Sächsische Staatskapelle:Solo für Thielemann

Christian Thielemann

Christian Thielemann, Chefdirigent in Dresden, bei der Vorstellung der Konzertsaison 2020/21.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Der Musikchef der Staatskapelle muss Dresden verlassen, weil er als solcher nicht mehr in die Zeit passt. Und nun?

Von Reinhard Brembeck

Vor einer Woche gab Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) bekannt, dass sie den Vertrag mit Dirigent Christian Thielemann als Musikchef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die neben Konzerten auch den Opernbetrieb an der Semperoper bestreitet, nicht über das Jahr 2024 hinaus verlängern wird. Auch der jetzige Opernintendant Peter Theiler muss dann gehen. Klepsch hat die Vision "Semper2030" entwickelt und erklärt dazu: "Eine Oper in zehn Jahren wird eine andere als die Oper von heute sein: Sie wird teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen." Thielemann, der von seinen Anhängern abgöttisch verehrte Großmeister der deutsch-österreichischen Romantik, hat in dieser Vision offenbar keinen Platz. So muss man die Nichtverlängerung seines Vertrages verstehen, die weder der Dirigent noch das Orchester bisher kommentieren möchten, während Barbara Klepsch zu einem Hintergrundgespräch bereit war.

Die Nichtverlängerung Thielemanns hat keinen Aufschrei in der Klassikszene verursacht. Es ist nicht das erste Mal, dass die Politik an Christian Thielemanns Zukunftseignung Zweifel anmeldet. Für die von Thielemann und der Staatskapelle getragenen Salzburger Osterfestspiele wurde vor zweieinhalb Jahren der scheidende Münchner Opernintendant Nikolaus Bachler als neuer Chef berufen, für Bachler sind im Gegensatz zu Thielemann Regie und Musik in der Oper gleichberechtigt. Es wurde beschlossen, von 2023 an die Hegemonie der Dresdner in Salzburg zu beenden. Stattdessen wird Bachler jährlich ein anderes Spitzenorchester einladen. Bei den Bayreuther Festspielen, deren Star Thielemann seit seinem Debüt zur Jahrtausendwende ist, lief sein Vertrag als Musikdirektor Ende 2020 Jahres aus, zu einer Verlängerung kam es bisher nicht. Da drängt sich ein Verdacht auf: Sollte das lieb gewonnene Klischee des "Dirigenten als Genie" etwa ein Auslaufmodell sein?

Aerial Views Of Historic Dresden

Die Dresdner Semperoper soll für die Zukunft neu aufgestellt werden. Nicht nur Musikchef Christian Thielemann muss gehen, auch der Vertrag des Intendanten Peter Theiler wird nicht über 2024 hinaus verlängert.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Thielemann ist ohne jede Frage ein Genie, wenn er Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" aufführt, das kann keiner wie er. Auch bei Robert Schumann, Johannes Brahms und Anton Bruckner liegt ihm sein Publikum verzückt zu Füßen. Kein anderer Dirigent von Rang hat eine derart hypnotische Macht über klassikverliebte Menschen wie dieser Mann.

Aber schon zu Zeiten von Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan genügte es nicht, nur ein genialer Dirigent zu sein. Die Ausweitung des Berufsprofils wird in den vergangenen Jahren zunehmend gefordert von Politikern, Kulturmanagern wie auch von den Musikern: Keiner hat diese Ausweitung so vorgelebt wie Simon Rattle, der in der englischen Provinz Birmingham zu einem Walhall der Klassik machte und auch deshalb dann der Chef der Berliner Philharmoniker wurde, des wichtigsten Orchesters der Welt. Rattle hat früh auf "Education" gesetzt, auf die Heranführung klassikfremder Menschen und vor allem Jugendlicher an die Musik. Da war er ein Pionier. Heute kommt so gut wie kein Dirigent mehr ums Education-Geschäft herum. Simon Rattle erweiterte massiv das Repertoire, er zeigte keinerlei Berührungsängste mit Stücken jenseits des bürgerlichen Klassikkanons, er ging und geht auf die Menschen zu, er verabschiedete sich von Starkult und einem streng hierarchischen Musizieren. Menschen und Musiker sind für Rattle Partner, im Schiller'schen Sinn: Brüder.

