Topographie des Terrors Zentrale der Niedertracht

Die Nazis waren immer die anderen: Die Ausstellung "Topographie des Terrors" in ihrem neuen Pavillon zeigt, wie öffentlich der Terror unter den Nationalsozialisten war.

Von Jens Bisky

Im Oktober 1948 berichtete Ursula von Kardorff den Lesern der Süddeutschen Zeitung über einen Besuch in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin: "Wir klettern über gesprengte Bunkerwände, durch den zersplitterten Blechzaun schaut das ehemalige Luftfahrtministerium, heute Sitz der Ostzonenverwaltung. Wir gehen hinein. Durch Gewölbe mit getroffenen, herunterhängenden Decken, vorbei am Lift, der wie ein Sarg aussieht, und stehen in einem langen Gang, Öffnung an Öffnung, Zellen!" Die ehemalige Gestapo-Zentrale war Ruine, verfiel.

Die Ausstellung im neu eröffneten Pavillon ist sehr professionell - aber zu vorsichtig.

(Foto: Foto: dpa)

Ursula von Kardorff war 1944 hierher, in die Prinz-Albrecht-Straße 8, vorgeladen worden, da sie Personen aus dem Umkreis des Widerstandes, des "20. Juli" kannte. Nach einem mehrstündigen Verhör wurde sie wieder entlassen. Ihren Begleiter aber hatten die Nazis als "Mischling 2. Grades" eingestuft, mit falschen Papieren aufgegriffen und im Gestapo-Hausgefängnis inhaftiert. Nun, im Herbst 1948, erkannte er alles wieder: "Da - hier steht es noch, ganz klein, mit Bleistift gekritzelt, es war verboten - hier steht es noch: ,Nur Mut', das habe ich geschrieben ...".

Die Fotos, die Norbert Leonard damals machte, sind nun in der "Topographie des Terrors" zu sehen, in der ersten Dauerausstellung im neuen, zweistöckigen Haus der Stiftung. Sie zeigen, was unmittelbar nach dem Krieg noch erhalten war von der Kommandozentrale des SS-Staates. Wenig später fanden die Deutschen endgültig ihren Platz im System des "Kalten Krieges" und konnten sich ans Vergessen machen. Nazis? Das waren die anderen: die Monopolkapitalisten und von ihnen Verführte oder sadistisches Schlägergesindel ohne Werte und Bildung. Das Areal in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße, wo Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt (RSHA) ihre Zentralen eingerichtet hatten, lag direkt an der Zonengrenze, bald warf die Mauer ihren Schatten über das Gelände.

Nun ist dort die - neben dem Mahnmal für die ermordeten Juden - wichtigste NS-Gedenkstätte in der ehemaligen Reichshauptstadt entstanden. Über die Querelen, die das Vorhaben begleitet und beinahe zum Scheitern gebracht haben, ist oft und ausreichend geschrieben worden. Gestritten wurde nicht nur über die dem Ort angemessene Architektur, sondern auch über Ausstellungskonzeptionen und das Gedenkstättenwesen, dem der Historiker Götz Aly vor fünf Jahren in dieser Zeitung "gut dotierte Verwahrlosung" vorwarf.

Seitdem ist vieles besser geworden.

Die Architektur des Pavillons, den Ursula Willms entworfen hat, kann man ohne Übertreibung einen Glücksfall nennen. Zwar mäkelt der durch Instvestorentalmi und Regierungsvierteltand verwöhnte Berliner über den reizlos scheinenden, zweigeschossigen, quadratischen Kasten. Aber dieser ist genau richtig. Man sieht - das ist der größte Vorzug - von Innen immer auf das Gelände. Im Innenhof schimmert ein Wasserbecken. Die 25.000 Bände umfassende Bibliothek wird gut untergebracht, Seminar- und Vortragsräume gibt es auch.

Wie hätte, fragt man sich, das Haus anders aussehen sollen? Gegen die herrschaftlichen architektonischen Gesten der Nachbargebäude - Gropius-Bau, Abgeordnetenhaus und Finanzministerium - kommt man wohl nur durch Monumentalisierung an. Aber will man sie an einem Ort der Täter? Der Schrecken des hier mit Tatkraft, Initiative und Leidenschaft organisierten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzugs verbietet das feierlich Erhabene.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, womit es einem die Sprache verschlägt.

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