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Fünf Favoriten der Woche:Das ungeheure Draußen

Der Frühling ist da: Es geht endlich raus - in den Irrsinn des öffentlichen Raums.

(Foto: Ille & Riemer)

Ein Architekturführer, zwei CD's, Thomas Bernhard als Comic und die Frage, wer noch lateinische Ziffern lesen kann

Von SZ-Autorinnen und SZ-Autoren

Draußen

Es ist das Buch der Stunde, denn nach einem Winter des Missvergnügens zwischen dem einen oder anderen Lockdown wollen wir jetzt alle endlich raus. So wie die Kinder im Buch "Draußen - 70 Beobachtungen vor Tür und Angel", die auf die Frage "Wo bist du gewesen?" eine universell gültige, fast weise Antwort parat haben: "Draußen". Das große und, wie man bald weiß im Buch, auch ungeheure Draußen ist eine existenzielle Angelegenheit.

Wolfgang Bachmann, der früher mal Chefredakteur und Herausgeber der Fachzeitschrift Baumeister war, ist unter Architekturliebhabern wie Architekturopfern eine Legende. Auch deshalb, weil er die boshafte Zuneigung zu den Hervorbringungen der planenden Zünfte erfunden hat, die manchmal auch eine zugeneigte Boshaftigkeit ist. Immer aber ist sein Schreiben erhellend - auch dort, wo man eigentlich schwarz sehen müsste angesichts einer Welt, die nicht nur alles ist, was der Fall ist. Sondern auch vieles, was wie Abfall aussieht. Manches davon ist nur mit einem Humor-Vakzin zu ertragen. Wobei vor der heiteren Melancholie, die zu den garantierten Nebenwirkungen des Buches gehört (Ille & Riemer, 164 Seiten, 20 Euro), nicht zu warnen ist. Sie ist zu empfehlen.

Bachmann hat sich ins liebliche Deidesheim zurückgezogen, was ihn nicht daran hindert, Bücher über Architektonisches bis Kriminalistisches zu verfassen und im Übrigen so auszusehen, als sei er ein in Ehren ergrautes Gründungsmitglied von Uriah Heep. Doch, das ist ein Kompliment. Beim Rocker Bachmann (das ist jetzt ein Kompliment für den Autor) scheint der Blues aber immer durch in den Texten. Wenn er sich lustig macht über die Altstadt, über das Eigenheim und über Edelstahl-Zäune drum herum, "als wollte man die Natur mit riesigen Zahnspangen korrigieren": Dann ist das nicht nur boshaft, sondern auch genau und oft hintergründig menschenfreundlich beobachtet.

Manche Metaphorik wirkt so absurd, dass man nicht umhinkommt, sie als wahr zu begreifen. Wollte man die Erde retten, so müsste man die Menschen daran hindern, sich ins Draußen zu sehnen. Also zu Grillabenden, Parkbänken, Werbeplakaten und Hundekotbeuteln. Das Draußen ist ein Versprechen und eine Bedrohung in einem - Bachmanns Buch liest man lieber drinnen. Wobei er vor Jahren auch "Drinnen" verfasst hat. Kein bisschen gnädiger. Gerhard Matzig

Römische Ziffern

Ohne die römische Zahl hinter dem Namen hätte Kaiser Karl V. auf dem Tizian-Porträt viel von seiner Ausstrahlung und König Ludwig XIV. auf dem Bild von Rigaud seinen ganzen Glanz verloren. Karl 5. oder Ludwig 14., das wäre gewöhnungsbedürftig. Scheint aber zu kommen. Mit der Bezeichnung für die Jahrhunderte hat der Louvre entgegen französischer Tradition, wie auch in Deutschland üblich, schon auf arabische Zahlen umgestellt. Im renovierten Pariser Stadtgeschichtemuseum Carnavalet sind auf einigen Schildern nun die Herrscher dran. Also doch: "Henri 4", "Louis 14". Die alte Bezeichnung verstünden die Leute kaum mehr, erklärt die Museumsleitung. Nur auf Spanisch steht weiterhin "Felipe IV" und "Siglo XVII", denn alles andere gälte als Schreibfehler. Am Spanischen (und an den "Asterix"-Bänden) hängt nun also die Zukunft der römischen Ziffernbezeichnung. Joseph Hanimann

Nils Mönkemeyer

Sechs Konzerte für die Viola d'amore, die zur Gambenfamilie gehört, hat Antonio Vivaldi geschrieben, aber keines für die klassische Viola. Seltsam, gerade in Italien musste die Bratsche gleichsam im solistischen Windschatten anderer überleben. Nils Mönkemeyer zeigt aber mit dieser CD (Sony), was in der Viola an sprühender Italianita steckt. Ein Fagott- und ein Cellokonzert wird für Viola arrangiert, und man versteht erst recht nicht, was Vivaldi daran gehindert haben mag. Dazu Variationen von Giuseppe Tartini, eine Arpeggiostudie und ein opernhaftes Solo von Paganinis Lehrer Alessandro Rolla und zum Schluss die "Sonata per la Grand' Viola" von Paganini selbst. Mönkemeyer führt vor, wie viel Akrobatik und Zirkusgeist auch die vermeintlich nur melancholische Bratsche zeigen kann. Harald Eggebrecht

