Süddeutsche Zeitung

Thriller "The Infiltrator":Das Walter-White-Syndrom

Warum empfindet man als Zuschauer tiefe Befriedigung, wenn Bryan Cranston in "The Infiltrator" brutal gequält wird? Das könnte an "Breaking Bad" liegen.

Von Tobias Kniebe

Alles beginnt mit einem starken, ziemlich niederträchtigen Gefühl - nennen wir es das Walter-White-Syndrom. Wenn man davon befallen wird, möchte man sehen, wie der Schauspieler Bryan Cranston vom Schicksal gequält wird. Cranstons eindrucksvoll zerfurchtes Gesicht sieht so aus, als sei es vom Zeichenstift des Lebens schon länger als Konzeptpapier benutzt worden. Bei großer Qual wird es ganz grau. Und dann kann man darin ganz wunderbar ablesen, wie sein Gehirn Lösungen, Lügen und neue Überlebensstrategien entwickelt. Man empfindet tiefe Befriedigung, wenn man dabei zuschauen darf.

Aktuell zum Beispiel in dieser Szene, in seinem neuen Film "The Infiltrator" von Brad Furman. Ein neonfunkelnder Nachtclub in Florida, tiefe Achtzigerjahre. Das Ambiente ist edel, die Frauen sind schön. Das Problem sind die Männer. Sie arbeiten für das allmächtige Medellín-Kokainkartell in Kolumbien. Sie vertrauen der Figur, die Bryan Cranston spielt, zumindest für den Moment, sie sind bewaffnet und wollen Spaß. Eine Drogenhöllen-Standardsituation: ein falsches Wort, und Hirnmasse tropft von den Wänden.

Man sieht also Cranston in Lebensgefahr, was er aber als Walter White in den Drogenhöllen von Breaking Bad natürlich immer war. Also wünscht man sich, dass das Schicksal die Schrauben gleich noch ein wenig fester anzieht. So funktioniert das Walter-White-Syndrom, und das weiß Cranston selbst, und der Regsisseur Brad Furman weiß es natürlich auch. Also lassen die Medellín-Jungs als Nächstes Prostituierte aus der oberen Gehaltsklasse aufmarschieren, die sich auch gleich an den umliegenden Hosentürln zu schaffen machen. Und dabei steht Bryan Cranston dann plötzlich die nackte Panik ins Gesicht geschrieben. Er ist nämlich Familienvater, er liebt seine Frau, und außerdem hat er eisenharte moralische Prinzipien. Was in dieser Situation wirklich alles andere als ein Vorteil ist.

Würde er das zugeben, dann könnte er auch gleich verkünden, dass er ein Undercover-Agent der Regierung ist - eben der "Infiltrator" aus dem Titel. Dann wäre es erstens vorbei mit der Legende, dass er als millionenschwerer Geschäftsmann die perfekten Geldwäsche-Connections für das Medellín-Kartell einfädeln kann. Und zweitens wäre er tot. Also darf man jetzt seinem Hirn bei der Arbeit zuschauen - wie er die Prostituierte wegschickt und sich dann trotzdem aus einer Situation herauswindet, in der alle plötzlich sehr, sehr misstrauisch sind. Für solche Szenen wurde Bryan Cranston geboren.

Das lindert dann auch das Problem, dass Breaking Bad vor ziemlich genau drei Jahren in einem unvergesslichen Finale zu Ende gegangen ist, und dass die geniale dramaturgische Streckbank, auf der Walter White von Folge zu Folge größere Schmerzen zu erleiden hatte, leider eingemottet wurde. Seither sind wir auf Entzug. Bryan Cranston musste zwischenzeitlich zwar durchaus ein paar Zumutungen einstecken, in dem Film "Trumbo" etwa spielte er einen verfemten Drehbuchautor auf Hollywoods schwarzer Liste.

Endlich! Der Mann ist wieder in seinem Element

Auf seiner nach oben offenen Schmerzenskala aber war das kein Vergleich. Wenn er jetzt also wieder in der Welt der Drogenbosse unterwegs ist, wo Menschen neben ihm in den Kopf geschossen wird, wo irgendein Psychopath jederzeit durchdrehen kann, wo alles an seinen Lügen hängt, die immer komplexer werden, und wo sein Versprechen, er werde seine Frau und seine Kinder schützen und keinesfalls mit in den Wahnsinn hineinziehen, sich als leider unhaltbar erweist - dann atmet man innerlich auf. Endlich! Der Mann ist wieder in seinem Element.

