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Jazzmusiker zur Coronakrise:Brönners Zorn

Till Brönner Video Corona

"Wir sind zu leise, weil wir immer noch keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben." Till Brönner, hier auf einem Konzert in Hamburg.

(Foto: dpa)

Der Jazzmusiker Till Brönner geht gerade mit einem Video steil: Es ist eine viel geteilte Wutrede über die Situation der Musikkünstler unter Corona.

Von Andrian Kreye

Am Mittwochmorgen wurde in deutschen Musikerkreisen ein Video des Jazztrompeters und Fotografen Till Brönner herumgereicht, das die Lage der Kulturnation in knapp sieben Minuten mit einem Maximum an "anger management" auf den Punkt bringt. Es könne nicht angehen, dass ein Wirtschaftszweig wie die Veranstaltungsbranche mit einem Umsatz von rund 130 Milliarden Euro im Jahr einfach so untergehe, führt er da aus. Ohne wirksame Hilfe vom Staat. Ohne Widerstand.

Till Brönners Wutanfall zeigt Wirkung. Alleine auf Facebook hatte das Video bis Redaktionsschluss eine Reichweite von rund zwei Millionen. Rund 33 000 Nutzer teilten den Post. Auch auf Youtube und Instagram verbreitet er sich. "Das ist ungewöhnlich für meinen Dunstkreis und meine Zielgruppe", sagt er dazu der SZ am Mittwoch. Weil er als Jazzmusiker trotz Weltruhm und Fernsehauftritten weniger Menschen erreicht als Pop- oder Klassikstars. "Das hat ein Wespennest getroffen."

Was ihn besonders freut: "Endlich kommen da auch ein paar dicke Fische." Udo Lindenberg hat sich schon solidarisch erklärt, Herbert Grönemeyer, Sarah Connor, aber auch Film- und Fernsehmenschen wie Christiane Paul oder Caroline Beil. Denn, so sagt er in seinem Aufruf: "Ich sehe, wie übervorsichtig sich Bühnenkünstler auch nach über acht Monaten zu dieser Misere äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht."

Besonders ärgere ihn, wie reflexartig in systemrelevante und -irrelevante Berufe unterteilt werde. "Es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um Geld." Die Krise habe eine Strukturschwäche entlarvt: "Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und das rächt sich jetzt! Wer ist es, der der Politik stellvertretend im Nacken sitzt, wie der Lokführergewerkschafts-Boss Claus Weselsky der Deutschen Bahn - und das mit nur 9000 Mitgliedern."

Auch der Vergleich mit der Autobranche greife zu kurz, weil die Veranstaltungs- und Kulturschaffenden in Deutschland mehr als doppelt so viele Beschäftigte stellen. 1,5 Millionen Menschen seien in der Branche.

"Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld 2 anbieten?"

Brönners Zorn staute sich seit dem Spätsommer auf. Da bekam er die ersten Anrufe von Leuten, die ihn fragten, ob es bei ihm den auch so mau sei. Toningenieure, Lichttechniker, Caterer, Bühnenbauer, Busfahrer, Beschallungsfirmen, Clubbesitzer, Agenturen und lokale Hallenbetreibern hätten sich gemeldet. "Menschen, deren Broterwerb am Tag 1 der Pandemie nachvollziehbarer Weise abgeschaltet wurde." Und nein, ihm persönlich gehe es schon gut. Aber: "Es gibt auf der ganzen Welt keine Firma, die ungeplant und ohne Hilfe ein Jahr Pause machen kann."

Seine Kolleginnen und Kollegen haben sowieso schon harte Zeiten hinter sich. "Wir mussten ja alle mit ansehen, wie sich der CD-Verkauf durch Downloads und Flatrates verändert hat. Die Urheberrechtsfrage, zum Beispiel auf Youtube, bleibt ungeklärt. Die Einkünfte konzentrieren sich also seit vielen Jahren auf das Live-Geschäft. Und das ist aus Gründen, die man niemandem anlasten kann, aber man muss es ja feststellen, das ist gerade weg."

Monika Grütters hält er für die falsche Adresse für Klagen. "Es ist ja nicht die Kulturstaatsministerin, die Hilfsprogramme anbietet. Es sind die anderen Ministerien, die schnelle und unbürokratische Hilfe anbieten, aber offenbar nicht leisten können." Das Wirtschaftsministerium vor allem. Damit die 1,5 Millionen Beschäftigten auch nach der Corona-Krise noch da sind. "Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld 2 anbieten? Wir Musikkünstler sind weder arbeitslos, noch hatten wir vor Corona ein Nachfrageproblem."

Für Till Brönner rüttelt die Krise aber nicht nur am Fundament seiner Branche: "Was hier gerade passiert, verstößt gegen alles, was ich über Deutschland gelernt habe. Und wofür wir mit unserem demokratischen Selbstverständnis stehen. Das Land steht kulturell still. Kultur ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht."

© SZ vom 29.10.2020/khil
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