Tiroler Festspiele Letzte Runde

In Erl ist Andreas Leisner nur noch für ein Jahr der künstlerische Leiter

Von Henrik Oerding, Erl

Nur interimsmäßig ein Festival zu leiten, das klingt nicht gerade nach einem attraktiven Job. Der Nachfolger ist bereits auserkoren und darf sich als Wunschkandidat fühlen, während man selbst nur Lückenbüßer ist. Andreas Leisner sieht das anders. Nach den Vorwürfen wegen Machtmissbrauch und Belästigung gegen Gustav Kuhn, den Spiritus Rector der Tiroler Festspiele Erl, hatte Kuhn vergangenes Jahr sein Amt als künstlerischer Leiter niedergelegt, Leisner übernahm. Nun ist er in diesem Jahr künstlerischer Leiter bis Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper, 2020 übernimmt.

"Interim ist sexy", sagt Andreas Leisner, "es ist eine große Freiheit. Diese Saison hat mehr Chancen als alles, was es vorher gab und was es nachher geben wird." Tatsächlich hat Leisner außergewöhnliche Werke auf das Programm gesetzt. So wird nach dem Eröffnungskonzert mit Tito Ceccherini (4. Juli) kein Monumentalwerk das szenische Programm beginnen, sondern eine Kammeroper, dazu noch eine zeitgenössische: "Caliban" von Moritz Eggert in der österreichischen Erstaufführung mit der Jungen Oper Rhein-Main (5. Juli). Das Werk dreht sich um Caliban, den rätselhaften Gegenspieler in Shakespeares "Sturm" und verhandelt die Konsequenzen von Macht. David Holzinger steht dabei am Pult, vier Spielzeiten lang assistierte er Gustav Kuhn in Erl. "Ich wollte auch vielen Talenten, die bei uns lange mitgearbeitet haben, ein Forum geben", sagt Leisner.

Auch in diesem Sommer auf dem Spielplan der Tiroler Festspiele in Erl: Gioacchino Rossinis "Guglielmo Tell".

(Foto: Tiroler Festspiele Erl/Xiomara Bender)

Natürlich muss es auch "große" Oper geben, "Aida" wird von Daniela Kerck neuinszeniert, aber eben nicht als ägyptische Bombast-Orgie (6., 12. und 19. Juli). "Es war mir ein großes Anliegen, dass auch die Schattenseiten dieses Stückes, das Intime, Traurige und auch Depressive herausgearbeitet werden", sagt Andreas Leisner. "Wir versuchen uns maximal von dem Klischee dieser Opern fernzuhalten."

Die zweite Neuinszenierung ist ein deutlich seltener gespieltes Werk: "Die Vögel" von Walter Braunfels (20. und 27. Juli). 1920 wurde diese Oper in München uraufgeführt, neben Strauss und Schreker war Braunfels einer der erfolgreichsten Opernkomponisten der Zwanzigerjahre. Als "Halbjude" wurde er im Nationalsozialismus aus allen Ämtern gedrängt und schließlich vergessen. Vorlage für sein Werk ist die gleichnamige Komödie von Aristophanes, in der die Vögel die Macht ergreifen. "Da geht's um Größenwahn, Verführung, Populismus - also ganz aktuelle Themen", sagt Leisner. Tina Lanik inszeniert das Stück, Lothar Zagrosek hat die musikalische Leitung. "Für mich ist es eine Synthese aus aller Opernkunst bis 1920", sagt Leisner. "Es gibt Anleihen von Wagner, dazu moderne Farben. Diese Musik ist fantastisch und hinreißend." Als letzter Teil der Opernsparte wird Rossinis "Guillaume Tell" wiederaufgenommen (13. Juli). Neben David Holzinger in "Caliban" kommt mit Patrick Hahn noch ein weiteres Erler Talent zurück zu den Festspielen. Der 1995 geborene Österreicher dirigierte zuletzt etwa das Bayerische Staatsorchester, das Gürzenich Orchester Köln oder die Symphoniker Hamburg in der Elbphilharmonie. In Erl leitet er die Camerata Salzburg, mit der Coriolan-Ouvertüre, Mendelssohns "italienischer" Sinfonie und Bartóks "Divertimento für Streicher" (7. Juli). "Er ist wirklich ein Energiepaket voller Charme, voller Intelligenz und voller musikalischer Kraft", sagt Andreas Leisner. In einem zweiten Konzert spielen die Salzburger unter Hansjörg Schellenberger unter anderem Schuberts vierte Sinfonie (Sonntag, 14. Juli).

Auch experimentellere Konzertformen kommen in Erl vor. Passend zur Gegend gibt es einen "Alm-Trieb": Valentin Lewisch entwickelte dieses dreiteilige Konzert, die musikalische Leitung liegt bei Erich Polz. Jeweils an einem Montagabend (8., 15., und 22. Juli) geht es um das Leben und Sterben, abgebildet durch Auf- und Abtrieb der Kühe. Viele kurze Musikstücke stehen auf dem Programm, dazu Schauspiel und Videokunst. "Das ist ein Fest für alle, die eine Herausforderung suchen", sagt Andreas Leisner. "Es wird eine Stunde Vollgas sein: intellektuell, theatralisch, musikalisch. Ich bin stolz, dass wir uns den Raum dafür nehmen."

Ein Jahrzehnt war Andreas Leisner Stellvertreter von Gustav Kuhn - nach dessen Rückzug übernahm er die künstlerische Leitung der Tiroler Festspiele Erl interimsmäßig.

(Foto: Florian Lechner)

Aber auch weniger herausfordernde Konzerte finden während der Festspiele statt. Bemerkenswert ist dabei die Häufigkeit von solchen, die aus dem Rahmen üblicher klassischer Konzerte herausfallen: "Mischwerk" bringt Schubert an den Rand des Kaukasus (18. Juli), die "Musicbanda Franui" und "Die Strottern" denselben stattdessen in die Alpen (21. Juli), Mela Maria Spaemann spielt nur mit Cello und Loop-Station etwa Piazzolla-Tangos (25. Juli) und mit Aleksey Igudesman kommt eine internationale Größe der Musik-Komik nach Erl (23. Juli).

"Mir ist es ein Anliegen, dass ein Konzert auch ein Erlebnis ist, dass es einen besonderen Spaßfaktor hat", sagt Andreas Leisner. Das noch größere Anliegen aber sicher: Die eigene Interimszeit mit viel Publikum zu beschließen, auch mit Münchnern. Die brauchen mit dem Zug gut eine Stunde nach Oberaudorf, von dort fährt ein Shuttle zum Festspielhaus.