Wir rührten den Caipirinha beidhändig in einer Leonardo-Blumenvase zusammen, drückten die Korken in die Zwei-Euro-Rotweinflaschen und warteten nicht, bis die Alufolienkartoffeln in der Restglut wirklich komplett durch waren: Es war Abisommer. Die Laptop-Lautsprecher knirschten und standen wackelig im Friedrichshain-Staub, und erwachsen sein wollten wir auf gar keinen Fall, also sprangen wir in der Dunkelheit von den Kletterfelsen. "Haaaaiiii Freaks, looook ät miiiiii!", plärrten wir dabei, viel, viel lauter als der Laptop es konnte.

Tocotronic-Lieder sind nicht gerade die, die sich am einfachsten von einem Kletterfelsen plärren lassen, aber wir hatten sie verstanden. Wie man Tocotronic-Lieder halt versteht: die schönen Worte irgendwo zwischen Zungenspitze und rechter Hirnhälfte zergehen lassend, sie nicht bis zum Ende denkend, weil das das große, undefinierte Gefühl von warmer Wut und Traurigkeit im Bauch kaputtmachen würde.

Wir wussten, das war unser letzter Sommer, in dem wir so im Friedrichshain herumhängen konnten, und fühlten uns torschlusspanikartig revolutionär. Vom "sogenannten Realismus" sangen wir also und davon, dass das Geschehen uns auseinandergehen lässt, "hinein in einen Wald aus Zeichen". Anke hat sich dann beim Sprung vom Kletterfelsen ein bisschen den Fuß verknackst. Sie trank dafür einfach mehr Wein aus der Flasche und war für den Rest des Abends für die Playlist zuständig, immer wieder zurück skippend, bis wir das undefinierte Gefühl nicht mehr ertrugen und stattdessen "Dickes B" hörten. Von Anja Perkuhn

Bild: Illustration: Yinfinity 1. Mai 2015, 12:422015-05-01 12:42:23 © SZ.de/khil/jobr/rus