Bernhard, unkorrekt

Auch nach dem 90. Geburtstag des Schriftstellers bleibt die Frage: Ist Thomas Bernhard lustig? Sein Witz liegt natürlich in den negativen Pointen, seine Verzweiflung in der Redundanz seiner endlosen Monologe. Zum Bernhard-Jubiläum gibt es eine in dieser Sache sehr einleuchtende Comic-Biografie des Wiener Zeichners Nicolas Mahler, die fast nur mit den pointiertesten Zitaten arbeitet und die Arbeit an der Wiederholung weglässt. Sanktioniert von Bernhard, der so zitiert wird: "Aussparen, heißt's ja schon. Aber jetzt ist es wieder modern, daß jedes Bleamal angeführt wird." Das richtete sich 1987 gegen Peter Handke.

Nicolas Mahler ist mit dem Aussparen insofern vertraut, als seinen Figuren die Augen fehlen, wobei es falsch wäre zu sagen, sie hätten keine Mimik. Sein gezeichneter Bernhard trägt zum Beispiel eine enorme Nase und es ist beeindruckend, wie unterschiedlich so eine Nase gucken kann. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld kommt auch vor, sein Gesicht sind prägnante Koteletten. "90 Prozent der Käufer erwerben Bücher zu Geschenkzwecken. Diese Leute wollen eben keinen Titel, der VERSTÖRUNG heißt", sieht man den kleinen quadratischen Unseld sagen. Unter dem Titel erschien Bernhards Roman 1967 dann aber doch.

Dichter mit Todesvogerl unten rechts: Thomas Bernhard in Nicolas Mahlers "unkorrekter Biografie".

(Foto: Nicolas Mahler/Suhrkamp/Suhrkamp Verlag)

Zu dessen Humorverständnis zitiert Nicolas Mahler: "Darüber lachen die Leut', immer über Mängel oder über fürchterliche Gebrechen. Über was anderes hat ja noch nie jemand gelacht, nicht?" So gesehen wäre Bernhards kultiviertes Gebrechen eine Misanthropie, die genialisch in Selbsthass lappt: "Ich habe die Wiener Kaffeehäuser immer gehaßt, weil ich in ihnen immer mit Meinesgleichen konfrontiert gewesen bin." Die subtilere Verzweiflung Bernhards kommt ins Bild, als er als Jugendlicher mit einer Rippenfellentzündung ins Krankenhaus kommt: "Na ja, das Todesvogerl, nicht? Das hat sich da festg'setzt." Mahler zeichnet das Vogerl mit einem Schnabel, lang wie eine Klinge, in der zweiten Hälfte des Buches in fast jedes Bild: ein Dauerbegleiter für Bernhard.

Und statt der Vollständigkeit der Lebensgeschichte platziert er ein paar gezielte Unwahrheiten, deswegen heißt das Buch "Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie" (Suhrkamp, 126 Seiten, 16 Euro). Im Anhang listet er die Lügen dann akribisch auf, wobei der eigentliche Skandal offensichtlich alles ist, was dort nicht verzeichnet steht. Man muss befürchten, dass es einfach die Wahrheit war. Marie Schmidt

Steiner & Madlaina

Kritisch-Selbstkritisches aus dem Herz des Wohlstands: Das Schweizer Duo "Steiner & Madleina".

(Foto: Tim Wettstein/PR)

Die beiden Schweizer Singer-Songwriterinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina wissen, wie es ist, heute jung zu sein. Oder einfach halbwegs wach, besorgt und zugleich halbwegs träge in die Zukunft zu schauen, wie ein großer Teil der westlich-wohlhabenden Welt es eben tut. Auf ihrem ersten Album "Cheers" von 2018 singen sie davon, dass die Revolutionäre sie dereinst bei der Hand nehmen sollen: "Dann werde ich die Faust erheben/Von mir wird es Parolen regnen/Doch werd ich nie die erste sein/Wo alle doch so glücklich scheinen". Vor Kurzem ist der Nachfolger erschienen, "Wünsch mir Glück", auf dem sich sanft resignierte Beziehungslieder mit dieser selbstkritischen Kritik abwechseln, von der man sich verstanden und zugleich entlarvt fühlt. Dass die Musik dazu so schön schunkelt und man bei allem sofort mitsingen möchte, ist Steiner & Madlainas perfider Kunstkniff: Auch die Musik scheint zu wollen, dass alles beim Alten bleibt. Kathleen Hildebrand

© SZ
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