Thilo Sarrazin Demokratischer Rassismus

Doch bevor man sich über solche Thesen empört (und es gibt Gründe, sich darüber zu empören), sollte man ein paar andere Fragen beantworten: Wenn sich viele deutscher Eltern weigern, ihren Nachwuchs zusammen mit Kindern türkischer Einwanderer in die Grundschule zu schicken - ist das nur Vorteilsdenken oder auch Ressentiment? Wieviel Rassismus verbirgt sich in den Kampagnen des Frühjahrs, als ein ganzes Volk, nämlich die Griechen, plötzlich als Tagediebe und Schmarotzer dastanden? Und wird nicht jedes Spiel der Nationalmannschaft im Fußball von großen Mengen Völkerpsychologie begleitet?

Sicherlich, all diese höchst parteilichen Unterscheidungen erscheinen nicht als gewusst und gedacht, sondern als Empfindung oder Ressentiment. Es ist unangenehm, ja sogar peinlich, sich Rechenschaft abzulegen darüber, dass es einen demokratischen Rassismus gibt. Aber es gibt ihn, in allen Parteien, in weiten Teilen der Bevölkerung, überall, wo überhaupt die Vorstellung einer natürlichen Staatsangehörigkeit auftaucht. Und es mag schädlicher sein, diesem Ressentiment nur verhohlen nachzugeben, als es offen auszusprechen.

Krude Mischung aus Darwin und Lamarck

Der Gedanke, in der "nationalen Identität", im Deutschtum als solchem, verberge sich ein gehöriges Maß an politischer Willkür, streift selbstverständlich auch Thilo Sarrazin. Weil er ihm nicht nachgehen kann, ohne seine Leidenschaft für Deutschland zumindest zu relativieren, sucht er nach einer zumindest scheinbar wissenschaftlichen Erklärung - so, wie er ein ganzes Buch voller Statistiken, Hochrechnungen und Diagramme braucht, um die Thesen zu begründen, die er schon im Interview im vergangenen Herbst in die Welt gesetzt hatte.

Die vermeintlich wissenschaftliche Begründung, die er findet, ist die Rassenlehre - wobei sich diese darstellt als eine krude Mischung von Darwin ("biologische Selektion") und Lamarck ("Vererbung erworbener Fähigkeiten"). Sachlich haltbar ist das alles nicht, aber Thilo Sarrazin braucht einen Grund für seine Lehre vom auserwählten Volk der Deutschen.

Gustav Großmann beschloss sein Erfolgsbuch "Sich selbst rationalisieren" mit einigen losen Eintragungen zum "Gedeihen von Individuum, Volk und Menschheit". Darin heißt es: "Es ist so: Die Könner und Kapazitäten leben in einer anderen Welt; in einer ganz anderen Welt, als die Welt der Banalen und der Massen- und Herdenmenschen es ist." Thilo Sarrazin dürfte das so ähnlich sehen.