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"Tournée" im Kino:Verherrlichung des Bordells

In jedem großen Film steckt Schamlosigkeit - an dieses Motto hält sich die neue Burleske: "Tournée", von und mit Mathieu Amalric. Die üppigen Frauen des Films mögen beim Spiel mit dem eigenen Körper laut, grell und ein wenig schäbig wirken, aber im Innern gibt es ein Glühen, das fasziniert.

Liebe, Enthusiasmus, Begeisterung, die Bestandteile einer erfolgreichen Tournee, stürmisch wachsend von Tag zu Tag, von Station zu Station: If Le Havre loves you, France will love you . . . Joachim macht den Eindruck, als wüsste er Bescheid, als würde er die Regeln kennen, die im Showbusiness gelten, was die Performance angeht und das Publikum.

Kinostarts - 'Tournee'

Der Film "Tournée": Eine unbeschwerte Attacke auf körperliche Correctness, die Frauen tragen Namen wie Dirty Martini oder Kitten on the Keys und Kostüme aus Glitter und Federn, dazu schwere Geschmeide und dicken Lippenstift, sie stecken ihren Kopf und dann den Körper in einen transparenten Ballon, einen zartweißen Uterus, und bringen den dann zum Platzen.

(Foto: dpa)

Er zieht eine potentielle Erfolgslinie für seine Truppe von Le Havre im Norden über Nantes nach Toulon im Süden, ein weiter Bogen, aber die Mitte bleibt leer, er hat keine Bühnen gekriegt in Paris. Der Kredit des Ex-TV-Produzenten ist einfach nicht mehr gut genug, seine Beziehungen sind ausgeleiert.

"Tournée" ist der zweite Le-Havre-Film, der diese Woche in unsere Kinos kommt, böse funkelnd neben Kaurismäkis beschaulicher Märchenstunde "Le Havre". Der Film ist bereits ein Jahr alt, er hat 2010 auf dem Festival in Cannes den Regiepreis mitbekommen - eine Überraschung und eine Freude für Mathieu Amalric, der sein eigentliches Metier, die Schauspielerei, nicht ganz so ernst nehmen kann: "die verrückteste Arbeit der Welt".

Amalric ist ein wendiger Hansdampf in allen Gassen - er hat unter der Regie von Arnaud Desplechin und Valeria Bruni-Tedeschi gespielt, wurde international berühmt in Spielbergs "München" und in Julian Schnabels "Schmetterling und Taucherglocke" und als Daniel Craigs Gegenspieler in dem Bondfilm "Quantum of Solace". In seinem vierten Film als Regisseur, "Tournée", nimmt er sich das Showgenre des New Burlesque vor.

Joachim hat sich in Amerika umgesehen und dort ein paar Frauen entdeckt, die mit der Aura des alten Vaudeville spielen, das burlesk ist und üppig und drall, sie probieren neue Formen der Selbstdarstellung aus, spielen mit dem eigenen Körper, der aggressiv sich den vollschlanken Schönheitsidealen widersetzt.

Wie ein kleiner Junge durch ein Wunderland

Eine unbeschwerte Attacke auf körperliche Correctness, die Frauen tragen Namen wie Dirty Martini oder Kitten on the Keys und Kostüme aus Glitter und Federn, dazu schwere Geschmeide und dicken Lippenstift, sie stecken ihren Kopf und dann den Körper in einen transparenten Ballon, einen zartweißen Uterus, und bringen den dann zum Platzen.

In jedem großen Film steckt Schamlosigkeit, schrieb Jacques Rivette in einem Text zu Renoirs "French Cancan", der vielleicht der schönste und reinste aller französischen The-show-must-go-on-Filme ist - weil er die Moral dieses Metiers beschwört, die mit der gewöhnlichen gesellschaftlichen nichts zu tun hat, sich nur an die Profession und die Professionalität hält. Nochmals Rivette: "Von der ,heiligen Prostitution des Theaters', von der Baudelaire sprach, zur Apotheose des Bordells ist es nur ein Schritt, den Renoir ganz unbefangen tut."

Ein Schritt, den auch Amalric tut in "Tournée", sein Joachim ist Vater, Impresario, Liebhaber, Freund, er wirkt immer ein wenig überfordert und geht durch diesen Film wie ein kleiner Junge durch ein Wunderland. Die Mädchen, die er aus den USA herbeiholt, durchschauen schnell seine Großsprecherei, aber sie akzeptieren seine Zärtlichkeit.

Glück ist immer nur Option

Ein Film, der an der Oberfläche laut und grell und ein wenig schäbig wirken mag, aber im Innern gibt es ein Glühen, das fasziniert, das wärmt. "Als ich ,Tournée' wiedersah", erzählt Amalric, "kam er mir schrecklich angespannt und verzweifelt vor - ich hatte überhaupt keine Erinnerung mehr an den Spaß bei den Dreharbeiten, die Energie der Mädchen, ihre vitale Kraft, unser gemeinsames Bemühen, diesen gewöhnlichen Ort in einen Ort des Begehrens zu verwandeln."

Irgendwann muss Joachim einmal nachts tanken, als er dann ans Kassenhäuschen geht, sitzt da ein blondes Mädchen, er zahlt und sie sagt, um eins hätte sie Dienstschluss, und er ist berührt, verlegen, erregt.

Eine dicke Glasscheibe trennt die beiden, aber es ist eine unglaubliche Spannung zwischen ihnen entstanden in diesen wenigen Sekunden. Doch er muss gehen, und kurz zuvor löst sie noch ihr Haar. Und Amalric muss, um die Spannung abzubauen, bei den beiden und beim Zuschauer, auf eine Halbtotale schneiden, die beide direkt von der Seite zeigt, gegenüber, durch die dicke Glasscheibe getrennt. Das Glück ist immer nur Option in diesem Film, eine Momentaufnahme.

TOURNÉE, F 2010 - Regie: Mathieu Amalric. Buch: Mathieu Amalric, Philippe Di Folco, Marcelo Novais Teles, Raphaëlle Valbrune. Kamera: Christophe Beaucarne. Schnitt: Annette Dutertre. Mit: Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Dirty Martini, Roky Roulette, Kitten on the Keys, Evie Lovelle, Julie Atlas Muz, Angela De Lorenzo. Farbfilm, 111 Min.

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