"Touch Me Not" im Kino Speichelprobe

In einer Therapiestunde erkunden die Teilnehmer in weißer Kleidung die Körper ihrer Übungspartner.

(Foto: Alamode)

Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie erkundet in ihrem Filmessay "Touch Me Not" die Palette der Lust- und Angstgefühle, die fremde Körper beim Menschen hervorrufen können.

Von Philipp Bovermann

Wie über eine Mondlandschaft gleitet die Kamera an der bleichen Haut entlang. Härchen, in der Nahaufnahme so groß wie ein Urwald, scheinen sich darin festzukrallen. Auch die Musik klingt, als befänden wir uns im Landeanflug auf einen fremden Planeten. Ein leise anschwellender Ton, in lustvoll drohender Erwartung der kommenden Trommelschläge. Der Härchenwald verdichtet sich, ein unbekanntes Objekt taucht im Blickbereich der Kamera auf. Es liegt schlaff auf der Seite, wie eine schlafende Katastrophe aus Fleisch, bedrohlich und zart zugleich. Ein Penis.

Schon in dieser allerersten Einstellung von "Touch Me Not" steckt alles drin, worum es in dem Film gehen wird: die Lust an der Begegnung mit fremden Körpern. Aber auch die Angst in der Begegnung mit dem Fremden im eigenen Körper. Der Science-Fiction-Laserblick der Kamera, vor der sich alles kühl entblößt und magisch verwandelt. Die Bedrohung von Gewalt. Sie scheint die weißen Räume grell auszuleuchten, in denen die rumänische Regisseurin Adina Pintilie für ihre Protagonisten eine Art emotionales Versuchslabor eingerichtet hat.

Da ist zunächst Laura, eine Frau um die fünfzig. Sie hat Angst, berührt zu werden, sehnt sich aber danach. Kontakt mit dem anderen Geschlecht sieht für sie so aus, dass sie einen Callboy dafür bezahlt, in ihrem Bett zu masturbieren. Er lässt dort seinen Geruch zurück, anschließend legt sie sich hinein. Atmet tief durch. Mehr geht offenbar nicht. Aber etwas scheint bei ihr Klick zu machen, als sie in einem Krankenhaus durch eine Glasscheibe hindurch eine Therapiestunde beobachtet - fast muss man sagen: bespannt. Drinnen erkunden die Teilnehmer, in weißer Kleidung wie Labormäuse, die Körper ihrer Übungspartner.

Die Sexarbeiterin Hanna hat ihren Brüsten die Namen Gusti und Lilo gegeben

Unter ihnen ist Tómas, der wegen einer genetischen Anomalie kein einziges Haar und außerdem kein Gramm Fett am Körper hat. Er sieht dadurch ein bisschen unheimlich aus. Sein Partner ist Christian, der wegen einer spinalen Muskelatrophie im Rollstuhl sitzt. Während Tómas nur aus scharf geschnittenen Kanten zu bestehen scheint, sieht Christians Körper weich und winzig aus. Wie ein erwachsener Fötus mit Bart und Pferdeschwanz - solche Gedanken, für die man sich schämt, gehen einem durch den Kopf. Christian kann seinen Mund nicht richtig schließen. Faulige Zähne schauen daraus hervor, Speichel rinnt aus seinem Mundwinkel. Er kennt das schon. Die Berührungsängste. Den Ekel. Aber er geht offensiv damit um, bittet Tómas, den Speichel mit einem Tuch abzuwischen. Normalerweise komme man ja mit diesen Körperflüssigkeiten nicht in Kontakt, murmelt ein schwer verunsicherter Tómas. Christian sieht ihn aus seinen meerblauen Augen an. Sprechen kann er fast normal. Der Wunsch wegzuwollen sei nicht schlecht, nicht böse, sagt er. Tómas solle in diese Erfahrung wirklich reingehen. "Du kannst es wirklich durchleben." Tómas antwortet, in Christians Gesicht zu schauen, das sei wie ein Schwindel. Als würde er in einen Abgrund starren. Als würde er fallen.

"Touch Me Not" ist ein filmischer Essay. Er plädiert dafür, sich mutig in diesen Abgrund zu stürzen. Auch wir schauen ja in Christians Gesicht, verschmelzen in Close-ups mit Tómas' aseptischer Haut, betrachten Lauras alternden Körper. Die Regisseurin lässt uns Zeit, die Beunruhigung zu spüren und die darin aufkeimende Intimität zu entdecken. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinn, die Szenen gehen wie Mutationen auseinander hervor, gemäß der Logik eines Traums. Laura und Tómas werden von Schauspielern dargestellt, ihre Figuren sind erdacht. Christian und seine Freundin Grit, mit der er eine offenbar tiefe, ehrliche Liebesbeziehung hat, spielen im Film sich selbst. Ebenso die transsexuelle Sexarbeiterin Hanna. Sie hat ihren Brüsten die Namen Gusti und Lilo gegeben und bringt ein bisschen Leichtigkeit in die kühlen Blau-, Grau- und Weißtöne des Films. Alles atmet hier die Angst, aber auch die Hoffnung, dass jenseits von ihr etwas liegen könnte.

An einer Stelle sitzt die Regisseurin selbst vor der Kamera, sieht direkt in sie hinein, spricht dabei mit Laura und muss lächeln, aber dieses Lächeln gefriert sofort im erbarmungslosen Scheinwerfer-bick der Filmkamera. Adina Pintilie inszeniert eine Dialektik des Angeschautwerdens. Es bedeutet einerseits Verbannung aus dem Paradies seligen Selbstseins, das lernen wir von Christian, dessen Körper nicht für ihn, sondern für seine Mitmenschen "behindert" ist; andererseits liegt darin auch die Hoffnung auf Erlösung aus dem Gefängnis der Einsamkeit. Der Körper, so ahnen wir, beginnt nicht jenseits der Hautoberfläche, sondern im anderen, der ihn betrachtet. Als dieser andere wandeln wir zwischen den Träumereien der Fiktion und den Albträumen des Realen, während Laura Menschen trifft, die ihren seelisch-körperlichen Panzer durchbrechen sollen. Darüber singt Blixa Bargeld fern und heiser: "Die neuen Tempel haben schon Risse / Künftige Ruinen / Einst wächst Gras auch über diese Stadt".

Dass dieser schwierige, lohnenswerte und manchmal abstrakte Film auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat, den Hauptpreis des Festivals, passte einigen Beobachtern nicht. Was wurde da gestänkert! Spröde sei er. Lustfeindlich. Von "Therapiestunde" war die Rede. Der Guardian ätzte über die "peinliche Albernheit" des Films - aber die Briten haben es ja bekanntlich nicht so mit dem Pathos. Das muss man in der Tat zu schlucken bereit sein. Aber sind es nicht oft die großen Filme, die sich haarscharf am Abgrund des Kitschs halten, ohne hinunterzufallen?

Touch Me Not, Rumänien, Deutschland 2018 - Buch & Regie: Adina Pintilie. Kamera: George Chiper. Musik: Ivo Paunov. Mit: Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein, Grit Uhlemann, Adina Pintilie. Alamode, 125 Minuten.