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Thriller:Im dunklen Tal

Schamanismus im Polizeidienst - Elisabeth Herrmann lässt ihre Heldin Ravna am ersten Tag als Polizistin einen Mord erleben, der seine Wurzeln in der Kultur der Samen hat. Und sie mit ihrer Familiengeschichte konfrontiert.

Von Fritz Göttler

So was kommt von so was, sagt Léna lapidar, Ravnas Urgroßmutter, und meint damit eine Art ausgleichender Gerechtigkeit. Es geht um den Mord an Olle Trygg, ein Stich in den Nacken, ein Stich ins Herz, mit einem samischen Messer. Trygg ist ein Same, gehört zur indigenen Gruppe in der norwegischen Grenzregion an der Barentssee, ein skrupelloser Feudalherr und Ausbeuter, ihm gehören riesige Weideflächen, die die Samen zur Rentierzucht brauchen. Die er nun der Firma Streamprom verkaufen will, für Fracking und Gasterminals.

Auch Ravna ist Samin, in der Jugend war sie draußen bei den Herden, ihre Mutter arbeitet immer noch dort, der Vater, ein Norweger, ließ sie sitzen, die Schwester Inga ist fort nach Oslo. Auch Ravna will weg, in den Polizeidienst - am ersten Tag ihres Praktikums wird der tote Trygg entdeckt. Es ist Montag, 25. November 2019, der Mittwoch ist dann der kürzeste Tag des Jahres, zwölf Minuten lang, danach beginnt die lange Polarnacht. In dieser Woche wird Ravna starke Erfahrungen machen und schwere Entscheidungen treffen.

Beim toten Trygg fallen Ravna einige Sachen auf, die exakt platzierten Stiche, Birkenrinde in einem Stiefel, später findet sie in der Nähe ein geopfertes Ren - Zeichen für ein Ritual, ein Gute-Reise-Paket auf samisch, um der Seele den Übergang ins Jenseits zu erleichtern. Ein Strich am Boden neben dem Toten soll die Wanderseele abhalten, den Mörder heimzusuchen.

Die junge Samin Ravna hat die üblichen Minderheitenprobleme, wird runtergeputzt und verspottet. Und von ihrem Volk misstrauisch wie eine Verräterin beobachtet. Ein Solidaritätskonflikt. Nur Rune Thor zieht sie mit, den ermittelnden Kommissar, auch er ein Außenseiter, schwarzer Mantel und schwarze Ringe unter den Augen, krähenhaft. Ein verkaterter Vampir, eine konfiszierte Flasche Whisky leert er ganz allein, verpennt am Tag darauf eine Hausdurchsuchung. Nach einem Besuch bei Léna summt er "Dancing Queen" von Abba. Er und die Urgroßmutter, zwei mystisch, gar dämonisch konturierte Figuren, die Ravnas Coming-of-Age prägen. Léna ist, das lernt Ravna erst allmählich, in die schamanischen Geheimnisse der Samen eingeweiht, die Leute kommen ratsuchend zu ihr. Auch Rune Thor kommt, er ist selbst in einem tiefen Tal. Bei dem mörderischen Anschlag 2011 auf Utøya hat er Tochter und Frau verloren. Jemand muss ihn lehren loszulassen.

Das große Verbrechen aber ist die Landnahme, als das offene Land Privateigentum wurde, in den Hexenprozessen der Gegend, fast hundert Menschen starben auf dem Scheiterhaufen. Hier gewinnt das Buch von Elisabeth Herrmann, ihr sechster Jugendthriller, eine atemraubende politische Dimension - es gilt, die Unschuld zu schützen, eines Landes, seiner Jugend. Ein Mahnmal zeugt davon, gestaltet vom Architekten Peter Zumthor und von der Künstlerin Louise Bourgeois. In einem Feuerstuhl dort sehen die Besucher das historische Schicksal und die eigene Verantwortung reflektiert. (ab 14 Jahre)

Elisabeth Herrmann: Ravna. Tod in der Arktis. cbj 2021. 463 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 21.05.2021
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