Tod mit 90 Jahren Walter Jens ist tot

Er war eine moralische Instanz und wurde als "kleiner Voltaire der Bundesrepublik" tituliert. Der Philologe Walter Jens galt in den Achtzigern als prominentester Literaturkritiker neben Marcel Reich-Ranicki. Am Sonntagabend ist er im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben.

Der Philologe und Schriftsteller Walter Jens ist tot. Er sei am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben, sagte sein Sohn Tilman Jens am Montag der Nachrichtenagentur dpa.

Der Rhetorikprofessor und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste litt seit vielen Jahren an schwerer Demenz. Jens war als kämpferischer Wächter der Demokratie hervorgetreten und hatte sich als "Redner der Nation" für eine tolerante Streitkultur in der Bundesrepublik eingesetzt.

Jens, am 8. März 1923 in Hamburg geboren, war aufgrund schweren Asthmas "nicht kriegsverwendungsfähig" und studierte Klassische Philologie und Germanistik in Freiburg, wo er 1944 mit einer Arbeit über Sophokles promovierte. Als junger Schriftsteller machte er mit Erzählungen und Romanen auf sich aufmerksam, sein Werk "Nein. Die Welt der Angeklagten" fand auch in Frankreich große Beachtung.

Im Lauf der Jahre wurde Jens immer mehr zum Kritiker - in der FAZ, der Zeit und als Mitglied der "Gruppe 47". Manche nannten ihn in Anlehnung an den streitbaren Geist im Frankreich des 18. Jahrhunderts einen "kleinen Voltaire der Bundesrepublik". Als Literaturkritiker war er bis in die achtziger Jahre nahezu ebenso bekannt wie Marcel Reich-Ranicki. Mit dem langjährigen Freund kam es jedoch zwischenzeitlich zum Bruch, als Jens Reich-Ranickis TV-Sendung "Das literarische Quartett" als "unsensibel, töricht und traurig" bezeichnet hatte. Erst nach zehn Jahren sollen sich die beiden 2004 wieder versöhnt haben. Von 1989 bis 1997 war Jens Präsident der Akademie der Künste in Berlin.

Viele sahen in Jens eine "moralische Instanz" und einen engagierten Demokraten. Zusammen mit Schriftstellerkollegen wie Heinrich Böll demonstrierte er 1984 gegen die Stationierung von Pershing-Raketen. Dabei ließ er sich von keinem Kanzler, Präsidenten oder anderem Landesherrn einschüchtern."Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt", sagte Jens einmal. "Man muss auch eher verlieren können als sich anzupassen." Seiner Universität in Tübingen blieb er als Professor für Klassische Philologie verbunden, 1963 richtete man ihm einen Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik ein. Und die Stadt war zeit seines Lebens stolz auf den Philologen.

Mehrmals arbeitete er mit seiner Frau Inge zusammen. Das Ehepaar veröffentlichte er die Biographie "Frau Thomas Mann" über die Lebensgeschichte von Katharina Mann, sowie "Katias Mutter", eine Biographie über die Schwiegermutter Thomas Manns, Hedwig Pringsheim. Mann war für Jens ein literarisches Vorbild, er verteidigte den Autor sogar öffentlich während des Nazi-Regimes und nannte ihn einen großen Dichter, was damals als "Heimtückeverbrechen gegen Volk und Staat" galt.

Inge Jens hatte in den vergangenen Jahren sehr offen über die Krankheit ihres Mannes gesprochen, um die Gesellschaft für die Probleme der Demenz zu sensibilisieren. "Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe", sagte sie vor drei Jahren im Stern. Sohn Tilman veröffentlichte 2009 das Buch "Demenz. Abschied von meinem Vater", in dem er die schwere Erkrankung seines Vaters schildert. Aufgrund der kritischen Betrachtung des Themas bezeichneten einige das Werk jedoch als "Vatermord". Der 90-Jährige litt seit neun Jahren an der Krankheit.

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