Graphic Novel Der Geruch künstlicher Kälte

Über den Dreisprung: „Einer der ersten Sprünge, die ich gelernt habe. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, wie mein hinteres Bein nach vorn schnellt und ich vom Schwung in die Luft gehoben werde.“

(Foto: Reprodukt)

Leistungssport und Schönheitskonkurrenz: Tillie Waldens autobiografischer Comic "Pirouetten" erzählt vom Eiskunstlauf.

Von Ella Tiemann

Der Eiskunstlauf ist eine Disziplin der Gegensätze. Er fordert eine Anmut des Fliegens in klobigen Schlittschuhen. Er ist Eleganz und penible Genauigkeit. Schweiß und Schminke.

Tillie Walden ist fünf Jahre alt, als sie mit dem Eiskunstlauf beginnt. Gehorsam spachtelt sie Make-up auf ihr Kindergesicht, trägt Strumpfhosen in den richtigen Farbtönen, erträgt die missgünstigen Blicke der anderen Mädchen und Mütter. Das Training findet vor und nach der Schule statt; an den Wochenenden dann die Wettbewerbe, die sie liebt, wenn sie gewinnt - und hasst, wenn nicht. Zwölf Jahre lang betreibt Walden einen Leistungssport, der athletischer Wettkampf und zugleich Schönheitswettbewerb ist.

In "Pirouetten" setzt sich die 22-jährige Comiczeichnerin aus Texas mit ihrer Vergangenheit auseinander und mit den Rollenbildern und Idealen, die ihr wie so vielen anderen jungen Mädchen anerzogen wurden: leistungsstarke Subjekte zu sein und gleichzeitig einem standardisierten Bild von Weiblichkeit zu entsprechen. "Ich erwarte saubere Beinarbeit und perfekte Armhaltung. Und ein Lächeln", lautet der Appell der Trainerin.

Den Leistungsdruck, die verinnerlichten Mechanismen von Wettbewerb und Selbstdisziplinierung - all das inszeniert Walden in dunkelviolett gezeichneten Panels. Die strenge Architektur der Eishallen und deren steriles Inneres sind die Bühne für die Hauptfigur, die in knappen Kleidchen gegen die permanente Erschöpfung und die Kälte ankämpft. "Es riecht nach Eishockey-Schweiß und künstlicher Kälte. Obwohl sich alles in mir sträubt, wird sich eine Eishalle immer wie ein Stück Zuhause anfühlen."

Wie hält sie zwölf Jahre lang ein Leben aus, das sie eigentlich gar nicht leben will? Dieser Frage geht die Autorin in mehr als 1000 Zeichnungen nach, und die Antworten darauf vermutet man auf jenen Seiten, die nicht gänzlich vom dominierenden Violett absorbiert sind. Zwischen den Strips aus endlosen Tagen in erdrückender Dunkelheit sickert ein Gelb in die Bilder und markiert in dieser großen Erinnerungskonstruktion Momente einer jeweils stark empfundenen Gewissheit. Da sind die vielen gelben Lichtpunkte, die in der Decke der Wettkampfhalle wie Sterne über der Eisfläche leuchten: "Wenn mir eine Kür gelang, war das wie ein Rausch." Oder der gelbe Schein, der sich als Glorie um die Figur der Trainerin schmiegt, nach deren körperlicher Nähe sich das Mädchen so sehnt. Und dann sind da die Passagen, in denen das Gelb lange ausbleibt und das Violett fast schwarz wirkt. Wenn die Erzählung die Eishalle verlässt und ins emotional erkaltete Elternhaus schwenkt, in die Flure der High School, in denen die Hauptfigur dem übergriffigen Vertrauenslehrer und mobbenden Mitschülern ausgesetzt ist.

"Pirouetten" ist ein melancholisches Buch, intim, charmant und sehr beunruhigend. Dabei ist die große Stärke der atmosphärischen Erzählweise, dass die Zeichnungen mehr vermitteln als die Erinnerungen an biografische Fakten. Die Empfindungen der Autorin sind den Mimiken ihrer Figuren eingeschrieben oder tun sich zwischen den Seiten auf, wenn eine Szene aussieht, als würde sie aus einem anonymen Dunkel heraus betrachtet, und man sich als Leser plötzlich als Voyeur fühlt.

Tillie Waldens autobiografische Graphic Novel ist die Geschichte einer jungen Frau, die ausbricht aus den Strukturen, in denen sie aufwächst, sich in einem hyperfemininen Umfeld als lesbisch outet und dadurch den Mut findet, das zu tun, was ihr am wichtigsten ist: Comics zeichnen. Ein Einzelschicksal - und doch kondensieren im Buch all die Themen derzeit virulenter Geschlechterdebatten.

Tillie Walden: Pirouetten. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Sven Scheer. Reprodukt Verlag, Berlin 2018. 400 Seiten, 29 Euro.