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"Tocotronic":Die Jugend - Hölle oder schönste Zeit des Lebens?

Ein Gespräch mit den "Tocotronic"-Musikern Dirk von Lowtzow und Jan Müller über die Glorifizierung des eigenen Lebens und die Schwarzwaldhölle.

"Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben", "Liebes Tagebuch", "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein": Als Tocotronic in den Neunzigerjahren anfingen, Musik zu machen, handelte die meist von den Schmerzen des Erwachsenwerdens. Ihr neues Album "Die Unendlichkeit", das am Freitag erscheint, ist eine Pop gewordene Autobiografie des Sängers und Songwriters Dirk von Lowtzow. Zeit für ein Gespräch mit ihm und dem Bassisten Jan Müller über das Älterwerden und den Blick zurück auf sich selbst als jungen Menschen.

Tocotronic, Die Unendlichkeit

Jan Müller (links) und Dirk von Lowtzow (Zweiter von links) mit den Bandkollegen Rick McPhail und Arne Zank.

(Foto: Michael Petersohn)

Die Texte früher Tocotronic-Lieder waren oft sehr konkret, wirkten stark autobiografisch. Dann, ab dem weißen Album, wurden sie abstrakter. Jetzt geht es wieder ums Angestarrtwerden auf der Straße als Jugendlicher. Wieso diese Rückkehr zur autobiografischen Konkretion?

Dirk von Lowtzow: Ich hatte jetzt zum ersten Mal das Gefühl, tatsächlich zurückblicken zu wollen und das auch mit Gewinn tun zu können. Ich habe die Texte zuerst unter Verschluss gehalten, weil ich mir nicht so sicher war: Was ist das und in welche Richtung wird das gehen? Wenn es um das eigene Leben geht, zweifelt man viel, weil man es ja nicht glorifizieren will. Dann hab ich mich entschlossen, sie Jan vorzuspielen, und der war gleich ganz angetan. Er hat mir sehr geholfen und die Texte lektoriert. Als sein eigener Biograf neigt man natürlich dazu, zu verfälschen oder um die Wahrheit herumzuschlingern.

Auch die Sprache ist wieder konkreter, einfacher.

Lowtzow: Vielleicht ist es einfach so: Man fängt beim Konkreten an, beim Darstellungsrealismus, fast tagebuchartig. Dann interessiert man sich eher für Abstraktion und für theoretische Texte. Und dann kommt man aber auch wieder zu einer Einfachheit, die einen, weil sie so eine große Kraft hat, begeistert.

Jan Müller : Das Album handelt zwar von Dirks Biografie, aber mich hat sehr berührt, dass die Texte so eine große Allgemeingültigkeit haben, ohne sentimental zu werden. Es gibt ja auch Popsongs, die ganz krass mit dem Holzhammer die sentimentale Schiene bedienen. Da wird man in so eine unangenehme Schmalzglocke gezogen. Ich reagiere da immer ganz allergisch drauf.

Weil das manipulativ ist?

Müller: Ja, und weil ich die Grunderzählung daran falsch finde: dass die Jugend die tollste Zeit ist, nach der man sich zurücksehnen muss. So sehe ich das Leben nicht. Die Jugend ist natürlich sehr wichtig und vielleicht ist sie besonders intensiv in der Wahrnehmung. Aber wenn wirklich alles darauf zurückfokussiert, das finde ich dann ein bisschen, ja, reaktionär.

Was waren Sie für Kinder, für Teenager? Und sind Ihnen diese Kinder heute noch sehr präsent?

Lowtzow: Ich hatte eine sehr glückliche Jugend. Behütet, kleinstädtisch, aber natürlich auch eng, wie es in Kleinstädten wie Offenburg, wo ich aufgewachsen bin, eben ist. Aber ich hatte als Kind sehr viele Ängste und Phobien, und natürlich erinnert man sich an so etwas. Auch an das Gefühl, nicht dazuzugehören oder nicht in so eine Jungswelt reinzupassen, die von Stärke und Sportlichkeit dominiert ist.

