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Toon Horstens Buch "Der Pater und der Philosoph":Wunder im Bettelmönchsgewand

Edmund Husserl um 1900.

(Foto: Alamy / The History Collection/Mauritius Images)

Toon Horsten hat die abenteuerliche Geschichte der Rettung des Nachlasses des Philosophen Edmund Husserl vor den Nazis recherchiert.

Von Willi Winkler

Als der Besucher das "Asyl dieses Geistes" durch ein schmiedeeisernes Tor erreichte, betrat er "eine andere, stillere Welt". Die Bibliothek des Philosophen befand sich in einem "knorrigen, spitzgiebeligen Ziegelsteinhaus" und war nur über eine Holztreppe zu erklimmen, natürlich musste sie aus Holz sein. Drinnen: Eine Gelehrtenstube, wie eben vom großen Geist verlassen. Die Bücher, zwei Wände voll, gerettet. In der Kant-Ausgabe in "mikroskopisch kleiner" Schrift Randbemerkungen; in der Erstausgabe von "Sein und Zeit" wird der Schüler Martin Heidegger mit "Befremden und Unverständnis" bedacht.

Sechs weitere Regalmeter beansprucht der Nachlass, in Stahlschränken sicher verwahrt: 40 000 Seiten in klassischer Gabelsberger-Kurzschrift hat der 1938 gestorbene Phänomenologe Edmund Husserl mit seinen Gedanken gefüllt, ein ungeheures Werk und bis heute nicht vollständig entziffert und veröffentlicht.

Mehr als drei Jahrzehnte ist es inzwischen her, dass der FAZ-Redakteur M. O. C. Döpfner, der heute unter dem Namen Mathias Döpfner Chef des Springer-Verlags ist, das Husserl-Archiv im belgischen Leuven betrat und von diesem Schatz berichten konnte. Die Geschichte des Archivs, wie es in letzter Minute von einem Bettelmönch gerettet wurde und nach Leuven gelangte, erzählt Toon Horsten nun in einem kuriosen kleinen Buch. Es handelt sich um einen echten Wissenschaftskrimi, mit dem Unterschied allerdings, dass es gar keiner ist, sondern Zeitgeschichte: Die Geisteswelt des vergangenen Jahrhunderts, und wie sie aus dem Philosophenturm vertrieben wurde.

Als der Jude Husserl 1938 starb, wagte sich neben Walter Eucken von den Kollegen nur noch Gerhard Ritter ans Grab

Edmund Husserl war 1928 an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität emeritiert worden, um sich einem nie vollendeten Hauptwerk zu widmen. Nach der Machtübergabe 1933 wurde er als Jude Opfer der zunehmenden Repression, betrieben auch von dem kurzzeitigen Rektor Heidegger, der aus der Neuauflage von "Sein und Zeit" die Widmung für seinen Lehrer streichen würde. Am 22. August 1933 schreibt Heidegger an Carl Schmitt (und das altgriechische Wort für Streit und Krieg, wie unter diesen Geistesbarbaren selbstverständlich, in griechischen Buchstaben): "Aber nun stehe ich selbst mitten im pólemos; und Literarisches muß zurücktreten."

Diesem pólemos wäre beinah auch Husserls unveröffentlichtes Spätwerk zum Opfer gefallen. Als er seine Lehrerlaubnis verlor und vom Sommersemester 1936 an auch nicht mehr im Vorlesungsverzeichnis erscheinen durfte, bot der Volkswirtschaftler Walter Eucken den Freiburger Studenten als Ausgleich die Reihe "Der Kampf der Wissenschaft" über Sokrates, Spinoza und Galilei an, wofür er wiederum von dem neu nach Freiburg berufenen Juristen Theodor Maunz der fehlenden weltanschaulichen Grundlage geziehen wurde. Maunz rühmte sich, dass ihn "Reichsrechtsführer" Hans Frank schriftlich für seinen "Kampf gegen das Judentum" gelobt habe. Wie gefestigt Maunz war, bewies er in seinem Werk "Gewalt und Recht der Polizei" (1943), in dem er dekretierte: "Der Auftrag des Führers ist schlechthin das Kernstück des geltenden Rechtssystems und seinem innersten Wesen verbunden."

