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Thilo Sarrazin und seine Leser:Besserverdienende fühlen sich angesprochen

Überraschend ist das auch deshalb, weil Frauen nicht dafür bekannt sind, Bildung und Berufschancen ihrer Kinder als unwichtiges Thema zu betrachten. Spricht das nun dafür, dass Frauen die Dinge generell etwas gelassener sehen, Männer hysterisch auf Untergangsszenarien reagieren? Oder ist es doch der spezifische Sarrazin-Ton, der das weibliche Publikum abschreckt? Das wird genauer zu betrachten sein. Denkbar wäre auch, dass Sarrazins Selbstbeschreibung als "Sozialingenieur" tatsächlich eher männlich-technische Impulse anspricht, sozusagen den Gesellschaftsbastler im Mann.

Wo steuert das Land hin?

Die Altersstruktur der Käufer weicht an drei Stellen deutlich von der Gesamtbevölkerung ab: Das Alter bis 19 Jahre ist schwächer vertreten, die über Sechzigjährigen dagegen überproportional stark. Das überrascht nicht. Interessant ist aber, dass das Buch auch bei der Altersgruppe 20 bis 29 Jahre auf überdurchschnittliches Interesse stieß. Weitere Zahlen bestätigen dies: Wer sich gerade selbst in der Phase von Berufsstart und Studium befindet, wollte es offenbar doch genauer wissen: Wo steuert dieses Land hin, welche Möglichkeiten bleiben für mich? Die Zustimmung zu dem Satz "In meinem Leben steht beruflicher Erfolg an erster Stelle" ist unter Sarrazin-Käufern mehr als zwei Drittel höher als in der Gesamtbevölkerung - ein signifikanter Ausschlag.

Weiter geht es mit dem Haushaltsnettoeinkommen und der Schulbildung. Wo das Einkommen die 2000-Euro-Marke unterschreitet, nehmen die Käufer im Verhältnis ab - je höher es wird, desto häufiger besitzen sie das Buch. Dasselbe gilt für Menschen mit Abitur und/oder Studium. Wo die Gesellschaft für Konsumforschung ihr Panel in sogenannte Lebenswelten unterteilt, die generell dazu dienen, das Kaufverhalten bestimmter Gruppen und Schichten besser vorhersagbar zu machen, trifft man immer wieder auf dasselbe Bild: Im jungen und mittleren Alter fühlten sich die Besserverdiener und Aufsteiger von Sarrazins Thesen überdurchschnittlich angesprochen, bei den Älteren ist es die Mittelschicht. Ältere Menschen aus der "Arbeiterschicht" und Männer in sogenannter "einfacher Lage" interessieren sich dagegen signifikant weniger dafür. Mit der Lebenswelt-Zuschreibung der "einfachen Lage" erfasst die GfK Personen im erwerbsfähigen Alter, die unter anderem vom "Status ihrer Tätigkeiten" im unteren Viertel der gesellschaftlichen Ansehens angesiedelt sind. Auch Arbeitslose fallen darunter.

Das scheint zunächst die Vorstellung zu bestätigen, dass hier eher elitär über Probleme geurteilt wird, die jene Menschen in der Regel nicht selbst betreffen, die darüber urteilen. Wobei aber im Bildungs-Diagramm die Hauptschüler eine Ausnahme bilden: Sie stellen 21 Prozent der Käufer, das liegt nur knapp unter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Einer der wenigen Hinweise darauf, dass "Deutschland schafft sich ab" auch Leser in jenen Bildungsschichten erreicht haben könnte, denen das Buch so gar kein Zukunftspotential zusprechen mag.

Immer facettenreicher wird das Bild, wenn man eine Reihe von Präferenzen und Lebenseinstellungen betrachtet, in denen sich der durchschnittliche Käufer auffällig vom Durchschnitt der Gesamtbevölkerung unterscheidet. Dabei wird den Befragten eine Reihe von Aussagen vorgelegt, anschließend wird nach dem Grad ihrer Zustimmung oder Ablehnung gefragt. In der nebenstehenden Auswertung wurden dabei jeweils nur die obersten Kategorien der Zustimmung berücksichtigt, die Antworten "stimme voll und ganz zu" oder "stimme etwas zu". Der Durchschnittskonsens der Deutschen in diesen Fragen bildet dabei eine Art Mittellinie, die im Zentrum herunterläuft, während man den Sarrazin-Leser rechts und links aus der Reihe tanzen sieht: Dinge, die ihm wichtiger sind, oder denen er stärker zustimmt, schlagen rot nach rechts aus, Dinge, die er für unwichtiger oder unzutreffender hält, ergeben einen blauen Ausschlag nach links.

Kurios erscheinen zunächst Erkenntnisse zur Mediennutzung. Da zeigt sich der Sarrazin-Leser an politischen Nachrichten im Fernsehen und an journalistischer Lektüre überdurchschnittlich interessiert. Das war zu erwarten, andernfalls kauft man wohl keine politischen Sachbücher. Die allerhöchsten Affinitäten im Fernsehen erzielten dann aber doch "Kabarett- und Satiresendungen" (56 Prozent über Durchschnitt) sowie "Boulevardstücke, Volks-, und Bauern-Theater". Gibt es hier einen geheimen humoristischen Aspekt, der allen bisher entgangen ist?

Faszinierend, schon im eigenen Interesse, ist natürlich der Blick auf die Tageszeitungen. Bis auf die taz (minus 11 Prozent) liegen sie in der Gunst des Sarrazin-Lesers alle über dem Durchschnitt, wobei Bild (plus 4) und Bild am Sonntag (plus 18) so wenig auffallen, dass diese ihre Sarrazin-Elogen getrost zurückfahren können. Die Süddeutsche (plus 43) erscheint zunächst einigermaßen affin, wird aber dann von Welt (plus 146), Zeit (plus 154) FAZ (plus 177) und Welt am Sonntag (plus 239) schon wieder an den linken Rand der Nörgler zurückverwiesen. Über allen aber thront, beinah den Rahmen der Infografik sprengend, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (plus 474). Frank Schirrmacher im Diskurs mit Thilo Sarrazin, dazu ein Sonntagsfrühstück - diese Kombination hat ein bestimmtes Publikum offenbar sehr glücklich gemacht.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Sarrazin und ein geputztes Wohnzimmer zusammenhängen.