"Ticket ins Paradies" im Kino:Intrigant am Strand

Lesezeit: 3 min

"Ticket ins Paradies" im Kino: Natürlich landen sie wieder zusammen im Bett, die Regeln des Genres sind streng: Julia Roberts und George Clooney in "Ticket ins Paradies".

Natürlich landen sie wieder zusammen im Bett, die Regeln des Genres sind streng: Julia Roberts und George Clooney in "Ticket ins Paradies".

(Foto: AP)

Julia Roberts und George Clooney spielen in der Komödie "Ticket ins Paradies" ein Ex-Paar, das die Hochzeit der gemeinsamen Tochter verhindern will.

Von Fritz Göttler

Eine improvisierte Runde Beer Pong mit George Clooney, nachts auf der paradiesischen Insel Bali, das ist ein heißer Programmpunkt für den Comeback-Film des Superstars, einen Film, der perfekt zugeschnitten ist auf ihn - nun mit weißem Haar und Bart, aber schlank und rank - und auf die Frau an seiner Seite, Julia Roberts, genauso agil und alterslos wie er.

Beer Pong ist ein Spiel, bei dem man sich ziemlich schnell zum Narren machen kann - es gilt, Pingpongbälle in Becher zu werfen und diese Becher außerdem zu leeren, und da können durchaus stärkere Stoffe als Bier drin sein... Clooney wackelt dann ekstatisch mit dem ganzen Körper, er zelebriert lustvoll und naiv seine Enthemmung, wie einst sein ihm nicht unähnlicher Vorgänger Cary Grant in seinen frühen Komödien. Die Tochter ist beim Beer Pong anwesend, und sie ist wirklich not amused.

Julia Roberts spielt auch dieses Mal wieder Clooneys Ex, wie in den ersten beiden Filmen der "Ocean"-Filmreihe von Steven Soderbergh, und sie arbeitet auch diesmal im Kunstgeschäft (sie hat einen sehr genauen Blick für die Kunst, das Bild ist verkehrt herum gehängt, bemerkt sie cool vor einem abstrakten Gemälde). Die beiden spielten außerdem zusammen in Clooneys erster Regiearbeit, "Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind", 2002, und später in "Money Monster", 2016, von Jodie Foster.

Mit der Ehe war nach fünf Jahren Schluss - jetzt beginnt ein Wettkampf um die besseren Beleidigungen

Diesmal sind sie als Ex-Paar nach Bali gekommen, um ihrer Tochter Lily (Kaitlyn Dever) die Hochzeit dort zu vermasseln - Helikoptern in seiner schlimmsten Form. Sie wissen, aus eigener Erfahrung, diese Ehe kann nicht gutgehen. Lily hat nach dem Studienabschluss Ferien gemacht auf Bali, einen Jungen dort kennengelernt, einen Algenfarmer, und nun wollen sie heiraten. Mit der Ehe der Eltern war war nach fünf Jahren Schluss, seitdem leben sie getrennt, in Los Angeles und Chicago. Wenn sie doch mal zusammenkommen, ist nur entscheidend, wer die spitzesten Bemerkungen gegen den anderen rausschleudert und wie schnell. Ein Wettkampf der sophistication. Natürlich gibt es einen armen Neuen, der Roberts an den Fersen bleibt, natürlich landet sie mit Clooney versehentlich wieder im Bett.

"Ticket ins Paradies" beginnt als amerikanische Ehekriegskomödie im Stil der Dreißigerjahre, aggressiv und sophisticated, mit fetzigen Schlagabtäuschen, nur die gemeinsame Bali-Mission eint sie. Das Insel-Ambiente aber weicht allmählich die strengen Screwball-Spielregeln auf, Bali ist das Gegenteil zu dem grauen, einförmigen Business-Amerika, aus dem Clooney und Roberts kommen und in das sie die Tochter zurückholen wollen, in eine triste Anwaltskarriere. Auf Bali hat alles Lebendige Farben und Formen und Emotion.

Regisseur Ol Parker ist ein Spezialist für Filme über den Clash von Natur und Kultur, er hat die Drehbücher zu den "Best Exotic Marigold Hotel"-Filmen geschrieben und 2018 beim zweiten "Mamma Mia"-Film Regie geführt. "Ticket ins Paradis" wurde in Queensland gedreht, und Anfang des Jahres musste, weil in Australien ein Covid-Lockdown verhängt worden war, der Dreh unterbrochen werden.

Natürlich tut sich Clooney mit seinem gewaltigen Charme doch sehr schwer, richtig böse und fies zu sein (das schaffte nur Cary Grant, wenn er in "His Girl Friday" rücksichtslos seine Ex wiedererobern will), und es gibt einen dunklen, melancholischen Unterton in der Geschichte, so wie es sich für jede echte Komödie gehört. In manchen Momenten hat Clooney etwas von einem Loser wie Danny Ocean.

Die Liebe der Eltern ging im Feuer zugrunde, als ihr Haus am See abbrannte - aber Clooney hat das Grundstück dann nicht verkauft und es hin und wieder besucht. Eine comedy of remarriage, so hat Stanley Cavell das Genre genannt, der Harvard-Professor, in seinem Buch "Pursuits of Happiness", in dem er seine Gesellschaftsphilosophie übers Kino und dessen Komödien entwickelte. Im American Way of Life geht die Liebe keine geraden Wege, sie macht Biegungen und eine radikale Umkehr, und Recyceln ist sehr natürlich ...

Wenn Lily den Jungen kennenlernt und sie die erste Nacht miteinander verbringen, wacht sie am Morgen in einem luftig schönen Zimmer auf, mit bunten Kissen und Teppichen und hölzernem Zierrat. Sie blickt sich um und geht zur offenen Tür, und die Kamera geht in einer einzigen Bewegung aus dem Raum hinaus ins Freie auf die Veranda des Hauses am Strand, zieht sich zurück übers Meer und steigt empor. Bali, das ist in dieser Bewegung eine Welt, wo das Natürliche und das Künstliche, das Organische und das Kulturelle nicht voneinander geschieden sind, ineinander übergehen.

Wenn in dieser Welt George Clooney plötzlich eine bunte Yogahose anhat, dann ist das irgendwie ganz natürlich, und sicher nicht so lustig und schockierend wie Cary Grant, der in Katharine Hepburns flauschigem Bademantel auftaucht in "Bringing Up Baby".

Ticket to Paradise, 2022 - Regie: Ol Parker. Buch: Ol Parker, Daniel Pipski. Kamera: Ole Bratt Birkeland. Musik: Lorne Balfe. Schnitt: Peter Lambert. Mit: George Clooney, Julia Roberts, Kaitlyn Dever, Lucas Bravo, Billie Lourd, Maxime Bouttier, Senayt Mebrahtu, Vanessa Everett. Universal, 104 Minuten. Kinostart: 15.09.2022.

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