Thilo Sarrazin und seine Leser Die Käufer sind nicht gerade aufgeschlossen

Was die generellen Lebenseinstellungen der Käufer betrifft, gruppiert sich ein interessanter Block recht kuschelig um eine geregelte Häuslichkeit: "Harmonisches Privatleben" und "Sauberkeit der Wohnung" stehen hoch im Kurs, und auch der Klassiker-Satz "Am wohlsten fühle ich mich zu Hause" findet Zuspruch. Fast genauso hoch rangiert ein anderer konservativer Allgemeinplatz (Grafik 1): "In meiner Lebensführung mag ich keine Veränderungen, ich halte mich lieber an meine alten Gewohnheiten."

Dann wird es karger

Trends und Moden verfolgt der Sarrazin-Käufer eher zurückhaltend. "Der Erste, der dabei ist" will er nicht unbedingt sein, Unterhaltungselektronik muss nicht fortwährend auf den neuesten Stand gebracht, nicht jedes neue Produkt ausprobiert werden. Nur eine Aussage reißt ihn bei diesem Thema aus seiner Indifferenz: "Ich bin interessiert zu erfahren, was heutzutage so ,in' ist". Ja, das ist er, deutlich mehr als der Durchschnitt.

Der Gang zur Buchhandlung indessen muss wohl als außergewöhnliche Aktivität bezeichnet werden: "In meiner Freizeit unternehme ich viel" - nein, das können Sarrazin-Käufer nicht bestätigen. Sie schätzen sich selbst 16 Prozent weniger aktiv ein als der Durchschnittsdeutsche. Dann wird es karger. Das "Leben in vollen Zügen genießen" ist noch weniger gefragt, da beträgt der negative Ausschlag in Richtung Askese und sorgenzerfurchter Selbstkasteiung schon gute 25 Prozent. Entscheidungen "spontan und mehr aus dem Gefühl heraus"? Nicht wirklich. Vollends ins Negative sackt die Kurve bei der Aussage "Ich gehe gerne Risiken ein" - da landet die Statistik bei dem sagenhaft risikofeindlichen Wert von minus sechzig Prozent. Wer nicht zu den Sarrazin-Käufern gehört, ist um zwei Drittel aufgeschlossener, sobald es darum geht, auch mal ein Wagnis einzugehen. Ob sich mit einer Wählergruppe, die bei Abenteuern und Risiken um keinen Preis mitmachen möchte, wirklich viel bewegen lässt?

Behaglicher wird es in dem Moment, wo die Finanzen ins Blickfeld rücken. Die treiben den Sarrazin-Käufer nicht allzu sehr um. Auf Sonderangebote achtet er weniger als Otto Normalverbraucher, und der Unterstellung, er könne sich "nur das Nötigste anschaffen", widerspricht er entschieden. "Ich habe finanziell in ausreichendem Maße für das Alter vorgesorgt", das trifft es schon eher, da ist er sich relativ sicher - zwanzig Prozent sicherer zumindest als der Rest seiner Landsleute.

Eher absurd wird das Bild, wenn man nun den oben schon zitierten Wert der Erfolgsorientierung dagegenstellt: "In meinem Leben steht beruflicher Erfolg an erster Stelle." Dieser Satz ist dem Sarrazin-Käufer wie gesagt sehr wichtig: Plus 74 Prozent über dem Durchschnitt - ein noch stärkerer Ausschlag als bei der Risikovermeidung. Das bringt man allerdings kaum mehr zusammen: Hat irgendwer schon mal Erfolge erzielt, ohne das geringste Risiko dafür einzugehen?

Die Widersprüche, die sich insgesamt zeigen, sind bemerkenswert. Sie lassen kaum vermuten, dass von dieser gesellschaftlichen Gruppe größere Taten ausgehen werden, etwa die Gründung einer Partei - das wäre, gemessen an den ermittelten Einstellungen, das reinste Kamikaze-Unternehmen. Auch die Hoffnung, die viele Apologeten der Debatte formuliert haben - erst mal müssen die unangenehmen Wahrheiten beim Namen genannt werden, dann packen wir das Problem tatkräftig an - sollten sich eher nicht primär auf den Sarrazin-Leserkreis fokussieren.

Die Grundhaltung könnte im Gegenteil eher Anlass sein, eine gewisse Schizophrenie zu diagnostizieren: ein eiserner Wille, an der Spitze zu stehen - aber bitte Veränderung? Eine Leistungselite, die das Wohnzimmersofa nicht mehr verlässt? Ein wenig spiegelt das, was hier sichtbar wird, auch die späte Berufung des Thilo Sarrazin selbst, der hier sicher auf das Verständnis seiner Fans trifft. Ein ganzes Berufsleben hat der Mann im gesicherten Beamtenstatus verbracht, bevor er in die risikoreiche Existenz des Volksdemagogen aufbrach. Nicht ohne allerdings vorher noch den letzten Cent seiner Pensionsansprüche einzufordern.

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