Thriller "Sleep Tight" im Kino Weg mit dem verdammten Lächeln

Alle kennen ihn nur als den freundlichen, hilfsbereiten Concierge. In Wahrheit aber terrorisiert César die Bewohner seines Mietshauses, narkotisiert sie im Schlaf, beobachtet sie beim Sex. Im spanischen Thriller "Sleep Tight" können wir nicht anders, als mit dem Schurken zu bangen - obwohl er nichts anderes will, als Leben zu zerstören.

Von Burkhard Müller

Ein Thriller, der funktionieren soll, darf das Böse nicht hinterfragen. Aber er darf den Bösen als einen Menschen zeigen, der Schmerzen leidet. César (Luis Tosar) arbeitet als Concierge an der Rezeption eines großen Mietshauses der gehobenen Klasse in Barcelona. Gleich am Anfang erfährt man in einer Art innerem Monolog (denn der Film von Jaume Balagueró wird völlig aus der Perspektive seines Helden erzählt), dass er ganz und gar ohne die Fähigkeit zum Glück geboren sei, so wie andere taub oder blind, und dass er nur eine einzige bedingte Chance in seinem Leben sieht, dem Unglücklichsein zu entrinnen: Indem er andere Menschen unglücklich macht.

César ist immer heimlich dabei - auch, wenn die vertrauensvolle und stets gut gelaunte Marta mit ihrem Freund schläft.

(Foto: Senator)

Der Film lebt davon, dass Luis Tosar diese Rolle mit solch qualvoller Intensität zu spielen vermag, als einen an sich stattlichen athletischen Mann, der jedoch geschlagen ist mit einer Glatze und bajazzohaften Augenbrauen, scheu, bedrohlich und lächerlich zugleich. Der Job macht es ihm leicht, sein Werk unvermerkt zu verrichten, denn er hat die Schlüssel zu allen Apartments. Bei den seltsamen Dingen, die in diesem Haus passieren, verdächtigt keiner den höflichen Concierge, der so bereitwillig verstopfte Ausgüsse repariert und verwöhnte Schoßhunde hütet.

Was César jedes Mal einen ganz besonderen Stich gibt, ist das fröhliche Naturell der jungen Mieterin Clara (Marta Etura). Sie mag ihn, sie traut ihm mit völliger Arglosigkeit; er aber richtet all sein Trachten darauf, ihr, wie er sich ausdrückt, das verdammte Lächeln aus dem Gesicht zu wischen.

Er schickt ihr anonyme Post, er schleicht sich ein, um ihre Schminkdöschen mit allergieerzeugenden Substanzen zu infizieren und Kakerlaken zu verbreiten, die selbstverständlich wiederum nur er als Kammerjäger bekämpfen kann. Wenn sie heimkommt und erst einmal zu überlauter Musik durch die Wohnung rockt, liegt César, von den Fransen der Decke getarnt, unter ihrem Bett; sobald sie eingeschlafen ist, kommt er hervor und vertieft ihren Schlaf, indem er ihr ein Taschentuch mit Äther auf Nase und Mund presst.

Mit steinernem Gesicht ist er dabei, wenn sie mit ihrem Freund Marcos Sex hat und die Matratzenfedern quietschen: ein Augenblick, der den Zuschauer einer affektiven Zerreißprobe aussetzt, denn er kann nicht anders, als mit dem belauschten Paar zu fühlen und dennoch für César zu bangen: Was er wohl empfindet, und ob er da unentdeckt rauskommt. Gutgehen kann das alles ja nicht.

Tatsächlich gewinnt der Film aus der gehäuften Unwahrscheinlichkeit solchen Entwischens seine spezielle Qualität. César wird von Marcos in der Wohnung gestellt - er gibt vor, seine Kammerjägerutensilien vergessen zu haben; die Polizei hat sich ihm auf die Spur gesetzt - er liefert ihr den unschuldigen Sohn der Putzfrau aus. So geht es bis zum tödlichen Finale.

Jedes Mal ertappt man sich dabei, mit dem Schurken mitgefiebert zu haben - und so erleichtert zu sein, dass man die aberwitzigsten Wendungen hinnimmt. Das Drehbuch von Alberto Marini strapaziert die parteiische Leichtgläubigkeit seines Publikums mit altmodischer Bedächtigkeit - und so gekonnt wie Patricia Highsmith, wenn sie ihrem Mr. Ripley ein ums andere Mal aufs hanebüchenste aus der Patsche hilft.

Am Ende rundet sich der Film auf so verblüffende wie logische Weise. César ist zwar gefeuert worden, doch hat er es hingekriegt, dass er durch einen letzten verruchten Schachzug so etwas wie dauerndes Glück gewinnt. Wie, darf hier nicht verraten werden. Aber die betreffende Szene, ein absolutes Meisterstück des Emotionskinos, bricht dem Zuschauer das Herz.

SLEEP TIGHT, Spanien 2011 - Regie: Jaume Balagueró. Drehbuch: Alberto Marini. Kamera: Pablo Rosso. Mit Louis Tosar, Marta Etura, Alberto San Juan. Verleih: Senator, 102 Minuten.