

Täterenkel trifft auf Opferenkelin: In Chris Kraus' Tragikomödie "Die Blumen von gestern" verlieben sich ein durchgedrehter deutscher Holocaustforscher und seine burschikose Praktikantin aus Frankreich.

Von Fritz Göttler

Totila nervt, er ist ein Kindskopf, aber ein wissenschaftlicher, mit sehr ernsten Absichten und ehrenvollen Ambitionen. Er erforscht den Holocaust, an der "Zentralen Stelle" in Ludwigsburg. Er stellt ein Reinheitsgebot auf für sich und auch für alle Kollegen und Kolleginnen, und wenn er versucht, es durchzusetzen, kann er schon mal böse werden, drastisch und gewalttätig. Negativ sein gehört einfach zum Job. Das ist ein absurder Beruf, Holocaustforscher, sagt der Filmemacher Chris Kraus. In seinem Film "Die Blumen von gestern" sollen das Arbeitstrauma und die Besessenheit des Wissenschaftlers Totila, mit ratloser Grimmigkeit verkörpert von Lars Eidinger, mit den Mitteln der Komödie erforscht werden. Der weltfremde Totila und die französische Praktikantin Zazie, die ihm zugeteilt wird, erinnern an die Paare in den klassischen Komödien von Howard Hawks, in denen die strenge Wissenschaft mit dem ungenierten, liebes- und sexbereiten Leben konfrontiert wird.

Täterenkel trifft Opferenkelin, sie streiten sich und gehen schließlich miteinander ins Bett

Auch Zazie nervt. Die hinreißend burschikose Adèle Haenel beweist mit Stupsnase und schräg synkopiertem Deutsch, dass sie den Rollennamen zu Recht trägt - Zazie, der junge Irrwisch aus der Pariser Metro von 1960! Haenel bringt einen Touch französische Nouvelle Vague in diese böse deutsche Geschichte, Momente einer echten Amour fou, wie sie Truffaut oder Godard oder Malle damals zelebrierten, so konsequent, dass sie auch selbstzerstörerisch wirkt.

Die Blumen von gestern

Ein Paar wie in den Komödien von Hawks: Adèle Haenel, Lars Eidinger.

(Foto: Piffl Medien)

Täterenkel trifft Opferenkelin, sie streiten sich und gehen schließlich miteinander ins Bett - das ist die Formel von Chris Kraus für seine Amour fou. Die Liebe, die sich zwischen Totila und Zazie entwickelt, ist nicht so spontan, so wild, wie sie anfangs erscheinen könnte, es steckt durchaus Kalkül drin, eine Art von Traumabewältigung. Ihre intensivsten, auch härtesten Momente erlebt sie ausgerechnet in Wien, auf einer Dienstreise.

Auch Chris Kraus nervt, mit Bedacht, man weiß es aus seinen früheren Filmen, "Scherbentanz", "Vier Minuten", "Poll". Es hat ihm aber immer wieder Kritikerlob und Preise eingebracht. Die Unbedingtheit, mit der er in all diesen Filmen seine persönliche Betroffenheit von den Problemen versichert, diese Manie, mit der er sich in die jeweilige Materie eingefressen hat. Das Pathos, mit dem er auch "Blumen von gestern" wieder theoretisch absichern will, mit großen Formeln: "Ich hatte schon lange den Wunsch, etwas über die Verletzungen des Holocaust zu schreiben, die heute noch in uns wüten." Oder: "Totila ist eben eine zutiefst komödiantische Figur, bei aller inneren Tragik." Die Lässigkeit, mit der er sich als Vorbild auf "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni beruft, um die Schrecken des Holocaust lachend zu erledigen. Im Vergleich mit Benignis mühsamer Melo-Travestie ließen deutsche Kritiker den Film von Chris Kraus allerdings nicht gut wegkommen. Vielleicht rennt er tatsächlich zu viele inzwischen offene Türen ein, sind die Kalauer doch nicht so riskant, ist die Geschmacklosigkeit, die er pflegt, in der Gesellschaft bereits angekommen.

Am schönsten ist der Film, wenn er einfach, in einem fast schmerzlich genauen Dekor, die Gesellschaft dokumentiert, in der Totila und die Seinen leben, diese Spießigkeit, die sich dennoch als modern verkauft, dieser Versuch einer neuen Großbürgerlichkeit. Hannah Herzsprung, die in "Vier Minuten" ihren großen Erfolg hatte, ist großartig als Totilas plumpe Ex. Unangenehm ist es, wenn diese Bürgerlichkeit in Satire umschlägt.

Das Thema Holocaust stellt die Wissenschaft und die Wissenschaftler verstärkt auf den Prüfstand. Aber im Grunde wird Totila von den Chimären der Wissenschaft an sich gepeinigt - ihre Forderung nach Objektivität, ihre gnadenlose Abstraktion, ihre Besessenheit, die Weigerung, eine subjektive Beimischung zuzulassen. Es liegt in der Natur der Forscher, das was sie erforschen, zum Objekt zu machen. Chris Kraus denkt, erstaunlicherweise, bei seinem besonderen, besonders quälenden Thema Holocaust immer auch an allgemeine Strukturen. "Es ist nicht vorbei. Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt. Bestialität stirbt nicht aus, sie ist ein Teil unserer mentalen Ausstattung. An dieser Stelle wollte ich ansetzen." Der Moment, auf den "Die Blumen von gestern" zuläuft, den der Film aber nicht erreichen wird, ist die Erlösung, das Bild der Pietà. Ein Moment der starken naiven Sehnsucht.

Die Blumen von gestern, D 2016 - Regie, Buch: Chris Kraus. Bildgestaltung: Sonja Rom. Szenenbild: Silke Buhr. Musik: Annette Focks. Schnitt: Brigitta Tauchner. Mit: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung, Sigrid Marquardt, Bibiana Zeller, Rolf Hoppe. Piffl Medien, 125 Minuten.

© SZ vom 13.01.2017

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