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Tiere  in Bioramen:Die Wirbelchen der Langschwanzeidechse

Illustration aus Arie Van’ t Riet / Jan Paul Schutten: Nette Skelette. Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen.

Besondere Bilder von der Natur.

Von Renate Grubert

Da schwimmt doch tatsächlich ein Froschskelett übers Cover. Kann das sein? Und vor allem: Wie kann das sein? Es scheint unmöglich zu sein, und man wird neugierig. Zwischen zartgrünen und grauen Seerosenblättern und rosa Blüten bewegt sich mit lang ausrudernden Hinter- und dezent fächelnden Vorderbeinen ein Frosch, die typischen Glupschaugen weit aufgerissen. Mit dieser Szene ist man "Nette Skelette" vom ersten Moment an verfallen, will wissen, was das Innenleben dieses Buches zu bieten hat und was der Untertitel "Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen" überhaupt bedeutet. Denn hier gibt's kein Déjà-vu, kein "Das kenne ich schon".

Das innovative Buch zeigt auf matt-edlem Papier in dezenter Farbigkeit gehalten tatsächlich Fotos von elektromagnetisch durchleuchteten Tieren und Pflanzen. Die Bilder, allesamt Werkstattaufnahmen von Arie van't Riet, sind über Jahrzehnte hinweg entstanden. In einem ausführlichen Vorwort beschreibt Jan Paul Schutten, wie die Aufnahmen dank eines ausgemusterten Röntgengeräts unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen realisiert werden konnten. Nicht zu vergessen eine gehörige Portion Forscher- und Entdeckergeist sowie zähe Ausdauer, um die grandiose Idee umzusetzen.

Was genau haben sich die beiden Autoren in diesem Buch ausgedacht? Sie haben 50 Skelette von Vögeln, Fischen, Säugetieren, Reptilien und Amphibien in durchscheinend wirkende botanische Umgebungen eingebettet, "Bioramen" nennt Arie van't Riet seine aufwendig komponierten, faszinierenden Arrangements. In den Bioramen zeigt er die Tiere scheinbar lebendig in Aktion - und bringt dabei zutage, was normalerweise unsichtbar bleibt. Zum Beispiel Knochen und Gräten. Oder Schädelstrukturen vom Wiesel, die vielen Wirbelchen der Langschwanzeidechse und die Tastfühler vom Wels. Bizarr und wunderbar zeigt sich hier jedes kleinste Knöchelchen, jede Klammerzehe, jeder Eckzahn. Dazu feinste Aderstrukturen von Lampionblumen, Staubgefäße in Blütenständen, Seegrasgewoge, Vegetationsarrangements genau passend zu den Lebensräumen der abgebildeten Tiere.

Ganz verrückt wird die Sache, wenn die Tiere in (scheinbare) Bewegung gebracht werden. Da erklärt sich beim Betrachten der Doppelseiten, wie das Totenkopfäffchen klettert, was für ein Technikwunderwerk eine fliegende Libelle ist, wie dürr die Schleiereule ohne ihren plüschigen Daunenmantel ausschaut. Man erlebt Krokodil und Python im Kampf, und bekommt obendrauf noch beantwortet, wer warum gewinnt. Neben den traumhaft-zarten Bildern gibt es blumig ausformulierten, erklärenden Text zu lesen.

Jan Paul Schutten spricht seine jungen Leserinnen und Leser direkt an, schafft Nähe. Es gelingt ihm, die erstaunlichen Fakten wie lebhafte Abenteuergeschichten klingen zu lassen. Und ja, auch dies: Das Buch antizipiert Antworten auf Fragen, die bisher noch kein Kinder- und Jugendsachbuch gestellt hat. Das wirklich sehr überraschend und spannend. (ab 9 Jahre)!

Arie van 't Riet / Jan Paul Schutten: Nette Skelette. Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann. Mixtvision Verlag, München 2020. 128 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 06.11.2020

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