Tölzer Knabenchor Schwerer Abschied

Perfektionist Gerhard Schmidt-Gaden bei seiner Lieblingsarbeit.

(Foto: Sigi Jantz)

Letztes Konzert unter Gerhard Schmidt-Gadens

Von Sabine Reithmaier, Bad Tölz

Vom Aufhören sprach er zum ersten Mal vor 20 Jahren. Aber wirklich durchringen zu einem endgültigen Schritt konnte sich Gerhard Schmidt-Gaden nie. Zu sehr hing der Gründer und Kopf des Tölzer Knabenchors an seinem Lebenswerk. Jetzt erzwingen Krankheit und Alter den Abschied des 78-Jährigen: An diesem Freitag übergibt er anlässlich eines Konzerts in der Tölzer Stadtpfarrkirche das Dirigentenpult an seine beiden Nachfolger Christian Fliegner und Clemens Haudum, die seit September 2014 den Chor leiten. Damit endet eine Ära: Unstrittig hat Schmidt-Gaden in den 60 Jahren seines Wirkens Chorgeschichte geschrieben, internationale Höhepunkte erreicht und aufsehenerregende, mit Preisen bedachte Aufnahmen gemacht, auch wenn in der letzten Zeit der Ruhm schon etwas verblasste.

18 Jahre ist der 1937 in Karlsbad geborene Oberrealschüler alt, als er im Januar 1956 aus einer Pfadfindergruppe den Singkreis Bad Tölz formt. Er selbst will Sänger werden, ein Heldentenor und nicht ein Lehrer, wie es sich seine Familie wünscht. Er nimmt Unterricht bei berühmten Sängern wie Helge Rosvaenge, Otto Iro und Mario Tonelli, studiert Dirigieren bei Kurt Eichhorn in München. Und kümmert sich um seinen "Tölzer Knabenchor", wie der Singkreis seit einer Elternversammlung 1957 heißt. Die erste Konzertreise in diesem Jahr geht nach Südtirol.

Ein Jahr später lernt Schmidt-Gaden Kurt Thomas kennen, den Leiter des Thomanerchors in Leipzig. Die Begegnung mit dem Thomaskantor prägt den jungen Musiker. Drei Jahre studiert er in Leipzig, konzentriert sich auf Quellenforschung. Er entdeckt, dass Bach für seine Kantaten und Passionen Sopran- und Altsolisten aus seinem Chor rekrutierte und - da Frauen in der Kirche zu schweigen hatten - für hohe Lagen Knabenstimmen nutzte. Und noch etwas übernimmt er für seinen Chor: Bach beschäftigte nur Sänger, die ausgebildete Solisten waren. Daher wird auch jeder Tölzer Knabe solistisch geschult.

Der Chor entwickelt sich rasant. Endgültig geschafft ist der Durchbruch, als 1961 erstmals drei Solisten des Knabenchors für eine Münchner "Zauberflöten"-Inszenierung mit Fritz Wunderlich, Hermann Prey und Anneliese Rothenberger engagiert werden. Es wäre interessant auszurechnen, wie oft und in wie vielen Opernhäusern die Tölzer seither die drei Knaben gesungen haben. Bald scheint der Chor, auch wegen der spektakulären Bach-Aufnahmen mit Nikolaus Harnoncourt, für authentische Bach-Passionen unerlässlich zu sein, genauso wie für andere Originalklang-Erlebnisse von Schütz bis Schubert.

Finanziell hat der Chor gelegentlich zu kämpfen. Die Existenzangst begleite ihn wie die Musik, pflegt sein Gründer anzumerken. Anders als etwa die Regensburger Domspatzen hat der Chor keinen kirchlichen Träger, sondern ist auf Honorare angewiesen, muss 250 Konzerte pro Jahr bestreiten. Dafür leben die 200 auf vier Chöre verteilten Buben aus München und Oberbayern nicht im Internat, sondern zu Hause. Schmidt-Gaden ist ein Perfektionist, ein Leistungsfanatiker. Der Umgangston ist rau, der Druck auf die Knaben bei der internen Auslese hart. "Alle singen vor, die besten zwanzig dürfen mit", sagt er in einem Gespräch. "Da gibt's schon mal böses Blut, doch das ist eine gute Vorbereitung fürs Leben." Manche Eltern sehen das anders, und der Königsdorfer Schriftsteller Christopher Kloeble, einst selbst Tölzer Knabe, setzt sich in seiner Erzählung "Das Fass von Königsdorf" ziemlich kritisch mit dem Gebaren des "Chefs" auseinander.

Jetzt muss der Chor ohne ihn auskommen. Und, was sicher nicht leicht ist: das Niveau halten. Was die Tölzer Knaben ihrem Chef zum Abschied singen? Eigentlich keine Frage: Bach-Motetten natürlich.

Tölzer Knabenchor, Freitag, 29. Januar, 19.30 Uhr, Stadtpfarrkirche Bad Tölz.