Tipps Vorlaut

Eine deutsch-ukrainische Poetry-Band, ein Roman über die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff von Karen Duve und ein Schatz aus dem Archiv: Gert Westphal inszeniert Turgenjew. Die Hörbuch-Kurzkritiken.

Von Jens Bisky

Klein ist die Welt der jungen Annette von Droste-Hülshoff. Sie sieht schlecht, kann die Gesichtszüge ihres Gegenüber kaum erkennen, sobald die Person zwei Schritte von ihr entfernt ist. Konvention und Familiensitte - sie hat sehr viele Verwandte - engen ihren Spielraum ein. Und doch ist die Welt der jungen Dichterin riesig, in ihr gibt es ferne Vulkane und tiefe Gruben, in denen sie nach Mineralien sucht. Es gibt alte Märchen und Lieder, Poetenfreunde und das Gefühl, dass es anders werden wird. Vor kurzem noch hatte von Kassel aus Napoleons Bruder sein Königreich Westphalen regiert, und nun erfinden sich die Deutschen als Nation.

Karen Duves Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" (Galiani Berlin) erzählt von einer Umbruchszeit und von einer vorlauten Nervensäge, die den Männern gern ins Wort fiel und in ihrem Leben einige schönste Verse schrieb: "O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn, / Wenn es wimmelt vom Haiderauche ...". Und dann gibt es da noch eine Art Liebesgeschichte mit einem Jurastudenten. Karen Duve, die ihren Roman selber liest, beherrscht verschiedene Tonfälle, klingt mal trocken informierend, mal erstaunt über Gefühlsaufschwünge, mal ironisch oder kühl verwundert. Ihr Vortrag wirkt zurückhaltend und kann es sein, weil ihre Prosa groß und klein, alt und neu so klug wie vergnüglich ineinander spiegelt.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roof Music, Bochum 2018. 2 MP3-CDs, 15 Stunden, 15 Minuten, 25 Euro.

Landschaft, deutsch-ukrainisch

"Es geht um Texte, die das Alleinsein verkleinern", hat die Schriftstellerin und Performancekünstlerin Ulrike Almut Sandig einmal gesagt. 2015 trat sie in Kiew auf und lernte dabei den ukrainischen Dichter Grigory Semenchuk aus Lviv kennen. Beider Sprachen teilen das Wort "Landschaft", es bedeutet im Deutschen wie im Ukrainischen dasselbe, und "Landschaft" heißt die gemeinsame Poetry- Band Semenchuks und Sandigs. Im Sprechgesang tragen sie über Klangflächen, Bässen, Beats ihre Verse vor, seiner tiefen Stimme antwortet ihr heller Klang, changierend zwischen harter Deklamation und verschwimmenden Melodien.

Zehn Songs nach Gedichten aus Lyrikbänden von ihr und von ihm enthält das Debütalbum "Landschaft". Es geht um das Weitermachen und das Zusammenkommen: "Ich werde jeden Morgen dieses Gebäude verlassen und mich erinnern / Du bist gleich nach dem Lenz aufgetaucht / Du kamst einfach mit und zogst dich aus." Das Album erprobt verschiedene Rollen. Gleich im ersten Song "Test Test" wird vor leichtfertigem Vertrauen gewarnt, dann aber doch genau dieses eingefordert: "Ich bin ein Teekesselchen auf zwei Beinen", spricht Sandig. Die beiden schaffen etwas Heiteres, sie beschwören Heimat, um von einer anderen zu hören, um das Mit-Sich-Sein zu verkleinern.

Ulrike Almut Sandig, Grigory Semenchuk: Landschaft. Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2015. 45 Minuten, 15 Euro.

"Er ist Nihilist, Onkelchen". Gert Westphal inszeniert Turgenjew

Das Klavier spielt, einer fragt, ob noch immer nichts zu sehen sei und gleich erklärt die freundliche Erzählerstimme, dass der rundliche, fast weißhaarige Besitzer eines kleinen Gutes im mittleren Russland auf dem Bänkchen vor der Poststation wartet. Endlich trifft ein Reisewagen von Petersburg kommend ein. Der Alte begrüßt seinen Sohn und dessen Studienfreund Basarow. Sie werden einige Zeit auf dem Lande verbringen und die freundliche Atmosphäre mit Meinungen vergiften, die in der Hauptstadt gerade Mode sind. Man kann sich keinen zuvorkommenderen Erzähler vorstellen als den in Iwan Turgenjews Roman "Väter und Söhne". Er stellt Figuren vor, entwirft Szenerien.

Folgerichtig spielt der Erzähler im Turgenjew-Hörspiel, das der Bayerische und der Saarländische Rundfunk 1974 produzierten, eine tragende Rolle. Ihn sprach der Regisseur: Gert Westphal. Doch der Hörer hat - wie der Leser des Romans - nicht lange Gelegenheit, sich behaglich einzukuscheln. Das intellektuelle und seelische Drama des Landaufenthalts verhindert es. Die Studenten nennen sich selbst "Nihilisten", nichts Tradiertes ist ihnen heilig, vor allem Basarow hält es mit dem Fortschritt und einer Aufklärung, die Romantik, Poesie, Liebe nach ihrer Nützlichkeit befragt - und in ihnen Störfaktoren sieht. Zwei Weltsichten prallen aufeinander, grandios inszeniert, man möchte sofort mitstreiten.

Iwan Turgenjew: Väter und Söhne. Hörspiel. Mit Gert Westphal, Siegfried Lowitz, Mechthild Großmann u.a. Regie: Gert Westphal. Der Hörverlag, München 2018. 2 CDs, 95 Minuten, 20 Euro.