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Theater:Das volle Übertreibungsprogramm

Der Theater#macher - PROBENFOTO

Fliegende Stühle und an der Wand Hirschgeweihe wie dicke Käfer mit (von links): Fridolin Sandmeyer, Tanja Merlin Graf, Irina Wrona, Sebastian Reiß und Marta Kizyma.

(Foto: Thomas Aurin)

Anstrengungsmechanismus: Herbert Fritsch inszeniert Thomas Bernhards "Der Theatermacher" am Schauspiel Frankfurt.

Von Christine Dössel

Da ist es wieder, das Theater, das unvermeidliche, diese "jahrtausendealte Perversität, in die die Menschheit vernarrt ist". Lange genug mundtot gemacht und in die Ecke gestellt von der Pandemie, meldet es sich an diesem Abend im Schauspiel Frankfurt mit Karacho zurück, in all seiner ihm von Thomas Bernhard attestierten Abgeschmacktheit und faszinierenden Verlogenheit, mit all seiner ihm von Herbert Fritsch abgerungenen (und auch aufgepfropften) Beeindruckungsvirtuosität. Es ist, als streckte es zum Beweis seiner Resilienz erst mal allen die Zunge raus: Ällabätsch! Also gleich mal aufgedreht bis zum Anschlag. Wenn Wolfram Koch als Bernhards "Theatermacher" die Bühne betritt, legt er mit dem Wirt der Gaststätte in Utzbach ("Utzbach wie Butzbach") sofort eine ausgefeilte Slapstick-Begrüßungs- und Verbeugungsnummer hin und ist auch sonst ganz Schmierenkomödiant. Von Anfang an das höchste Bewegungs- und Erregungslevel, das volle Theaterübertreibungsprogramm.

Bei so viel Theaterbehauptungswillen springt erst mal kein Funke über ins lückenhaft besetzte Parkett

Das ist so erschlagend und hyperbolisch, dass erst mal kein Funke überspringt. Man spürt sie förmlich, die lähmende Diskrepanz zwischen dem immens lückenhaften Parkett unter den strengen Frankfurter Corona-Bedingungen und der Dampfwalzen-Pulle auf der Bühne. Diesem Theaterbehauptungswillen. Thomas Bernhard würde sagen: "Anstrengungsmechanismus". Wir müssen uns ja auch erst alle wieder aneinander gewöhnen. Es braucht also ein bisschen, aber dann greift der alte Überwältigungsmechanismus des Fritsch-Theaters. Wäre ja auch gelacht, schließlich ist es frappierend gut gemacht.

Die Bühne hat der Spaßterrorist Fritsch wieder einmal selbst entworfen: einen windschiefen, braunen Kasten mit überzeichneter Holzmaserung, rechts in der Wand eine bespielbare Fensterbühne mit Alpenkulisse. Weil das Wirtshaus, in dem Bruscon mit seiner Familie gastiert, "Schwarzer Hirsch" heißt, drängeln sich an den Wänden schwarze Hirschgeweihe: Skulpturen aus Plastik, die ausschauen wie Riesenkäfer oder Geschwüre. Oft werden sie entsprechend fies beleuchtet. Ein Gruselkabinett.

Der Wirt im "Schwarzen Hirsch" tut operettenhaft, als käme er aus dem "Weißen Rössl", wirkt aber zwielichtig, als führe er das "Wirtshaus im Spessart". Es gibt ihn doppelt (Sebastian Kuschmann, Sebastian Reiß); wenn er als liebedienerischer Bückling rechts von der Bühne dackelt, ist er sofort links wieder da. Trauen sollte man ihm keinesfalls. Seine Frau (Anna Kubin) und seine Tochter (Tanja Merlin Graf) tanzen mit Apfelbäckchen und verdächtigen Grimassen in Dirndltracht auf, und alle zusammen räumen sie für Bruscons bevorstehende Aufführung ständig die Stühle im Wirtsraum um. Dass diese federleicht, weil aus Papier sind, ermöglicht eine aberwitzige Möbelchoreografie-Komik. Es ist ein dauerndes Stühleschleppen, Stühletürmen, Stühlefliegen oder Stuhlbeinzusammenknicken.

