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Thriller:Hafen der Frauen

"Lass sie nicht spüren, dass man nicht dazugehört": Lauren Wilkinsons "American Spy" wird sogar von Barack Obama empfohlen.

Von Fritz Göttler

"Le havre des femmes " heißt die NGO, für die Marie arbeiten soll, der Hafen der Frauen, in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Der Hafen soll Frauen Schutz bieten, die als Hexen diffamiert und bedroht werden.

Seit einem Militärputsch im August 1983 regiert in Burkina Faso der junge charismatische Präsident Thomas Sankara. Er kämpft und agitiert gegen Imperialismus und Rassismus, Vorbilder sind Fidel und Che, er fördert Frauen, schafft die Beschneidung ab. Während eines Aufenthalts in New York will er Harlem sehen, spielt in einer Kneipe Gitarre. Er schläft mit einer Frau und verliebt sich in sie.

Marie Mitchell ist aufgewachsen im Viertel Queens in New York, der Vater war Flieger im Weltkrieg, ist nun ein schwarzer Cop, die Mutter verlässt ihn und geht zurück in ihre Heimat Martinique. Die Frauen der Familie wurden oft als Weiße angesehen. Marie Mitchell wird Mitarbeiterin beim FBI. Ihre Chance kommt, als sie von der CIA angesetzt wird auf Thomas Sankara. Die Firma will ihn ausschalten, ihn durch Fotos beim Liebesakt kompromittieren. Eine Honigfalle, denkt Marie, aber dann merkt sie, es ist etwas ganz anderes, das sie für ihre Auftraggeber erledigen soll.

"American Spy" ist der erste Roman der Essayistin und Literaturdozentin Lauren Wilkinson. Kühn gehen hier die Historie, Thomas Sankara, und die Fiktion, Marie Mitchell, eine Beziehung ein. Eine schmerzlich intensive Geschichte über Identität in Amerika, dort fühlt Marie sich immer erst als Schwarze, dann erst als Amerikanerin. In Burkina Faso ist das umgedreht. Barack Obama hat den Roman 2019 auf seine Leseliste gesetzt: Er sei "mehr als ein Spionagethriller, er packt die Bande der Familie, der Liebe, des Landes zusammen ..."

Man kommt leichter durchs Leben, wenn andere nicht spüren, dass man nicht dazugehört

1992 setzt der Roman ein, in Maries Haus in Connecticut. Ein Unbekannter dringt nachts ein, versucht sie umzubringen. Marie flieht zu ihrer Mutter, mit ihren Zwillingssöhnen. In einer Art Tagebuch für die Söhne fängt sie an zu erzählen, von der Entfremdung zur älteren Schwester Helene, die Soldatin wird, nach Vietnam geht, bei einem Unfall stirbt, vom Mann, der Helenes Leben bestimmte und nun versucht, auch das von Marie zu bestimmen, von der Liebe zu Thomas. Im Oktober 1987, kurz nach dem 20. Todestag von Che, wird er bei einem Putsch erschossen. Darauf haben, suggeriert der Roman, die CIA, aber nicht nur sie hingearbeitet. Und Marie hat ungewollt mitgewirkt dabei.

Ein schwarzer Le Carre, aus einem zerrissenen Land. "Ich kann dir sagen", erklärt Maries Vater ihr, "man kommt leichter durchs Leben, wenn man andere nicht spüren lässt, dass man nicht dazugehört und es auch gar nicht will. Ich mache das jeden Tag, ich lebe undercover, seit ich denken kann." Ich hoffe, ihr werdet den Mut haben, euch gegen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen, schreibt Marie den Söhnen, ich hoffe, ihr werdet frei und heftig lieben.

Lauren Wilkinson: American Spy. Thriller. Aus dem Englischen von Jenny Merling, Antje Althans, Anne Emmert, Katrin Harlaß. Tropen, Stuttgart 2020. 366 Seiten, 16 Euro.

© SZ vom 10.08.2020

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