Thomas Klupp: "Paradiso" Filmriss

Es gibt kein richtiges Leben, wenn man sich im falschen Film befindet - oder aber in Thomas Klupps rasant zynischem Pubertätsroman "Paradiso".

Von Verena Mayer

Reisen zu sich selbst sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Stieg man einst aufs Motorrad oder in einen Cadillac und fuhr westwärts, bleibt dem Anti-Helden von heute häufig nur eines: die Mitfahrgelegenheit. Und die taucht nicht einmal zur vereinbarten Zeit auf wie der Starnberger Förster im gelben Kombi, mit dem der Ich-Erzähler in Thomas Klupps Roman "Paradiso" verabredet ist. Unser moderner Anti-Held, Student der Filmhochschule, muss sich also erst einmal an der Tanke die Beine in den Bauch stehen, und als endlich ein Auto anhält, sitzt prompt einer dieser alten Bekannten am Steuer, die man so erfolgreich verdrängt hat wie die eigene Pubertät.

Klupp stilisiert in seinem Debütroman "Paradiso" den Protagonisten zum modernen Anti-Helden.

(Foto: Foto: Nriko)

Dieser Konrad hat sich nicht nur vom "Loserkonrad" mit Zahnspange zum "Siegerkonrad" mit "schneeweißen Zähnen" und eigener Firma gemausert (was er dem Studenten genüsslich aufs Brot schmiert), er setzt den Erzähler auch an einer völlig falschen Abfahrt ab.

Die nächste Mitfahrgelegenheit, ein Fernfahrer, der die ganze Zeit über tschechische Prostituierte redet, bringt ihn nicht viel weiter. Und Patrizia, Studentin der Kulturwissenschaften, steuert sofort die nächste Kneipe an, weil sie über ihr Kunstprojekt "Patrizia Who - First impressions about me, myself and I" sprechen will. So entfernt sich unser Student immer weiter von seinem ursprünglichen Ziel, dem Münchner Flughafen. Statt nach Portugal zu fliegen, findet er sich in der nördlichen Oberpfalz wieder, in seinem eigenen Heimatdorf, in seiner eigenen Vergangenheit.

Das literarische Potential der Mitfahrgelegenheit erweist sich als enorm. Allein die Orte, durch die Thomas Klupp seinen Protagonisten Alex Böhm hetzen kann: Autobahnraststätten, Reihenhaussiedlungen "mit braun verschalten Doppelhaushälften", Videoläden, die "Erothek" heißen. Öde Leere, so weit das Auge reicht, die ideale Kulisse für die Unbehaustheit des modernen Desperados. Und erst die Gedanken, die einem auf dem Beifahrersitz kommen: "Wenn ich mit einem Mädchen zu tun habe, das auch nur halbwegs in Ordnung aussieht und mich küssen will, tue ich es. Da kann ich nichts dagegen machen, genauso wenig wie gegen die Globalisierung oder dagegen, dass sich der Mond um die Erde dreht."

Mit seinem Debüt hat Thomas Klupp, der 1977 in Erlangen geboren wurde und Kreatives Schreiben in Hildesheim studiert hat, eine so rasante wie komische Coming-of-Age-Geschichte vorgelegt. Vielleicht etwas zu sehr auf Pointe geschrieben, aber egal. Klupp versteht sein Handwerk. "Paradiso" enthält alles, was ein gebrochener Ich-Erzähler auf der Suche nach sich selbst braucht: Provinz, Pubertät, Pickel. Es geht um Frauen und Drogen, um Weltekel und um literarische Erfahrungen ("Ich kenne eine Menge Leute, die zu viel Hesse gelesen haben und dann überzeugt waren, sie seien moderne Siddhartas oder Goldmunds."). Zudem ist Klupp ein Meister der schnell zu entdeckenden literarischen Referenz. In welche Situation er seinen Alex Böhm auch verwickelt - der Literaturkanon ist nie weit.

Das kann ziemlich witzig sein, etwa, wenn Alex sich plötzlich in seine Kindheit auf dem Lande zurückversetzt fühlt. Nur, dass nicht eine Madeleine diese Suche nach der verlorenen Zeit auslöst, sondern der wiedergefundene Pornofilm "Spermarados", ein treuer Begleiter seiner Jugend. Manchmal macht es sich Thomas Klupp mit den Anspielungen allerdings zu leicht. "Paradiso" kommt nicht nur daher wie eine Oberpfälzer Variante von Salingers "Fänger im Roggen" - die Hauptfigur landet gegen Ende auch noch im Kornfeld.

Drehbuchautor des Unglücks anderer

Die Figur des Alex Böhm entschädigt jedoch für die comedyhafte Handlung. Dieser moderne Anti-Held leidet nicht an seiner Herkunft oder an den Verhältnissen, sondern an einer schlimmen narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Alex Böhms Leben ist eine Kette von bewussten Täuschungen. Ob er seine Freundin per SMS in die Irre führt, seinen besten Kumpel hintergeht oder eine Frau in der Kneipe sitzen lässt, während er sich aus dem Klofenster davonstiehlt - Alex Böhm lügt und betrügt nicht nur, wie es ihm gefällt, sondern auch, weil es ihm gefällt.

Dieser Filmstudent fühlt sich am wohlsten als Drehbuchautor des Unglücks anderer. Während er noch mit der Frau, die ihn liebt, zusammen sitzt, stellt er sich schon die Trennung vor, und zwar "als eine Abblende": "So wie wenn im Kino das Bild langsam ins Schwarz gefahren wird und man irgendwann merkt, dass der Film zu Ende ist. Aber wenn Johanna plötzlich einen Schnitt gesetzt hätte, hätte man aus der Abblende auch problemlos eine Aufblende machen können . . . ".

Für den erbarmungslosen Zynismus seiner Figur findet Klupp immer neue Wendungen. Böhm hat noch nicht einmal mit der alten Freundin Schluss gemacht, da lässt er schon die neue sitzen. Probleme hat er damit keine, er sieht das vielmehr als "permanentes Upgrading": "Ich habe immer instinktiv gespürt, wer noch besser für mich ist und mich noch idealer weiterbringt und bin damit auch jedes Mal richtig gelegen".

Die selbstkritischsten und mitfühlendsten Momente hat Alex Böhm, wenn er sich an Situationen aus Filmen erinnert. Immer wieder fallen in "Paradiso" Titel von Filmen, "Taxi Driver", "Magnolia", "Blue Velvet" oder "Die Klavierspielerin" - große Kunst als Korrektiv zu den niedrigen Beweggründen des Lebens. Alex Böhm wird das nicht helfen. Es gibt kein richtiges Leben, wenn man sich im falschen Film befindet.

Thomas Klupp Paradiso Roman. Berlin Verlag, Berlin 2009, 200 Seiten, 18 Euro.