Toon Horsten: Der Pater und der Philosoph. Die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. Galiani Verlag, Berlin 2021. 288 Seiten, 24 Euro.

Maunz wurde nach dem Krieg schnell rehabilitiert und stieg zum Minister und zum maßgeblichen Kommentator des Grundgesetzes auf, wurde der Doktorvater von Roman Herzog und Rupert Scholz und arbeitete daneben heimlich für Gerhard Frey, den Besitzer der National-Zeitung. Hannah Arendt zitierte Maunz in der Originalausgabe von "Eichmann in Jerusalem" als einen der "bekanntesten Verfassungsrechtler im Dritten Reich, gegenwärtig bayerischer Minister für Unterricht und Kultur". Ihr Münchner Verleger Klaus Piper bat sie, den guten Mann für die deutsche Ausgabe wegzulassen, sie tat es.

Als Husserl starb, wagte sich neben Eucken von den Kollegen nur noch Gerhard Ritter ans Grab. Inzwischen drohte auch Husserls Witwe Malvine Gefahr, da meldete sich ein belgischer Franziskanerpater, ein, wie Horsten sich ausdrückt, "Wunder im Mönchsgewand".

Der 27-jährige Leo Van Breda, Ordensname Herman, plante an der katholischen Universität Leuven eine Doktorarbeit über Husserls phänomenologische Reduktion. In der Hoffnung, im Nachlass Material zu finden, reiste er im August 1938 nach Freiburg, wo Husserl vier Monate zuvor gestorben war. Malvine Husserl gewährte ihm Einblick in den Nachlass, überließ ihm auch mehrere unveröffentlichte Texte und überlegte, wie sie mit seiner Hilfe in die USA auswandern könnte, wo ihre Kinder lebten.

Zunächst galt es, den Nachlass zu sichern, was die sogenannten Zeitläufte nach Kräften verhindern wollten. Im Frühjahr war bereits Österreich heim ins Reich geholt worden, jetzt erhob Hitler Anspruch auf das Sudetenland und bedrohte die Tschechoslowakei. Husserls Papiere wurden in drei Reisekoffer gepackt und sollten in der neutralen Schweiz in der Klinik des Psychoanalytikers Ludwig Binswanger versteckt werden. Eine befreundete Ordensschwester fuhr mit den Koffern von Freiburg nach Konstanz in ein Kloster und meldete sich in Kreuzlingen jenseits der Grenze, wurde aber angeblich von Binswangers Frau abgewiesen. "Auch wir sind für Hitler", soll sie gesagt haben, was einigermaßen unwahrscheinlich ist, weil Binswanger nicht bloß Husserl verehrte, sondern auch Sigmund Freud Asyl angeboten hatte.

Die Zeit drängt, oder vielmehr die Politik, und es kommt zum Wettlauf mit den deutschen Expansionsgelüsten. Am 22. September 1938 trifft sich der britische Premier Neville Chamberlain in Bad Godesberg mit Hitler. Während die beiden über die deutsche Forderung nach Abtretung des Sudentenlandes verhandeln, reist Van Breda am gleichen Abend mit den drei Koffern von Konstanz nach Berlin, wo er sie in der belgischen Botschaft versteckt. Als im November in Deutschland die Synagogen brennen, passiert der Nachlass eines jüdischen Philosophen als Diplomatengepäck ungehindert die Grenze. Als Folge des Münchner Abkommens, dank dessen Hitler das Sudentenland annektieren darf, wird in Belgien eine Teilmobilmachung verordnet. Der Krieg kündigt sich an.

Zu Lévinas sagte er: "Sie haben es doch mir zu verdanken, dass Sie so berühmt sind."

