Thriller Jagd auf Osama bin Laden

Neuer Thriller von Leon de Winter. In "Geronimo" hat Osama bin Laden den Angriff überlebt und gerät in eine schlimme Intrige. Manchmal hilft Bach, ein bisschen.

Von samir sellami

Wie macht man aus dem Teufel einen Menschen? Ganz einfach, man verleiht ihm eine Erektionsschwäche und setzt ihm, aus Gründen der Tarnung, versteht sich, einen lustigen Helm auf den Kopf. Den braucht er, wenn er nachts aus seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad ausfährt, um die jüngste seiner drei Frauen mit Vanille-Eis zu beglücken. Er wird es ihr später von den Brustwarzen lecken, nicht ohne zuvor "die blaue Pille" zu nehmen.

Der Teufel ist kein Geringerer als Osama bin Laden, und dass man ihm einmal so auf Hüfthöhe begegnen darf, verdankt sich dem neuesten Roman des niederländischen Bestsellerautors Leon de Winter. "Geronimo", so der Titel des Buches, war Bin Ladens Codename bei der Geheimdienst-Operation vom 2. Mai 2011, die mit dem Tod des Al-Qaida-Führers endete. Doch an der offiziellen Version gibt es bekanntlich Zweifel: Warum wurde bis heute kein Foto des toten Bin Laden veröffentlicht? Warum versuchte man nicht, ihn lebend zu fangen? Und kann es Zufall sein, dass die an der Operation beteiligten Soldaten später bei einem Hubschrauberabschuss ums Leben kamen?

Die Straßen sind dreckig, Korruption und Gewalt bestimmen den Alltag Pakistans

Derartige Spekulationen inspirierten de Winter zur Erfindung seiner Geschichte. Bin Laden überlebt seinen eigenen Tod und wird nach Afghanistan entführt. Unter Folter verrät er die Existenz eines brisanten USB-Sticks, den er in einem Hocker versteckt hielt. Diesen hat der junge pakistanische Christ Jabbar nach der Stürmung von Bin Ladens Versteck aus dessen Keller geklaut. Derselbe Jabbar kümmert sich um die afghanische Jugendliche Apana, die als verstümmelte Bettlerin in Pakistan auf der Straße lebt und sich zuvor schon in Bin Ladens Obhut befand.

Ein Taxifahrer in Abbottabad, Pakistan, vor dem Haus, in dem Osama bin Laden 2011 getötet wurde. Wirklich? Leon de Winter meint: Man wird ihn wiedersehen.

(Foto: Warrick Page/LAIF)

Zusammengehalten wird der wilde Plot von dem amerikanischen Ex-Agenten Tom Johnson, der mit den an der Bin-Laden-Operation beteiligten Soldaten befreundet ist und eine besondere Verbindung zu Apana hat. Als Tochter des Übersetzers hielt sie sich immer wieder in Toms Militärcamp in Afghanistan auf, bis er sie unter tragischen Umständen aus den Augen verlor. Eine letzte Chance, seinem verkorksten Leben noch einen Sinn abzuringen, sieht er darin, Apana wiederzufinden und sie nach Amerika zu bringen.

Die Beschreibung der pakistanischen Gegenwart ist wenig schmeichelhaft. Die Straßen sind dreckig, Korruption und Gewalt bestimmen den Alltag, die Hindus haben das Land verlassen, die Christen werden diskriminiert und die wenigen liberalen, weil steinreichen Moslems leben in London und machen Urlaub in Südfrankreich. Einseitige Schwarzmalerei ist de Winter indes nicht vorzuwerfen, denn auch die amerikanische Gesellschaft des Spektakels kommt in ihrer bekannten Mischung aus Imperialismus und Oberflächlichkeit nicht viel besser weg.

Der einzige Hoffnungsschimmer in dieser düster antagonistischen Welt kommt aus Europa, und zwar in Form der Musik Bachs. Als sich Tom in seiner Militärbasis in Afghanistan einmal eine Aufnahme der Goldberg-Variationen (natürlich in der Interpretation Glenn Goulds) anhört, kommt zufällig Apana in sein Zelt und wird sogleich von der "schmerzlichen Schönheit Bachs" verzaubert.

Spätestens an dieser Stelle wird aus einem harmlosen Schmöker bildungsbürgerlich aufgeplusterte Genre-Literatur. So verstaubt wie der Verweis auf die Goldberg-Variationen sind die Beschreibungen, mit denen de Winter seinem Kolportagethriller fortan poetischen Glanz verleihen will. "Hier bot sich die Schönheit in Reinform dar, zart und zögernd, als entschuldigte sie sich für so viel Zerbrechlichkeit." Oder: "Er rührte etwas an, was ewig war und zugleich vergänglich. Zeitlos, aber zeitlich begrenzt - das war das Herzzerreißende." Noch holpriger sind die Anleihen bei der Popkultur, die für den Autor offenkundig in den späten Achtzigern zu Ende ging. Ein arabischstämmiger CIA-Agent darf da aussehen wie Omar Sharif, eine männliche Figur wie Tom Cruise, und eine weibliche ist der "Typ Julia Roberts, ein fast schon ätherisches Wesen mit riesigen Augen".

Die eine oder andere gelungene Szene, etwa ein Cameo-Auftritt Obamas, in dem wir ihm beim Schreiben seiner berühmten Rede zum Tod Bin Ladens über die Schulter schauen dürfen, kann über so viel erzählerische Lustlosigkeit kaum hinwegtrösten.

Am schwersten wiegt das uneingelöste Versprechen der Multiperspektivität. Erzählt wird im Faulkner-Stil in dreißig mit den jeweiligen Figurennamen überschriebenen Kapiteln, allerdings in einer durchgehend wiedererkennbaren, transparenten Sprache. Tom Johnson wirkt streckenweise als alleiniger Erzähler, der den Rest der Geschichte nachträglich rekonstruiert hat. Doch letztlich gibt es zu vieles, was er nicht wissen kann, und so vermutet man hinter allem einen allwissenden Strippenzieher. Diese mangelnde Distanz lässt das Schicksal Apanas am Ende zur fragwürdigen Allegorie werden. In einer spätromantischen Wendung wird ihre Liebe zur reinen Schönheit der Barockmusik zu ihrem Untergang. "Bach hatte sie sehend gemacht", heißt es da - europäische Hochkultur als einzige rettende Quelle von Schönheit und Aufklärung für ein afghanisches Mädchen!

Doch dieser Zustand darf unmöglich anhalten, denn letztlich kann es die richtige Kunst in der falschen Gesellschaft nicht geben. Als sie den Taliban in die Hände fällt, hacken die ihr zur Strafe Ohren und Arme ab.

De Winters Mobilisierung der europäischen Kultur gegen die "tief verwurzelte Rückständigkeit" des fundamentalen Islam hat ein entscheidendes Problem. Er selbst präsentiert diese Kultur in ihrer denkbar überraschungslosesten Form: mumifiziert und ideologisch eingefärbt. Es gibt eine erstaunliche Parallele dieser literarischen zu den nicht-literarischen Beschwörungen der abendländischen Werte. Auch deren lautstärkste Verfechter haben häufig die denkbar langweiligste Vorstellung davon, worin diese Werte jenseits der ausgetretenen Pfade bestehen könnten.