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Til Schweigers eigener Filmpreis:Die Rache des Keinohrhasen

Til Schweiger hat mit "Keinohrhasen" die Komödie des Jahres produziert, doch beim deutschen Filmpreis in Berlin geht er leer aus. Nun plant er eine eigene Verleihung.

Im Gießener Stadttheater gab Tilman Valentin Schweiger, genannt Til, mit 21 Jahren sein Debüt als Schauspieler. Als Komparse im "Sängerkrieg der Heidehasen" ertrug er es, wenn andere Hasen auf ihn einprügelten. Heute ist Schweiger, 44, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Seinen Film "Keinohrhasen" jedenfalls, den er auch selbst geschrieben und produziert hat und in dem er Regie führt, sahen bisher sechs Millionen Menschen.

Es handelt sich mit einigem Abstand bisher um den erfolgreichsten deutschen Film des Jahres. Doch komisch: Für den Deutschen Filmpreis, der am 25. April in Berlin verliehen wird, wurde "Keinohrhasen" noch nicht einmal nominiert. Das sind so die Prügel, die der ehemalige Heidehase Til Schweiger heute einstecken muss.

Schweiger liegt auf einem Sofa in seiner Produktionsfirma Barefoot Films in einer ehemaligen Backfabrik in Berlin Prenzlauer Berg. Ein sympathischer, cooler Kerl mit blauen Augen und sehr kleinen Händen. Kettenraucher. Für das Interview hat er sein Fitnesstraining verschoben. Nun bedeckt etwas seine Muskeln, das man früher Schlabberpulli genannt hätte. Heute heißt es "Longsleeve". Til Schweiger wirkt total entspannt. Dabei hat er gerade allerhand zu tun. Schuld daran sind auch die Frauen: die Lola zum Beispiel, die Filmpreisstatue, die er wegen seiner Nichtnominierung nun auch nicht erhalten kann. Oder die Beate (Wedekind), Eventmanagerin. Auch haben Uta und Nika etwas damit zu tun. Dazu später mehr.

Das Wichtigste ist: Til Schweiger plant seinen eigenen bundesweiten Filmpreis. Es ist ihm verdammt ernst.

Aus Protest dagegen, dass man seinen Film für die Lola nicht berücksichtigt hat, war Schweiger Anfang des Jahres kurzfristig aus der Filmakademie ausgetreten. Eine Auswahl der mehr als 1000 - mitunter überaus einflussreichen - Filmakademie-Mitglieder vergibt den höchstdotierten deutschen Kulturpreis Lola, und allein eine Nominierung bringt 250 000 Euro an Staatsgeldern ein. Die Geschäftsführerin der Filmakademie, Christiane Teichgräber, sagt, niemand habe "Keinohrhasen" angemeldet. Man könne es nächstes Jahr ja noch einmal fristgerecht probieren.

Nächstes Jahr vielleicht

Til Schweiger nennt es grotesk, dass eine Vorauswahljury beim Filmpreis die Nominierungen vornimmt. Wenn es schon eine Akademie gebe, dann solle gefälligst auch die gesamte Akademie entscheiden. Und überhaupt: Wie viele Filme würden denn mit öffentlichen Geldern finanziert und ausgezeichnet - nur im Kino wolle sie niemand sehen! Sollte das Interesse der gesamten Filmindustrie nicht darin bestehen, möglichst viele Zuschauer ins Kino zu locken? Er kann ziemlich böse werden. Bei seinem neuen Filmpreis soll allein das Kinopublikum im Internet und am Telefon entscheiden. Es soll ein trendiger Szene-Preis sein, den es so in Deutschland noch nicht gibt.

Dieser Tage ist Schweiger mit Ex-Bunte-Chefin Beate Wedekind dabei, eine Interessensgemeinschaft mit hochrangigen Vertretern aus allen Bereichen der Filmbranche ins Leben zu rufen. Fernsehproduzentin Wedekind hat Erfahrung - sie organisierte bereits ähnliche Verleihungen: Zehn Jahre Goldene Kamera, acht Jahre Bambi. "Keiner in Deutschland weiß besser, wie so etwas geht. Und sie hat genau dieselbe Lust und Energie, die wir haben", sagt Schweiger. "Das soll keine Gegenveranstaltung zum Deutschen Filmpreis werden. Eher eine Ergänzung."