Der Pater organisiert den Umzug Malvine Husserls, die mit der Bibliothek und dem ganzen Hausrat nach Leuven kommt. Herman Van Breda ist zwar jetzt im Besitz der Papiere, aber er selber kann die Gabelsberger gar nicht lesen. Deshalb reist er nach Prag, wo ein weiterer Teil des Nachlasses liegt, aber vor allem, um Husserls ehemaligen Assistenten Ludwig Landgrebe für die Transkription anzuwerben. (Horsten erwähnt nicht, dass Landgrebes Schwager der spätere Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt ist, der im gleichen Jahr 1938 von den Eltern zu seiner Sicherheit nach Frankreich geschickt wird.) Aus Freiburg kommt Eugen Fink dazu, und die Arbeit am Text könnte beginnen, wenn nicht die Deutschen 1940 Belgien überfallen würden. Bei der Bombardierung Leidens brennt die Universitätsbibliothek aus. Der Husserl-Schatz übersteht das Feuer, der Pater hatte ihn auf verschiedene Orte verteilt; ein Teil war zwischendurch sogar eingemauert.

Landgrebe und Fink werden interniert, dann nach Deutschland zurückgeschickt. Malvine Husserl schwärmt vom Pater und lässt sich schließlich sogar von ihm katholisch taufen. Als er seine Dissertation verteidigt, ist sie sein Ehrengast. Sie überlebt den Krieg in einem Kloster und kehrt dann nach Freiburg zurück. Ihr Retter überreicht ihr 1950 den ersten Band der "Husserliana".

Noch 1942 konnte Van Breda den Österreicher Stephan Strasser als Bearbeiter des Nachlasses gewinnen, und der setzt die Entzifferung während der deutschen Besatzung als Untergrundarbeit fort. Durch Strasser wird die Verbindung mit Paris geknüpft, vor allem zu Maurice Merleau-Ponty. Sartre kennt Husserl bereits aus seinem Deutschlandaufenthalt im Jahr 1933. Wichtig auch die Verbindung mit Marvin Farber in Buffalo, der Zeitschrift Philosophy and Phenomenological Research gründet.

Über Van Bredas Qualifikation als Philosoph ist in dem Buch wenig zu erfahren. Er habe an "Ideenflucht" gelitten, heißt es. Der Krieg verhinderte, dass die Dissertation gedruckt wurde. Der Nachlass blieb das "papierene Herzstück seines Lebens und Denkens", wie Horsten über seinen Helden schreibt, den er dabei keineswegs unkritisch schildert. So ist beiläufig zu erfahren, dass er "kein besonders guter Lehrer" war und oft unvorbereitet zum Unterricht erschien. Fürs Lehramt war er viel zu umtriebig, er musste doch ständig Geld für sein Archiv auftreiben, für die Finanzierung der Assistenten sorgen, den Ruhm seines Meisters mehren.

Als Einwerber von Erst-, Zweit- und Drittmitteln war Van Breda ein Genie und blieb als Franziskaner Bettelmönch. Sonst war er mit dem Eremitentum allenfalls durch die braune Kutte verbunden, die er in späteren Jahren, wenn er auf Reisen ging, gern im Kloster zurückließ. So bildete er sich zum Wissenschaftsmanager fort, der - und damit rundet sich das Charakterbild des 1974 verstorbenen Paters - beizeiten sehr fordernd auftreten konnte und nicht immer zur Demut neigte. "Sie haben es doch mir zu verdanken, dass Sie so berühmt sind", soll er den Philosophen Emmanuel Lévinas angeherrscht haben. Das war nur wenig übertrieben, und Lévinas wusste, was er und die Husserl-Gemeinde Leo Herman Van Breda zu verdanken hatten: "Seine Güte und seine akademische Feinsinnigkeit manifestierten sich immer in diesem Lachen, in der Fröhlichkeit des zufriedenen Bauern, der weiß, dass er dem Teufel ein Schnippchen geschlagen hat."

© SZ/crab
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