"To Rome with Love" im Kino Rendezvous mit dem anderen Ich

Woody Allen ist immer noch auf Streifzug durch Europa - in "To Rome with Love" reiht er träumerisch diverse Schicksale und Zeiten in der Ewigen Stadt aneinander. Das Ergebnis ist ein mittelstarker Allen - also immer noch überdurchschnittlich gut.

Von Susan Vahabzadeh

Rom lädt dazu ein umherzustromern. John (Alec Baldwin), erfolgreicher Architekt aus New York, bummelt auf seiner Romreise ziellos umher, und so lernt er in einer kleinen Gasse einen Jungen namens Jack kennen. Jack (Jesse Eisenberg) erzählt ihm, dass die Freundin seiner Freundin aus Amerika kommt, eine Schauspielerin, der Beschreibung nach eine neurotische Zimtzicke erster Güte. Und John weiß nun haarklein, was geschehen wird - er kann sich jederzeit in Jacks Wohnzimmer materialisieren und ihm ins Ohr raunen, dass das Weib ihn ruinieren wird.

Alessandro Tiberi als Antonio und Penelope Cruz als Anna in "To Rome With Love".

(Foto: dapd)

Das ist magischer Realismus, John ist in eine andere Zeit eingetaucht - als er jung war und Architektur studierte in Rom. Er ist sich selbst begegnet, seinem jüngeren Ich, und nun würde er sich gern bewahren vor allen schmerzlichen Erfahrungen; aber das funktioniert nicht. Das junge Ich ist verliebt und beratungsresistent, und irgendwann ist dann auch klar, dass das alles seine Richtigkeit hat: Was er baut, entsteht aus der Summe all seiner Erfahrungen, er wäre nicht derselbe Mann, könnte er die Vergangenheit ändern.

Ein schönes, surreales Element; Woody Allen hatte einen gewissen Hang zur Träumerei schon früher, der beflügelte Mia Farrow, als sie in "Purple Rose of Cairo" dem Mann ihrer Träume in die Leinwand hinein folgte, und die bizarren Existenzen von "Zelig". Inzwischen ist es noch romantischer geworden, in "Midnight in Paris" schon, der voriges Jahr bei uns ins Kino kam, und in dem Owen Wilson sich in die Zirkel der Expatriates um Gertrude Stein und Ernest Hemingway hineinträumt.

Seit ein paar Jahren zieht Woody Allen nun durch Europa - London, Barcelona, Paris, es ist leichter für ihn, die Filme hier zu finanzieren, und er ist mit 75 Jahren aus dem Alter heraus, in dem er noch lange warten will, bis etwas durchkommt; und ihm vielleicht auch manchmal die Geduld fehlt, das Bestmögliche aus sich herauszuholen.

Eine Szene lang ein ziemlich guter Gag

Man könnte sagen: Die Exkursion nach Rom hat einen mittelstarken Woody-Allen-Film hervorgebracht - was immer noch überdurchschnittlich gut ist. Es sind nicht alle Episoden gleichwertig in "To Rome with Love"; in einer ziemlich enervierenden wird Roberto Benigni plötzlich dafür berühmt, dass er einfach nur so da ist, was ungefähr eine Szene lang ein ziemlich guter Gag ist zum Thema Big Brother, Paris Hilton & Co.; in einer weiteren Episode wird ein italienisches Ehepaar vom Lande getrennt, sie verläuft sich und landet in den Armen eines aufgeblasenen Filmstars, er sitzt im Hotelzimmer mit einer aufdringlichen Professionellen - Penélope Cruz -, die sich eigentlich nur in der Tür geirrt hat, dann aber den Absprung nicht schafft, als seine spießigen Verwandten auftauchen.

Sie schlüpft voller Übermut in die Rolle der Gattin, einer sehr nuttigen Gattin allerdings, während die echte Ehefrau zu ignorieren versucht, dass der berühmte italienische Schauspieler hinter der Kamera ein reizloser Trottel ist. Das ist ganz lustig, und weil alles vor hübschen römischen Kulissen spielt, auch recht schön anzusehen.

Einen Opernstar machen, zur Not mit Bewässerung

Der vierte Erzählstrang hat schon mehr Charme - jene Kraft, die Allen manchmal entwickelt, wenn er bierernst das Absurde inszeniert. Hier ist er selbst im Zentrum - ein alternder Opernregisseur, der sich ganz schlecht mit dem Ruhestand abfindet. Zusammen mit seiner Frau (Judy Davis) ist er nach Rom gekommen, um seinen zukünftigen Schwiegersohn und dessen Familie zu begutachten. Wie er sich nun daran stößt, dass der junge Mann nicht zum Geldverdienen Anwalt geworden ist, sondern weil er die Menschheit retten will - komplett nutzloses Unterfangen und ungeeignet, die Kronprinzessin zu ernähren -, das ist ganz typisches Allen-Geplänkel en famille.

Die Sache bekommt dann einen ganz anderen Drall, als er den Vater des Sohnes unter der Dusche trällern lässt und ihn flugs zu seinem Ruhestandsprojekt erklärt: Es muss möglich sein, aus dem Mann einen Opernstar zu machen, zur Not mit Bewässerung. Auch ein schöner Traum - diese Idee, dass es einem vor lauter Rauschen unter der Dusche nicht nur so vorkommt, als könnte man singen, sondern dass es tatsächlich so ist.

To Rome with Love, USA/Italien 2012 - Regie und Buch: Woody Allen. Kamera: Darius Khondji. Woody Allen, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Alec Baldwin. Tobis, 112 Minuten