"Touch Me Not" Warum "Touch Me Not" ein würdiger Preisträger ist

Um die Preise gerecht auf die Welt zu verteilen, ging es für die Kategorie bester Schauspieler wieder zurück nach Europa. Der französische Darsteller Anthony Bajon wurde für seine Rolle im Jugenddrama "La prière/Das Gebet" ausgezeichnet. Der Film von Cédric Kahn folgt einer Art Blaupause für Festivalproblemfilme: Junger Mann mit Drogenaffinität kommt in eine christliche Entzugsanstalt in den Bergen, wo er mit sich selbst, Gott und hübschen Französinnen hadert. Theoretisch also recht vorhersehbar, wenn Anthony Bajon diese adoleszenten Strapazen nicht mit einer Unschuld und Energie spielen würde, als hätte vor ihm noch nie jemand Probleme mit sich selbst, Gott oder hübschen Französinnen gehabt - ziemlich beeindruckend.

Bei den Frauen wurde seine paraguayische Kollegin Ana Brun als beste Schauspielerin ausgezeichnet, für "Las herederas/Die Erbinnen". Der Film von Marcelo Martinessi erzählt die Geschichte von zwei älteren Damen, die seit Jahren ein Paar sind und es sich in ihren Beziehungsneurosen mit festen Rollenverteilungen bequem gemacht haben. Als sie auseinandergerissen werden, muss die Verschlossene Chela sich neu erfinden. Durch Zufall wird sie zur Chauffeurin ihres Viertels und fährt Frauen verschiedener Altersklassen und Schichten durch die unsichere Stadt Asuncíon, eine Hommage an weibliche Solidarität in Paraguay. Der Film gewann auch noch einen weiteren Silbernen Bären, den Spezialpreis für "neue Perspektiven".

Keine Deutschen, viele Frauen

Dass die Deutschen, die mit vier Filmen im Wettbewerb waren, vollkommen leer ausgingen, und das trotz eines deutschen Juryvorsitzenden, wird manchen in der heimischen Filmszene sicher verärgern. Was die Präsenz von Frauen unter den Gewinnern betrifft, kann es diesmal dagegen keine Klagen geben.

Den Großen Preis der Jury, den zweitwichtigsten Bären, gewann die Polin Malgorzata Szumowska, die mit der Berlinale bekannt wurde und ihr seit Jahren die Treue hält. Ihr Film "Twarz/Fresse" erzählt die wahre Geschichte vom Bau einer gigantischen Jesusstatue in der polnischen Provinz und von einem Arbeiter, dessen Gesicht bei einem Unfall auf der Baustelle schrecklich entstellt wurde. Eine Kritik von polnischer Bigotterie, tiefkatholischem Aberglauben und Kaltherzigkeit - aber doch viel erwartbarer als der Hauptgewinner.

Ein Film, der die Synapsen seiner Zuschauer neu verdrahtet

"Touch Me Not" handelt von der Angst vor Berührungen und berührt damit seine Zuschauer. Das bestätigte eine weitere Jury, die über das Beste Erstlingswerk zu entscheiden hatte - auch sie wählte diesen Film. Das kleine Wunder, dass darin passiert, kann man wieder sehr gut mit dem schwerstbehinderten Christian erklären. Denn sobald man sich ein wenig daran gewöhnt hat, wie entstellt sein Körper und Gesicht sind, bemerkt man vor allem seine hellwachen, schönen blauen Augen - und beginnt ihm zuzuhören.

Der Mann, man kann es nicht anders sagen, ist furchtlos. Er lebt mit sich und seinem Körper und dem, was er in anderen Menschen auslöst, vollkommen im Reinen. Man sieht ihn mit seiner nichtbehinderten Frau, die ihn mit mütterlicher Fülle trägt und umhüllt, man spürt ihre besondere, intime Beziehung. Dann spricht er darüber, wie viel Freude ihm sein Penis macht, wie normal er funktioniert, wie stolz er auf dessen Größe ist.

Und auf einmal wirkt er nicht nur wie ein ganz normaler Mann, sondern wie ein Vorbild sexueller Befreiung: Man sieht in splitternackt auf einem Divan in einem SM-Club thronend, von den Kurven seiner Frau umflossen, ein König unter Gleichgesinnten, in seinem Reich. Das letzte Bild, das der Film von ihm schafft, hat den ersten, abstoßenden Eindruck vollkommen ausgelöscht. Und ein Film, dem das gelingt, der ein paar Synapsen im Hirn seiner Zuschauer komplett neu verdrahtet - hat der nicht jeden Bären verdient?

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