Müller: Das ist etwas, was uns alle eint, und deshalb haben wir auch zueinander gefunden. So kommt man dann eher zur Musik und zu dieser Art von Kunst, wie wir sie betreiben.

Die Außenseitererfahrung ist ja ganz essenziell für das Tocotronic-Frühwerk. Wird man nur dann Künstler, wenn man die gemacht hat?

Müller: Um das so generell zu sagen, ist die Kunst wohl ein zu weites Feld. Es gibt ja nun auch ganz andere Künste, zum Beispiel Schnitzaltare in der Kirchenkunst. Dafür braucht man, glaube ich, keine Außenseitererfahrung. Aber für unsere Band ist das schon sehr wichtig.

Lowtzow: Vielleicht auch für eine Generation von Popmusikern und Popmusikerinnen, die mit einer bestimmten Art von Musik aufgewachsen sind. Wir sind ja geprägt von Punk und Post-Punk und von David Bowie, Roxy Music oder Morrissey, die eine andere Form von Männlichkeit kreiert haben. Als ich meine E-Gitarre bekommen habe, wollte ich eine ganz ähnliche Person werden. Und das ist natürlich eine Außenseiterposition. Pop- und Rockmusik haben immer damit zu tun.

Der Außenseiter ist ja ein Urtypus der Popkultur, wenn man sich amerikanische Highschool-Filme ansieht ...

Lowtzow: Da gibt es immer die sportlichen Typen und die Cheerleader und auf der anderen Seite gibt es die Freaks. Da muss ja was dran sein.

Müller: So ist es auch in Wirklichkeit (lacht). Wenn man Musiker werden will, ist es sehr hilfreich, im Sport zu versagen.

Das Hadern mit der heimatlichen Umgebung als junger Mensch ist in "1993" sehr schön in dem Wort "Schwarzwaldhölle" zusammengefasst. Blicken Sie heute versöhnt auf die Orte Ihrer Jugend?

Lowtzow: Natürlich. Der Schwarzwald ist wunderschön. Ein alter Song von uns, "Drüben auf dem Hügel", hatte auch damals schon einen sehr romantisierten Blick auf diese Landschaft. Den habe ich immer noch. Aber als ich 1993 nach Hamburg gezogen bin, war es natürlich die Schwarzwaldhölle. Das Wort ist auch eine Hommage an Thomas Bernhard. In der Spätphase der Schule war ich totaler Bernhard-Fan. Ich hatte das völlig verinnerlicht und viele frühe Tocotronic-Sachen sind sehr von Bernhard beeinflusst.

Das Lied spielen Sie immer noch auf jedem Konzert.

Müller: Das spielen wir einfach immer noch wahnsinnig gern.

Lowtzow: Weil es so eine geniale Komposition ist (lacht).

Müller: Wir wollten es auch mal weglassen, weil wir uns gefragt haben: Stört es die Leute nicht, dass wir das immer spielen?

Popmusik lebt ja auch stilistisch von der Spannung zwischen dem Blick zurück auf die Vorgänger und dem Versuch, etwas ganz Neues zu schaffen. Was ist für Tocotronic wichtiger?

Müller: In unserem Instrumentarium sind wir ziemlich reduziert. Wir sind ja eine Rockband. Das ist generell nicht das Modernste, was man sein kann.

Lowtzow: Ein bisschen veraltet, ja.

Müller: Dirk singt, Dirk rappt nicht. Also da geht's ja schon los.

Lowtzow: Man muss beeinflussbar, offen und porös bleiben für Dinge.

Haben Sie jetzt, nachdem ein neues Album fertig ist, Sorge, dass Ihnen nichts befriedigendes Neues einfallen wird? Oder gibt es da nach all den Jahren ein Vertrauen?

Lowtzow: Das weiß man nie. Man muss einfach entschlossen weiterarbeiten. Ich glaube, wir sind jetzt in einem interessanten Alter, was das angeht. Ich habe das Gefühl, das Gehirn strukturiert sich gerade etwas um. Man sieht Dinge anders.

Müller: Differenzierter zu werden und trotzdem so etwas Einfaches zu machen wie Popmusik - das ist spannend.

© SZ vom 25.01.2018

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