An einer Stelle auf der Bühne gibt der Boden nach, in diesem Loch bleibt im allgemeinen Gewusel regelmäßig jemand stecken, stolpert kurz, versinkt knie- oder auch mal körpertief - das ist der Running (oder besser: Stumbling) Gag. Eine typische Fritsch-Theaterfalle. Wenn Thomas Bernhard seinen Bruscon einmal sagen lässt: "geborener Theatermensch wissen Sie / Theatermacher / Fallensteller schon sehr früh", dann gilt das auch für Herbert Fritsch, diesen genialisch-infernalischen Komödienregisseur, der dem deutschen Theater den vor langer Zeit ausgetriebenen Hanswurst als Horror-Clown zurückgebracht hat. Ein Besessener wie Bruscon. Ein Übertreibungshochleistungskünstler.

Der Theater#macher - PROBENFOTO

Wolfram Koch (rechts) lässt als Theatermacher Bruscon seinen Sohn Ferruccio (Fridolin Sandmeyer) mal wieder hängen.

(Foto: Thomas Aurin)

Nicht von ungefähr spielt der formidable, mit allen Komödienwassern gewaschene Wolfram Koch den monomanischen Monologisten und Tiradenschwinger Bruscon als optisch schnell erkennbaren Fritsch-Doppelgänger - allerdings in der Aufmachung eines Professors Unrat, mit Hut, Weste, Fliege und Stock. Und mit der Dynamik eines Rumpelstilzchens auf Speed. Schier unglaublich, wie er zweieinhalb Stunden lang das Empörungs- und Energielevel hält, mit welcher sprachlichen und körperlichen Verrenkungsakrobatik er durch den Theaterhöllenparcours tanzt, turnt, tingelt, in permanenter Verstiegenheit und Übersteigerung, expressiv bis zum Umfallen (was er gelegentlich tut). König der Stolperer, Übervater der Klamotte, Weltmeister im Stehleiter-Klamauk. Eine Bravourleistung, das Gegenteil des "Antitalentismus", den der Gröschaz Bruscon ("größter Schauspieler aller Zeiten") seiner von ihm tyrannisierten Familie bescheinigt.

Die anderen sind Kleindarsteller in Bruscons selbst verfasster Menschheitskomödie

Diese Familie, Kleindarsteller in Bruscons selbst verfasster Menschheitskomödie "Das Rad der Geschichte", ist ein Haufen Lemuren wie aus einem Zombiefilm. Victoria Behr hat sie in vergilbte, aschfahle Kostüme wie aus einem Dachboden-Fundus gesteckt. Bruscons Frau (Irina Wrona): ein anämisches Häuflein Elend mit blutunterlaufenen Augen, leise vor sich hin hustend, ein Gespenst ohne Text, von Bruscon übergangen, gedemütigt und beschimpft: "Mit Frauen Theater zu machen, ist eine Katastrophe!" Tochter Sarah (Marta Kizyma) schaut mit ihrem Rüschenkleid und ihren langen Blondzöpfen wie eine Bilderbuchfigur von Heinrich Hoffmann aus und gibt sich exakt so grenzdebil, wie ihr Vater sie sieht. Auch Sohn Ferruccio, ein verdruckster Lulatsch mit gebrochenem Arm (Fridolin Sandmeyer), fügt sich klaglos in die Untertanenrolle des vom Regievater Geknechteten - herrlich, wie er sich in der Klappleiter verheddert und überhaupt immer irgendwo stürzt oder hängt.

Aktualisierungen in Richtung real existierender Regiedespoten unterlässt Fritsch in seiner Inszenierung, hier ist alles Theater-Theater, höchste Verabsolutierung in Bernhardscher Exaltationsmanier. Fehlte einem anfangs wegen sofortiger Klamaukkünstlichkeit Bernhards ätzender Biss, greift zunehmend der Theaterkerkermechanismus, den Fritsch im Auge hat: Es gibt kein Entkommen. Wer sich mit Leib und Seele dem Theater anheimgibt, der kommt darin um. Brennt bei Thomas Bernhard am gewittrigen Ende der Pfarrhof nebenan, scheint bei Fritsch das Wirtshaus selbst in rot zuckenden Flammen zu stehen, also das Theater, dieser Horrorstadel. Wie von Geisterhand erheben sich dazu die Stühle vom Boden: buchstäblich eine letzte Luftnummer.

Im Theater gewesen. In die Falle gegangen. Wieder einmal.

© SZ
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