Tom Cruise und Scientology Der Antichrist der Celebrities

In seinem Buch über Tom Cruise beschreibt Andrew Morton den Star als Marionette und Superman von Scientology - und warum er wirklich den Anfall auf der Couch bekam.

Von Jörg Häntzschel

Um es gleich vorwegzunehmen: Auch Andrew Morton kann keine Beweise dafür liefern, dass der 1986 gestorbene Scientology-Gründer Ron Hubbard der wahre Vater von Suri ist, dem Kind von Katie Holmes und Tom Cruise. Aber er fügt den seit langem kursierenden Gerüchten vom eingefrorenen und später Katie Holmes eingepflanzten Sperma des Sektenführers immerhin eine blumige Assoziation hinzu: "Katie hätte sich fühlen können wie in einer wahr gewordenen Version von 'Rosemary's Baby'", schreibt er dreist.

Der Grinsemann

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Diese vorab lancierte Passage vor allem sorgte wie geplant dafür, dass das Getöse um Mortons am heutigen Dienstag in den USA erscheinende Cruise-Biographie schon jetzt ohrenbetäubend ist. Anwälte des Stars und Sprecher von Scientology erwägen eine 100-Millionen-Dollar-Klage; namenlose Scientology-Anhänger attackieren das Buch auf Tausenden Websites; der Autor ist untergetaucht; australische Buchhandlungen wollen das Werk aus Angst nicht führen; in England, wo Autoren im Prozessfall juristisch wenig Schutz genießen, kommt das Buch gar nicht erst auf den Markt.

Dass Cruise, grob gesagt, spinnt, ist ein Gemeinplatz, spätestens seit er 2005 bei Oprah Winfrey auf der Couch herumsprang und die entgeisterte Talk-Tante an den Schultern packte - alles, um seine neue Liebe für Katie Holmes zu illustrieren. Ernster war ein zweiter Ausfall, als Cruise im Frühstücksfernsehen mit Pitbull-Miene gegen Psychiatrie und Antidepressiva ausholte.

Eben noch der Superboy

Cruise schien sich in die länger werdende Liste der Showbiz-Berühmtheiten einzureihen, die im Medienzirkus die glamouröse Divenrolle gegen die des Freaks eintauschen - neben Britney Spears' bunter Selbstzerstörung oder Michael Jacksons Abenteuer in plastischer Chirurgie.

Für einen Boulevard-Mann wie Andrew Morton, der schon Biographien von Prinzessin Diana, Madonna und Monica Lewinsky geschrieben hat, ist einer wie Cruise ein gefundenes Fressen: eben noch der All-American-Superboy mit dem Neutronenlächeln aus "Top Gun", dann der wie kein anderer von Gerüchten um seine sexuelle Orientierung und die wahre Natur seiner drei Ehen verfolgte Megastar, dessen öffentliche Persona unübersehbare Sprünge bekommt.

Doch im Fall von Tom Cruise hat das Starschicksal eine zusätzliche Dimension: Cruises Abstieg ins Bizarre, für den er von seinem langjährigen Studio Paramount gefeuert wurde, ist untrennbar verknüpft mit seinem Aufstieg in den Rängen von Scientology.

Wie in der "Truman Show"

Tatsächlich legt Morton mit seinem Buch einen Genrezwitter vor. Teils handelt es sich um eine trashige Celebrity-Biographie - für die Fans immer ganz nah dran am Körper geschrieben (die romantisch fallenden Haare, der Ringerkörper, die Muskeln, die für jeden Film auf- oder abtrainiert werden, und dann vor allem: die Zähne!). Teils um einen packenden Thriller, der erzählt, wie die Sekte den jungen Star für ihre Zwecke rekrutiert hat und von diesem Zeitpunkt an sein Leben steuert "wie in einer im echten Leben spielenden Variante der ,Truman Show'."

Die ersten Kapitel, in denen Morton beim unscheinbaren Highschool-Cruise mühsam nach ersten Anzeichen für das später legendäre Charisma sucht, lesen sich wie Pappe. Und die aus Cruises unglücklicher Familiensituation, seiner Legasthenie und seiner geringen Körpergröße zusammengestrickte Opferstory, die zur Erklärung seines späteren eisernen Siegeswillens bemüht wird, gehört nicht zu den Höhepunkten der Psychologie.

