"Als Susan Sontag im Publikum saß" im Kino:"Ein Mann entscheidet, wie weit Frauen ihn vorführen"

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"Als Susan Sontag im Publikum saß" im Kino: Nachgestellte Feminismus-Diskussion von 1971: Celine Yildirim als Jacqueline Ceballos, Saralisa Volm als Germaine Greer, RP Kahl als Norman Mailer (von links).

Nachgestellte Feminismus-Diskussion von 1971: Celine Yildirim als Jacqueline Ceballos, Saralisa Volm als Germaine Greer, RP Kahl als Norman Mailer (von links).

(Foto: Realfiction)

Der Film "Als Susan Sontag im Publikum saß" zeigt jene Diskussion, die Germaine Greer und andere Feministinnen 1971 mit Norman Mailer führten.

Von Susan Vahabzadeh

Die Zeit ist unfair, sie schiebt alles beiseite, was ihr im Weg steht, und schreitet unerbittlich voran. Podiumsdiskussionen beispielsweise können noch so furios und spektakulär, gar skandalös sein - es bleibt unwahrscheinlich, dass Jahre später noch ein Hahn nach ihnen kräht. Jene, die im April 1971 in der New Yorker Town Hall stattfand, zwischen Germaine Greer und anderen Feministinnen und Norman Mailer, bildet da eine Ausnahme.

Die legendäre Debatte wurde in den vergangenen Jahren mehrmals auf Theaterbühnen nachgestellt, unter anderen von dem deutschen Regisseur RP Kahl. Der hat aus seinem Re-enactment nun sogar einen Film gemacht, dem man kein Genre anheften möchte: "Als Susan Sontag im Publikum saß". Susan Sontag spielte an jenem Abend eine Nebenrolle - im Titel ist sie wohl, weil die Zeit mit ihr gnädiger verfahren ist als mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Die Hauptrolle spielte der Schriftsteller Norman Mailer, der seine Thesen zu Frauen und biologischen Vorgaben in "The Prisoner of Sex" veröffentlicht und sich damit wenig neue Freundinnen gemacht hatte. Nun diskutierte er mit Germaine Greer, die im Jahr zuvor "Der weibliche Eunuch" herausgebracht hatte, der Autorin Jill Johnston, Jacqueline Ceballos, einer der Anführerinnen der National Organization for Women, und der legendären New Yorker Intellektuellen Diana Trilling, Literaturkritikerin bei The Nation.

Vor der Town Hall war an jenem Abend der Teufel los. Das weiß man deshalb so genau, weil hinten im Saal D. A. Pennebaker und seine Co-Regisseurin und Ehefrau Chris Hegedus standen und alles filmten. Er hatte mit dem bahnbrechenden JFK-Wahlkampf-Film "Primary" (1960) angefangen, nun drehten sie zusammen "Town Bloody Hall" (1979).

RP Kahl spielt nun Norman Mailer selbst und stellt mit seinen Mitstreiterinnen Szenen nach, dazwischen wird aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts diskutiert. Germaine Greer und Diana Trilling hat Kahl mit zwei Frauen besetzt, die auch, wenn sie als sie selbst diskutieren, den Geist ihrer Vorbilder wiederauferstehen lassen: Saralisa Volm, Autorin und Schauspielerin, und Heike-Melba Fendel, im echten Leben Agentin und Autorin.

Im Abgleich von damals und heute sind selbst Leerstellen spannend

"Ich hätte eine andere Rolle nicht übernommen", sagt Heike-Melba Fendel - aber sie mag Trillings Texte, die Nähe zu ihr sieht sie auch selbst. "Ideologien sind die gestrengen Versionen von Mythen", hat Trilling einmal befunden, und auf ihr Verständnis von Feminismus traf das sicher zu. Sie war nicht zu fassen. Heike-Melba Fendel vertritt im Film genau solche Positionen - die sie selbst, aus Lebenserfahrung, und, wie sie nun sagt, aus einem pragmatischen Ansatz heraus gewonnen hat: "Ich muss immer alles mit dem Leben abgleichen können."

Das Jetzt im Abgleich mit historischen Zitaten ist oft faszinierend. Es geht eine Weile drum, ob der Sozialismus helfen würde, und da kann man ein paar der jüngeren Darstellerinnen unbedarft finden, oder man nimmt zur Kenntnis, dass sie eben einen ganz frischen Blick auf diese Frage werfen. Manchmal sind sogar die Leerstellen spannend - Ceballos forderte damals, dass das, was man heute Care-Arbeit nennt, eine bezahlte Tätigkeit wird, und Mailer befand es für politisch machbar.

In "Town Bloody Hall" wie in "Als Susan Sontag im Publikum saß" ist Mailers Auftritt ein Spiel mit der Macht, er hält die Fäden in der Hand, und Kahl nimmt diese Haltung sehr schön wieder auf. "Er lässt zu, dass er in den Diskussionen mit den Frauen manchmal nicht gut aussieht, und genau das lässt ihn dann wieder gut aussehen", sagt Fendel grinsend. "Ein Mann entscheidet, wie weit Frauen ihn vorführen."

Es gehörte schon bei "Town Bloody Hall" zu den interessanten Aspekten, dass die Diskussion eine gesellschaftliche Dynamik spiegelt. Schon deswegen geraten Greer und Mailer in ein rechtes Gerangel - hitzig, aber nicht giftig. Die Sehnsucht nach einer solchen Debattenführung ist dann auch in Kahls Film ein Thema. Eine Auflösung dieses Ringens um Macht bietet die Diskussion natürlich nicht, solange die Verhältnisse sich nicht ändern. Da war der Abend damals schon hoffnungsvoller. Oben auf der Bühne stellte Mailer Greer als "lady writer" vor, und sie zahlte es ihm mit einem Exkurs über den männlichen Künstler und seine aus Unvermögen gespeiste Überheblichkeit zurück. Hinten im Saal entstand "Town Bloody Hall", als Teamwork. Aber das letzte Wort hatte dort Chris Hegedus.

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