Das Besondere ist diesmal allerdings, dass die Geschichte wahr ist. Bryan Cranston spielt Robert Mazur, der in den Achtzigerjahren, in der Ära von Pablo Escobar und seinen Kokainschergen, ein Spezialagent der Zoll- und Drogenbehörde in Florida war. Fünf Jahre war er undercover unterwegs, als millionenschwerer Geschäftsmann mit perfekten Geldwäsche-Connections. Er versteckte Drogengewinne, nahm alles auf Tonband auf und drang bis in die oberste Führungsebene vor, wo er dann auch mal Escobar selbst die Hand schütteln durfte.

Qualen, Dilemmata und Herzschlagmomente

Das Lügengebäude, das er dafür aufbauen musste, wurde nach und nach ein wahrer Palast. Er erfand eine elegante Verlobte, die dann von einer Kollegin gespielt werden musste (im Film eine überzeugende Diane Kruger), schließlich organisierte er sogar eine Traumhochzeit für sich selbst. Dabei wurden dann die Gäste - Schattenmänner, Schattenbanker, Kartellmitglieder - allesamt festgenommen. Mammutprozesse folgten, am Ende reichten die Beweise sogar für ein Urteil gegen Panamas Machthaber Manuel Noriega.

Der echte Robert Mazur hat schon den Regisseur Michael Mann beraten, als dieser seine Undercover-Storys in "Miami Vice" erzählte, und hat - von diesem ermutigt - seine Abenteuer schließlich in dem Bestseller "The Infiltator" aufgeschrieben. Die Spannung in dieser Geschichte - rechtschaffener Beamter und Familienvater mit klaren moralischen Prinzipien wird zu einem Hauptdarsteller in Miamis Südenpfuhl - verlangte geradezu danach, auf Bryan Cranstons Gesicht ausgetragen zu werden. Qualen, Dilemmata, Herzschlagmomente von der drohenden Enttarnung gibt es dafür genug.

Nur die Wucht von Breaking Bad, die erreicht der Film am Ende dann doch nicht ganz. Und das hat wahrscheinlich drei Gründe. Erstens will "The Infiltrator" in der Nähe der Realität bleiben, und diese war in den Achtzigerjahren noch nicht ganz so brutal wie etwa heute in Mexiko, und auch nicht so blutig und verrückt wie die gängigen Narco-Fantasien. Gemessen an einer Dramaturgie, die ohne Einschränkungen fabulieren kann, wirkt das alles irgendwie gebremst.

Merkwürdige Verwirrungseffekte durch die Verkörperung Mazurs

Zweitens geraten alle Schauspieler in einen merkwürdigen Konflikt, wenn sie Undercover-Figuren in einer falschen Identität spielen müssen. Diese sind schließlich selbst nichts anderes als Schauspieler, aber eben keine Profis. Man sieht dann also einem unschlagbaren Könner wie Bryan Cranston dabei zu, wie er einen halben Film lang einen etwas wackligen Schauspiel-Amateur namens Robert Mazur verkörpert - das führt zu merkwürdigen Verwirrungseffekten.

Drittens schließlich, und das ist wohl entscheidend: Robert Mazur lebt natürlich noch, und er ist immer noch ein rechtschaffener Pensionär und Familienvater mit klaren Prinzipien. Das färbt seine Geschichte bis in den Film hinein. Der Mann hat fünf Jahre ein Wahnsinnsleben gelebt, er hat seinen Auftrag erfüllt und viele Verbrecher hinter Gitter gebracht. Aber wie sehr er das Lügen dabei auch genossen hat, und wie sehr die ständige Lebensgefahr dabei seine eigene Droge geworden ist, besser als jedes Kokain - das kann der Film nur andeuten. Man vermutet, dass dahinter noch ganz andere Wahrheiten liegen, über die ein rechtschaffener Pensionär und treuer Familienvater dann doch lieber schweigt.

Bei Walter White dagegen, denkt man am Ende und vermisst ihn sehr, wären auch diese Dinge noch gnadenlos ans Licht gekommen.

The Infiltrator, USA 2016 - Regie: Brad Furman. Buch: Ellen Brown Furman. Kamera: Joshua Reis. Mit Bryan Cranston, John Leguizamo, Diane Kruger, Benjamin Bratt. Paramount, 127 Min.

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Quelle:
SZ vom 29.09.2016/sars
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