Interessant wird es, wenn das vom frischen Star-Status besoffene Teenie-Idol seiner ersten Frau, der Scientologin und Schauspielerin Mimi Rogers in die Arme läuft. Morton lässt keinen Zweifel daran, dass die Begegnung im "Celebrity Center" und im "Situation Room" der Kirche angebahnt wurde. Belege hat er nicht.

Sie liebten sich, aber er war nicht schwul

Noch ein paar Jahre der sanften Indoktrination, des "Auditing" und der "E-Meter"-Sitzungen - und der Schlüsselszene des Buchs steht nichts mehr im Wege: dem Besuch in Gold Base, dem schwerbewachten Wüstencamp von Scientology, wo Cruise dem Führer der Sekte David Miscavige begegnet. "Der wichtigste Rekrut aller Zeiten ist dabei, gesichert zu werden. Seine Ankunft wird das Gesicht von Scientology für immer verändern", soll Miscavige - im üblichen Scientology-Sprech - die "über Jahre geplante" Visite angekündigt haben. Die von ihm befehligte "Sea Org"-Truppe aus Elitedrohnen, die der Sekte für "eine Milliarde Jahre" Gehorsam geschworen haben, schufteten in Erwartung des Gastes rund um die Uhr.

So dankbar man Morton für seine Distanz zum Sujet ist, so durchsichtig sind viele seiner Taktiken: der ewig raunende Ton, die sprachlichen Klischees, der Trick mit den erfundenen Details, mit denen Morton Augenzeugenschaft erschwindelt. Am ärgerlichsten sind die zahllosen Dementis von Cruises angeblicher Homosexualität, die Morton nur einstreut, um den Spekulationen neue Nahrung zu geben. Besonders schmierig erscheinen diese kalkulierten double-entendres, wenn es um die Freundschaft von Cruise und seinem Sektenführer geht: "Sie liebten sich, aber es war nicht schwul", schreibt Morton - und insinuiert natürlich das Gegenteil.

Für immer verändert hat sich aber nicht die Kirche, sondern die Persona von Cruise: Seitdem der weltgrößte Charmeur dem Charme von Miscavige erlag, so Morton, bewegte sich Cruise im Takt, der ihm aus der Scientology-Zentrale vorgegeben wurde.

Nicole Kidman als Sicherheitsrisiko

Kaum hatte er Nicole Kidman kennengelernt, schleppte er sie in Scientology-Kurse und verbrachte Wochen mit ihr im eigenen Bungalow in Gold Base. Bald waren die beiden ausschließlich von Scientology-Leuten umgeben: Anwälte, PR-Leute, Putzfrauen, Kindermädchen: alle stramm auf der Linie der Kirche - um den Star abzuschirmen von allem, was er nicht erfahren sollte, und um umgekehrt jede unbedachte öffentliche Äußerung seinerseits zu unterdrücken.

Doch Kidman beklagte sich nicht nur über die Dauerüberwachung. Mit ihrer katholischen Erziehung und einem Psychologen als Vater war sie für die Sektenideologen ein Sicherheitsrisiko. Also wurde sie ersetzt durch die leichter manipulierbare Katie Holmes. Denn laut Morton ist es Cruise letztlich gleichgültig, welche Frau an seiner Seite den roten Teppich abläuft, solange sie halbwegs repräsentativ ist. Was die Sekte und er verlangen, ist die völlige ideologische Ergebenheit in ihr totalitäres System, dessen wichtigstes Aushängeschild und inoffizielle Nummer zwei er geworden sei.

Auf Oprahs Couch sei er auch nicht verrückt vor Liebe herumgesprungen, sondern weil er zuvor den Level des "Operating Thetan VII" erreicht habe, für Scientologen die Schwelle zum Superman-Status.

Schwer zu sagen, wie weit man Morton folgen will bei seiner hitzigen Dämonisierung von Cruise zum Antichristen der Celebrity-Welt, dessen Star-Status der Sekte für die Übernahme der Weltherrschaft dienen soll. Auch Morton selbst weiß nicht recht, wie er die Sache beenden soll - so ist es, wenn man die Biographie eines 45-Jährigen schreibt.

Das Dénouement, auf das er 334 Seiten lang hinarbeitet, fällt jedenfalls aus: "Vielleicht ist die komplexeste Rolle, die er jemals spielte, Tom Cruise selbst", schließt er unverbindlich.

Is' was, Kleiner?

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