Süddeutsche Zeitung

Bildband "Ein Dichter setzt sich in Szene":Thomas Mann als Instaboy

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Ein Bildband versammelt Porträts und Fotografien von Thomas Mann - und zeigt, wie sehr die Selbstinszenierung zu seiner Kunst gehörte.

Von Marie Schmidt

Das eigentlich Kuriose ist, wie natürlich einem heute die Arbeit am Selbstbild durch Fotos vorkommt. Im Internet, seinen sozialen Netzwerken, ist nur eine Persönlichkeit, wer sich aus Hunderten Porträts zusammensetzt, sich konstant zeigt, und zwar in einer Haltung und Umgebung, die für andere sofort interpretierbar ist. Ideologiekritiker dieser Öffentlichkeit beschreiben ihre Formen als neu. Gerade hat zum Beispiel die amerikanische Essayistin Jia Tolentino in ihrem weltweit wahrgenommenen Essayband "Trick Mirror. Über das inszenierte Ich", darauf hingewiesen, dass man im Internet nicht wie auf der Straße einfach Raum einnehmen kann: "damit einen jemand sieht, muss man handeln."

Ein Bildband mit gesammelten Porträtaufnahmen von Thomas Mann legt jetzt den Eindruck nahe, dass damit heute nur zum Massenphänomen abgesunken ist, was zu Anfang des Zeitalters technischer Reproduzierbarkeit ein wirklich neues künstlerisches Verfahren war. Die regelmäßige Spiegelung im eigenen Bild gehört zu Thomas Manns Werk wie die Wiederholungen in seinen Tagebüchern, schreiben in ihrem Vorwort die Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner und Kaltërina Latifi. Die Fotos, die sie zusammengestellt haben, stammen vor allem aus dem Bestand des Thomas-Mann-Archivs der ETH Zürich. Und man sieht: Fotografiert, gemalt oder in Bronze gegossen zu werden, war für Thomas Mann eine eigene ästhetische Praxis.

Die unpublizierten Motive, die Görner und Latifi laut Selbstbeschreibung gehoben haben, machen die Analogien zur heutigen Ikonologie nur stärker: Es handelt sich um Bilder, die bisher offensichtlich aus Gründen aussortiert wurden, ungünstig von hinten oder unten aufgenommen, der Dichter mit halb geschlossenen Augen, beim Essen oder Anzünden einer Zigarette. Die Mischung solcher Schnappschüsse mit wohlinszenierten Porträts lassen einen kurz glauben, man schaute einen Instagram-Account an, von Thomas Mann, Schriftsteller, Redner, Nobelpreisträger - München, Zürich, Pacific Palisades.

Thomas Manns Charme kommt in diesen Bildern endlich zu seinem Recht

Dazu gibt es Tagebuch- und Briefstellen, die zuerst ein ambivalentes Verhältnis Thomas Manns zum eigenen Bild erkennen lassen ("Ich mag mich nicht sehen. Müßte anders ausschauen."), später ein kalkuliertes: "Ich habe mich nie für groß gehalten, aber ich liebe es mit der Größe zu spielen und auf einem gewißen vertraulichen Fusse mit ihr zu leben." Eher spät in seinem Leben spaltet sich das Bild, in einem Buch zum Zeitgeist findet er sich zweimal: "als Exilierter und als der, den manche für den größten Schriftsteller der Gegenwart halten".

Die Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner und Kaltërina Latifi haben einen Bildband mit Fotografien Thomas Manns zusammengestellt. Hier sieht man ihn vermutlich 1939 Tagebuch schreiben: "im offenen Hemd, dazu schlecht rasiert", wie die Herausgeber anmerken: "Er hat hier etwas von einem Arbeiter".

Zu den zuvor noch nicht publizierten Bildern des Bandes gehören diese Schnappschüsse von Eric Schaal, aufgenommen im April 1937 in New York.

Thomas Mann 1949 in der Schweiz, im Hintergrund das Berner Münster.

Der Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts als junger Mann.

Am 13. September 1938 auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses. Thomas Mann wird hier aus "Lotte in Weimar" lesen und seinen "Dank an Zürich" abstatten. Es wird sein letzter Auftritt in der Schweiz, bevor er ins Exil nach Amerika geht.

Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann. Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. wbg Theiss, Darmstadt 2021. 272 Seiten, 60 Euro.

Auf einem Bild von 1935 sieht man ihn zwischen den Identitäten: noch einmal auf dem Weg von Amerika zurück nach Europa, an Deck des Passagierdampfers Berengaria. Im dunklen Zweireiher und mit Gamaschen kontrastieren seine Eleganz und Körperspannung mit den schrammeligen Dielen, den Möbeln, in denen er müde gespannten Blickes sitzt.

Unbedingt wäre zu diesen Bildern des schönen Herrn Mann wieder der bezaubernde Essay zu lesen, den Theodor W. Adorno "Zu einem Porträt Thomas Manns" geschrieben hat, 1962, sieben Jahre nach dessen Tod. In Erinnerung an die Zusammenarbeit am Roman "Doktor Faustus", an die Begegnung zweier großer Geister. Aber auch in unverklemmter Freude am Sexappeal des Dichters: "So uneitel er war, so kokett war er dafür. Das Tabu, das über dieser Eigenschaft bei Männern liegt, hat wohl verhindert, sie und ihr Hinreißendes an ihm zu erkennen." Gerade durch die Menge der Bilder, die der neue Band ansammelt, kommt dieser Charme endlich zu seinem Recht.

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