Debatte um Thilo Sarrazin Im Windschatten

Bislang fristete der kleine Buchverlag Antaios ein eher beschauliches Dasein - bekannt nur bei frustrierten CDU-Mitgliedern und dem einen oder anderen Verfassungsschützer. Bis Thilo Sarrazin auftrat.

Von Marc Felix Serrao

Der kleine Buchverlag Antaios fristete bis vor wenigen Tagen ein sehr beschauliches Dasein. Das rechtskonservative Programm, das auf einem verwitterten Rittergut in Sachsen-Anhalt zusammengestellt wird und mit Werken wie "Der Vorsprung der Besiegten. Identität nach der Niederlage" oder dem Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und Hans-Dietrich Sander eher eine Nischen-Leserschaft aus national gesinnten Fechtstudenten, frustrierten CDU-Mitgliedern und vermutlich auch den einen oder anderen Verfassungsschützer anspricht, war der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Bis jetzt. Bis Thilo Sarrazin auftrat.

Nach der berühmten Rede vom "Kopftuchmädchen" veröffentlichte der Verlag Antaios ein kleines Bändchen zum "Fall Sarrazin". Seit Samstag steht das Buch in der Bestsellerliste von Amazon.

(Foto: ddp)

"So etwas habe ich in meinem Leben noch nie erlebt", sagte Verlagschef Götz Kubitschek der Süddeutschen Zeitung am Montag. Im November 2009 hatte Antaios eine kleine Studie veröffentlicht: "Der Fall Sarrazin - Eine Analyse". Darin untersuchte das an den Verlag angedockte Institut für Staatspolitik auf knapp 50 Seiten die erste große Kontroverse um Thilo Sarrazin, die dieser mit seinem "Kopftuchmädchen"-Interview in der Kulturzeitschrift Lettre losgetreten hatte.

Bis Anfang vergangener Woche kannte das Bändchen kein Mensch außerhalb des überschaubaren rechtsintellektuellen Milieus. Doch dann kamen die Vorabdrucke von Sarrazins neuem Buch in Spiegel und Bild-Zeitung, die ersten hitzigen Reaktionen - und plötzlich wusste Kubitschek nicht mehr wie ihm geschah angesichts der Nachfrage: 1500 Exemplare vom "Fall Sarrazin" habe er allein in der vergangenen Woche verkauft, sagt er, so viele wie sonst in mehreren Monaten. Gegenwärtig lasse er mehrere tausend Stück nachdrucken. In der Bestsellerliste von Amazon tauchte "Der Fall Sarrazin" am Samstag zum ersten Mal auf. Am Montagmorgen lag die Studie dort auf Rang 70, gegen Mittag auf Rang 50, bei Redaktionsschluss auf Rang 25. Tendenz: weiter steigend.

Kleinverleger Kubitschek ist mit der Entwicklung "hochzufrieden", wie er sagt. Sarrazins Buch werde die Integrationsdebatte dauerhaft verändern - "auch wenn es den Guten am Ende den Kopf kostet". Für sich, seinen Verlag und die politische Rechte sieht er rosige Zeiten anbrechen: "Wir werden mit hochgespült, klar."