Im März 2009 werde der Preis zum ersten Mal vergeben. "Das wird eine rauschende Party in Hamburg." Davon ist auch Beate Wedekind überzeugt. "Ich halte Til Schweiger für einen großartigen Kommunikator mit einem ungeheuren Motivationspotential. Neben Bully Herbig ist er eines der wenigen Multitalente in der deutschen Filmbranche." Ein mutiger Mann sei der Til - "der kann Schwätzer nicht ertragen, der handelt."

Schreiner ist auch ein guter Job

Dass der Sohn zweier Lehrer aus dem hessischen Heuchelheim auf die Idee mit der Schauspielerei kam, daran sind Uta und Nika schuld. Seine Freundin Uta aus Hamburg gab Til Schweiger, der zwischen Lehramt, Medizin und Schauspielerei hin und herüberlegte, den Monolog des Tempelherrn aus "Nathan der Weise" zum Vorsprechen. "Uta saß bei mir daheim auf dem Bett, und ich sollte ihr den Text aufsagen. Ich stotterte zwei Stunden: 'Ich kann das nicht.' Als ich dann endlich fertig war, sagte Uta: 'Das war doch super.'"

Schweiger bewarb sich also. Bei der Essener Folkwang-Schule war er unter 60 Leuten der Einzige, der weiterkam. Doch in der zweiten Runde hieß es schon nach 40 Sekunden: "Danke! Schreiner ist auch ein guter Job!" Auch in Hamburg und München wurde er nicht genommen. In Bochum kam er immerhin in die letzte Runde. Dann flog er raus. Köln wollte ihn. Und dank seiner damaligen Freundin Nika hielt er durch - obwohl ihn die Ausbildung schrecklich nervte.

Dutzende Filme, vier Kinder und zahlreiche Auftritte bei Wetten, dass..? später räkelt sich Schweiger nun auf seinem Prenzlauer Sofa. Der Reporter darf immer wieder seinen Bauchnabel bewundern, Assistentin Katy serviert Kaffee. Schweiger klemmt sich seinen weißen Adidas-Schuh unter den Po, dann zündet er sich eine weitere Zigarette an und fragt, ob es auch Journalistenschulen gäbe. Klar. Aha, sagt Schweiger.

Das Feuilleton rümpft die Nase

Zu Journalisten hat er nicht gerade ein entspanntes Verhältnis. Dass er in Berlin wohnt, seine Frau Dana aber in Hamburg - das interessiert die Presse natürlich. Auch warum er neuerdings seine Kinder vor die Kamera lässt, aber man sie sonst nicht fotografieren darf, wird er gefragt. Auf solche Fragen antwortet er nicht gerne. Und "Keinohrhasen" zeigte Schweiger vor der Premiere nur ausgewählten Journalisten. "Mein Verleih hat damals gesagt: "Til, du musst den Film der Presse zeigen! Sonst schreibt jeder: 'Der ist ein Stinker.'" Schweiger blieb hart. "In welchem Gesetz steht geschrieben, dass man seinen Film zeigen muss? Die Hälfte der Journalisten schreibt doch aus Prinzip, dass meine Filme scheiße sind."

Dass sein Vergewaltigungsdrama "One Way" an der Kinokasse floppte, dazu könnten auch die Verrisse der Filmkritiker ihren Teil beigetragen haben. Auf dem Ku'damm mag Schweiger ein Held sein - das Feuilleton rümpft über einen wie ihn die Nase. Hat der nicht früher Pornos synchronisiert, in der Lindenstraße mitgespielt, "Manta Manta" gedreht? Mit einem Dominik-Graf-Film stünde er besser da, weiß Schweiger. Dann würde sich keiner trauen, an Werken wie "Knockin' on Heaven's Door" oder "Barfuss" herumzumäkeln. "Du hast 18 Monate von morgens bis abends mit vielen Menschen an so einem Film gearbeitet - nun setzt sich einer hin und schreibt drüber. Jemand, der um zehn Uhr morgens mit 20 übelst gelaunten Kollegen in einem Kino sitzen muss."

Schweiger ist ein Bauchmensch, der sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Ohne Rücksicht auf Verluste. Seine Assistentin Katy will später alle Zitate absprechen. Soll es ein Interview werden? Nicht lieber doch ein Porträt? Große Nervosität! Mit seinem Filmpreis ist ihr Chef gerade dabei, die ganze Branche aufzumischen. Da muss man schon ein bisschen aufpassen.

