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Tourismus:Beliebtes Bauwerk

Alljährlich kommen sechs Millionen Besucher, um das Kölner Wahrzeichen zu besichtigen. Dennoch bleibt das Bauwerk in erster Linie eine Kirche, die an hohen katholischen Feiertagen den Gläubigen vorbehalten ist.

Von Bärbel Brockmann

Der Kölner Dom gehört zu den bekanntesten Bauwerken in Deutschland - und zu den am häufigsten besuchten. Jeden Tag kommen zwischen 20 000 und 30 000 Touristen aus der ganzen Welt, um die sechs Millionen pro Jahr. Das sind vier Mal so viele wie auf Schloss Neuschwanstein. Was zieht die Menschen so an? Sicherlich zunächst einmal die imposante Größe der gotischen Kathedrale. Mit einer Länge von 155 Metern und einer Breite von 86 Metern ist der Kölner Dom eine der größten Kirchen der Welt. Dann wohl auch die Architektur, in der alles nach oben zu streben scheint. Die unzähligen steinernen Figuren, Türmchen, Verzierungen und Verschnörkelungen.

Vergangenes Jahr wurde eine Reliquie von Papst Johannes Paul II gestohlen

Aber es sind auch die vielen Kunstwerke in der Kirche, die die Menschen anziehen. Im Grunde ist der Dom ein riesiges Museum. Während der kunsthistorische Laie vielleicht an der Mailänder Madonna vorübergeht, ohne sie als etwas ganz Besonderes zu bemerken und auch nicht weiß, dass das monumentale Gero-Holzkreuz über 1000 Jahre alt ist, die Glasfenster im Chor zu den ältesten und schönsten überhaupt zählen und das Chormosaik mit seinen 1350 Quadratmetern das älteste Kunstwerk im Dom ist, an einem Punkt werden sich früher oder später alle Besucher wiederfinden: am Dreikönigenschrein. Dieses Meisterwerk der Goldschmiedekunst aus dem Hochmittelalter zeigt die christliche Heilsgeschichte von Anbeginn bis zum Weltgericht. Im Schrein befinden sich nach kirchlicher Überzeugung die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Sie wurden 1164 nach Köln gebracht, damals das Zentrum für Reliquien. Der kostbare Neuzugang führte schließlich auch zur Entscheidung, den Dom in gotischem Stil nach französischem Vorbild neu zu bauen, denn man musste den Pilgern eine angemessene Umgebung für den Schatz bieten.

Die Reliquien der Heiligen Drei Könige sind nicht die einzigen im Dom. Das wurde vielen erst klar, als vor einem Jahr eine Reliquie des Papstes Johannes Paul II. gestohlen wurde. Sie war im nördlichen Querhaus ausgestellt aus Anlass der Papstbesuches 1980 in der Stadt. Die Diebe hatten eine Kapsel entwendet, die ein Tuch mit einem Blutstropfen des Papstes enthielt.

Viele Besucher zieht es auch in den Glockenturm, um die St. Petersglocke zu bewundern. Diese Glocke, von den Kölnern liebevoll "Dicker Pitter" genannt, ist mit ihrem Gewicht von 24 Tonnen die größte frei schwebende Glocke der Welt. Sie ist erst knapp 100 Jahre alt und damit für Dom-Verhältnisse noch ein Küken. Die zweitgrößte Glocke, die Pretiosa, war zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung Mitte des 15. Jahrhunderts die größte Glocke der Welt. Wer höhenfest und schwindelfrei ist, kann auch eine Führung über das Dach des Doms buchen. Dabei kann man unbekannte Turmräume mit Depots und Werkstätten der Dombauhütte erkunden - und hat auch noch einen beeindruckenden Ausblick. Besucher, die es nicht in die Höhe zieht, können in die Kellergewölbe aus dem 13. Jahrhundert hinabsteigen - und dort auch Säulen vom Vorgängerbau des Doms und Reste der römischen Stadtmauer betrachten.

Angesichts der täglichen Touristenscharen ist es eine Herausforderung, den kirchlichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Denn trotz seiner Kunstschätze ist und bleibt der Dom eine Kirche. Täglich werden mehrere Messen gehalten. Für manche werden Teile abgesperrt, andere wiederum, etwa an hohen katholischen Feiertagen, nehmen den gesamten Kirchenraum in Anspruch. Besucher können dann nur in den Eingangsbereich gelangen und die Zeremonie still mitverfolgen. Auch zur Beichte werden Bereiche abgesperrt. Dafür sind die Domschweizer verantwortlich. Die Männer in langen, roten Kutten riegeln die Bereiche ab, sie sorgen dafür, dass Touristen sich nicht hineindrängen. Domschweizer - der Begriff lehnt sich an die Schweizergarde im Vatikan an - sind die Ordnungskräfte im Dom. Es sind zwar Laien, doch Frauen ist diese Tätigkeit untersagt. Die Domschweizer sind auch für die Umsetzung der Sicherheitsvorschriften zuständig. Diese wurden angesichts der zunehmenden Terrorgefahr zuletzt noch einmal verstärkt. Seit März dieses Jahres dürfen Besucher keine großen Koffer, Reisetaschen oder Rucksäcke und bei Messen und Konzerten auch keine zusätzlichen Klappstühle in den Dom bringen. Auf Geheiß der Domschweizer müssen auch kleinere Taschen geöffnet werden. Und wer ihnen irgendwie verdächtig verkommt, der bleibt draußen.

Sechs Millionen Besucher können einem Bauwerk schwer zu schaffen machen. Aber es sind nicht in erster Linie die Touristen, die Probleme verursachen. Die Außenfassade des Doms wird nachts immer wieder als Urinal benutzt. Jeden Morgen muss sie mit Wasser abgespritzt werden. Doch der Urin läuft auch unter den Portalen in den Dom hinein, und dort riecht es dann.

© SZ vom 24.06.2017
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