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Tourauftakt von Helene Fischer:Einfach nur: echt

Wenn es ihr zu eng wird, erzählt sie gern, gehe sie in die Berge/in die Natur/in den Wald. Ein unnahbarer Star sei sie nicht, wolle sie auch nicht sein. Sie möchte so perfekt wie möglich sein, aber kein Kunstobjekt, sondern ein Mensch. Sie wolle ihr Publikum immer wieder überraschen, wenn andere bei Konzerten aber einfach nur eins zu eins ihre Platten abspielten, sei das auch eine Möglichkeit. Sicher, sie habe auch ihre Macken. Und natürlich hat sie auch schon mal Tränen in den Augen, wenn sie ein Gefühl überrumpelt. All der Luxus, der sie umgebe, sei sehr schön, aber Glück sei für sie, wenn sie etwas Schönes sehe, zum Beispiel einen Schmetterling. Beim Traumschiff spielte sie eine Reiseleiterin.

Aber jetzt kommt's. Das ist in seiner ganzen läppischen Streberhaftigkeit zwar leicht absurd. Wirkt aber, wie die ganze Show, gar nicht aufgesetzt, sondern einfach nur: echt. Und allen Weisen, die uns die Erkenntnis eingebrannt haben, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, muss man leider antworten: Doch, das falsche! Also im falschen Leben ist das falsche Leben das vollkommen richtige! Und zwar mit erstaunlich unpeinlichen, eher zugeknöpften Glitzerkostümen und ausgebildeter Musical-Stimme.

Helene Fischer wird 30

"Du, ich glaub' dir 100 Lügen"

Das ist so ungefähr die Situation. Und es tut schon ein bisschen weh. Denn es könnte in die Nähe des Grundes führen, warum sich alle kritischen Beobachter, die in den vergangenen Monaten in großen Artikeln versucht haben, das Phänomen Helene Fischer zu durchleuchten, das Falsche, Kalkulierte, Abgezockte, tatsächlich Echte an dieser Frau zu enthüllen - warum sie sich, wie wir hier auch gerade, alle die Zähne daran ausgebissen haben.

Es scheint, als hieße Helene Fischer ihr Helene-Fischer-Sein vorzuwerfen, ziemlich genau dasselbe wie Poliermittel vorzuwerfen, dass es poliert. Oder Gras, dass es wächst. Oder Grün, dass es grün ist.

Inszenierung der normalsten Normalität

Und das ist das Ende aller Kritik. "Teflon Lene", denkt man - und verwirft die Idee gleich wieder, weil einem gar nichts einfällt, was an ihr abrutschen könnte. Damit ist die Frau der kapitalistische Glücksfall schlechthin. Natural Born Perfect. Anders gesagt: Die Frau ist der lebende Beweis, dass der Mainstream-Entertainment-Code geknackt wurde. Wobei sie nicht einfach eine Version des Codes ist, sondern selbst der Code. Wenigstens der deutsche. Was - je länger man darüber nachdenkt - eine sehr rätselhafte mittlere Monströsität hat.

Und so ist auch die Show am Ende wirklich das bislang kaum Vorstellbare: die Inszenierung der normalsten Normalität als ganz große Unterhaltung. Sogar das ZDF hat sich das bei Wetten, dass..? nie so konsequent getraut. Eine Helene-Fischer-Show muss man sich also vielleicht vorstellen wie Wetten, dass...? ohne die irren Wetten. Oder wie das Oktoberfest voller Besucher, die zwar reichlich Bier nachbestellen, aber niemals betrunken werden. Wäre Helene Fischer ein Auto, wäre sie ein Audi A1 oder so eine Golf-Sonderedition mit kleinen bunten Glitzer-Pünktchen hinten auf dem Heck. Ich glaube, sie hat auch eine große Zukunft in China.

© SZ.de/mkoh
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