Von wegen Stinker

Bei der Filmakademie heißt es, man wisse nicht, ob Schweiger kommenden Freitag nun zur Lola kommt. Eingeladen zum großen Branchentreff sei er. Zudem würde man auf der Veranstaltung gern Filmausschnitte und Fotos aus "Keinohrhasen" zeigen, sagt Geschäftsführerin Christiane Teichgräber. Nur habe man bisher von Schweigers Filmproduktion kein Fotomaterial bekommen. "Eine gewisse Verletzung ist verständlich, wenn ein Filmkünstler am Ende keinen Preis bekommt. Das ist klar und geht sicherlich den meisten der über 1000 Mitglieder der Akademie auch so, wenn sie keinen Preis bekommen." Was für ein Trost.

Derweil arbeitet der fleißige Produzent bereits an Teil zwei von "Keinohrhasen". Er dreht auch eine Art Ritter-Komödie mit Rick Kavanian und Thomas Tchibo-Gottschalk. Der Titel: "Eineinhalb Ritter - Auf der Suche nach der hinreißenden Prinzessin Herzelinde". Vom Medienboard Berlin-Brandenburg erhält Til Schweiger dafür immerhin 750 000 Euro Fördergeld; dass er sein Geld wert ist, hat sich herumgesprochen. Außerdem ist er im sehr deutschen Kostümschinken "Der rote Baron" zu sehen. Von wegen "Stinker" also. Läuft doch.

War es ein Fehler, einst Steven Spielberg abgesagt zu haben? Spielberg hatte Schweiger eine sehr frühe Drehbuchversion von "Saving Private Ryan" gegeben. Das Angebot klang gut: Til Schweiger sollte nicht den platten, bösen Nazi-Deutschen verkörpern, sondern einen psychologisch ausgefeilteren Typen. Dann jedoch hörte Schweiger, dass Änderungen am Skript vorgenommen wurden, die Rolle erschien ihm nicht mehr attraktiv - er sagte ab. Im Film war der Typ dann ein widerlicher Deutscher. "Nein, die Absage bereue ich nicht", sagt Schweiger neben einem Til-Schweiger-Hugo-Boss-Poster und einem Til-Schweiger-Keinohrhasen-Stoff-Püppchen, das - wie der Film - ein Verkaufsschlager ist.

Nicht ernst genommen

Er sei auch gar nicht sauer, dass er nun nicht mehr in Malibu wohnt, sagt er. "Damals, als ich nach Amerika ging, dachte ich ja nicht: Ich werde dort ein Hollywoodstar. Ich dachte nur: Ich geh da jetzt mal hin und schaue, ob ich überhaupt Arbeit finde. Das war eine eher private Entscheidung - meine Frau ist ja Amerikanerin. In Deutschland darf ich Hauptrollen spielen. In Amerika hatte ich nie die Chance, solche Angebote zu kriegen. Dort ist Brad Pitt der Leading Man." Und natürlich bekommt Schweiger, dessen Oberkörper keinen Vergleich mit Pitts Body zu scheuen braucht, immer noch Angebote aus den USA. Die letzten beiden lehnte er ab. Das Zeitproblem!

Während man so mit ihm redet, sieht man durch eine Glaswand sehr wichtige Menschen ein- und ausgehen. Den Postboten zum Beispiel. Oder den Chef von Warner Brothers. Oder den ehemaligen Chef von Buena Vista Deutschland. Til Schweiger ist nicht irgendwer. Er füllt die Kinos. Er ist ein Kassenmagnet. Nur ernst genommen fühlt er sich nicht. "Letztens fragte mich ein australischer Journalist: 'Ist das bei euch in Deutschland auch so, dass man es einem Schauspieler übelnimmt, wenn er nach Hollywood geht?' Da sagte ich zu ihm: 'Ich dachte, das ist nur bei uns so'."

Wird schon. Gerade hat er den Ernst-Lubitsch-Preis für die beste komödiantische Leistung im deutschen Film bekommen. Und dann folgt sicher irgendwann ein Publikumspreis für "Keinohrhasen".

Vielleicht sogar sein eigener.