"Die große Heuchelei" auf Instagram:Jürgen Todenhöfer Superstar

Jürgen Todenhöfer

Jürgen Todenhöfer will seinen Followern "neuen Halt" bieten.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete bläst auf Instagram zum "Aufstand der Anständigen".

Von Willi Winkler

Wo mag das sein? Im schottischen Hochland? An einem norwegischen Fjord? Jedenfalls weit draußen, echtes Outdoor. Die Drohne kreist und packt sich einen bärtigen Mützenträger. Biologisch-dynamisch, wie er so dahinstapft hoch überm Meer, weiß er und sagt es auch, dass "es" mehr ist als eine Revolution. Was dann? Eine Reformation, eine Reanimation, oder meint der Naturbursche doch die Präsentation der Frühjahrskollektion von Patagonia? Was das "es" ist, wird nicht deutlicher, wenn junge Menschen merkwürdig sediert und entschieden konterrevolutionär durch geschmackvolle Innenräume wandeln, mit Baskenmütze Auto fahren und von Orientierungslosigkeit faseln. Einer joggt auf die Kamera zu, noch einer kniet auf einem Gebetsteppich, bis sich der Rebus auflöst, weil eine Leserin ihr nicht sehr zerlesenes Buch zuklappt. Tasse absetzen, Kamera zoomt durch die Sitzlandschaft auf den Titel: Es heißt "Die große Heuchelei" und stammt, wie der fünfminütige Instagram-Bilderreigen, von Jürgen Todenhöfer.

Der ehemalige Richter, Bundestagsabgeordnete und Medienmanager Todenhöfer, den Herbert Wehner einst im Bundestag mit einer unschönen Silbenverdrehung anredete, ist gerade achtzig geworden und zur Feier des Tages aus der CDU ausgetreten. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn der Mann nicht gleichzeitig mit diesem Verzweiflungsakt von Motivationsfilm zum "Aufstand der Anständigen" bliese. Todenhöfer hat dem Bösen in mannigfaltiger Gestalt ins Auge gesehen, darum sammelt er jetzt bei seinen Followern, die den "neuen Halt" suchen und "diesem ganzen Gegenwind strotzen, äh trotzen", den "Spirit von Aufbruchsstimmung" ein.

Screenshot aus Instagram-Werbevideo zur neu gegründeten Partei "Team Todenhöfer"

Großes Kino von Todenhöfer: Ist es eine Revolution - oder nur die neue Patagonia-Kollektion?

(Foto: juergentodenhoefer/Instagram/juergentodenhoefer/Instagram)

"Es ist Zeit", brüllt es gleich bildfüllend in Versalien und "Es geht los". Was da losgeht und wofür außer für eine Tasse Tee Zeit ist, erfährt man nicht. Nach der aristotelischen Dramentheorie hat das als die Schürzung des Knotens zu gelten, also auf gut Deutsch die Katastase. Die Spannung steigt, als eine junge Frau zu dem Bekenntnismonolog ansetzt, dass sie sich noch nie mit einer Partei so richtig identifizieren konnte (Peripetie). Die Politik sei "fernab", fällt ein anderer ein, und noch einer ergänzt, dass "ganz, ganz viel zerbricht". Als die Spannung kaum mehr zu ertragen ist, das retardierende Moment, in dem "die Lobbys dahinterhängen oder so". Doch dann platzt endlich der Knoten, statt der Katastrophe folgt aber zum Glück die Offenbarung: "Mut zur Wahrheit", "Mut zur Menschlichkeit" blinkt es, glückliche junge Gesichter erscheinen, und, umjubelter Höhepunkt, es fährt die Faust von Todenhöfer ins Bild. Der Erlöser ist da, er wird, Spoileralarm!, die Revolution bringen. Oder so.

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