Früher war Klassik elitär. Heute gibt es Streamings, Public Viewing und Opernübertragungen in die Kinos der Welt

Auch im Rest der Welt veränderte sich in den vergangenen Jahren der Umgang mit der einst elitären Klassik. Die New Yorker Met war das erste Opernhaus, das seine Aufführungen in die Kinos der Welt übertrug. Das bedeutete eine Abgleichung von Pop- und Hochkultur, war aber konsequent, da das Kino historisch gesehen eine Fortsetzung der Oper ist. Viele Häuser zogen nach, sogar die Salzburger und die Bayreuther Festspiele. Public Viewing, Livestreams und Aufzeichnungen sind schon vor der Seuche zentral für die live nur einem überschaubaren Publikum zugänglichen Häuser und Theater gewesen, die Pandemie hat diesen Trend verstärkt. Jede Institution, die an der eigenen Zukunft sowie der der Klassik interessiert ist, wird weiterhin ihr Angebot nicht nur vor Ort, sondern digital anbieten müssen, zudem an der ästhetischen wie technischen Verbesserung des Angebots arbeiten müssen.

Das alles bringt neue Anforderungen an jeden Dirigenten mit sich. Selbst der in seiner Münchner Zeit pressescheue Kirill Petrenko hat sich jetzt als Chef der Berliner Philharmoniker der Welt geöffnet und vertritt sein Ensemble auch jenseits des Dirigentenpults. Dem gleichen Druck sind die Chefs der großen Opernhäuser ausgesetzt: Gustavo Dudamel (Paris), Antonio Pappano (London), Riccardo Chailly (Mailand), Philippe Jordan (Wien), Vladimir Jurowski (München), Yannick Nézet-Séguin (New York), Daniel Barenboim (Berlin), Valery Gergiev (Petersburg). Auch die Semperoper gehört in diese illustre Reihe. Hier wurden etliche Opern von Richard Strauss uraufgeführt, Richard Wagner war hier Chefdirigent, Fritz Reiner und Fritz Busch. Thielemann steht in dieser Tradition, auf Augenhöhe. Er ist jedoch auch der Dirigent, der sich vom Zeitenwandel und den neuen Anforderungen an das Berufsbild am wenigsten hat beeindrucken lassen.

Dass die Genannten allesamt Männer sind - nicht viel besser sieht es bei den Intendanten aus -, beschreibt ein zentrales Problem der Klassikszene, die nicht wirklich frei ist von Frauenfeindlichkeit. Führungsstrukturen, Eurozentrismus, Fremdenfeindlichkeit, Kulturtourismus, Altersstrukturen, der sich gerade verschärfende Generationenkonflikt, Verankerung in der Region, Jugendförderung, Umweltschutz, Kolonialismus, Blackfacing sind andere Reizwörter, mit denen sich die Szene im Gegensatz zum Sprechtheater bisher schwertut. Aussitzen wird nicht die Lösung sein, denn das sind keine Modephänomene, die nach einer Aufregungsphase wieder verschwinden. Chefdirigenten, Intendanten und Musiker werden sich diesen Fragen zunehmend stellen müssen. Das alles wird, wie alle sozialen Phänomene, Auswirkungen nicht nur auf die Strukturen, sondern auch auf die Ästhetik haben, auf die Konzepte, Bühnenbilder, Inszenierungen und sogar auf die Art, wie musiziert wird. Selbst die Klassik ist keine der Welt enthobene Kunst, sondern ihr Reflex.

Alle großen Dirigierkünstler sind derzeit gebunden. Die Nachfolge wird sich schwierig gestalten

Dresdens Kunstministerin Barbara Klepsch ist entschlossen, sich mit ihrer Personalentscheidung solchen Fragen zu stellen. Sie weiß, dass ihr Entschluss zur Nichtverlängerung gerade von Thielemann eine "Gratwanderung" ist, zumal sie auch nicht in künstlerische Freiheiten eingreifen will. Aber es ist auch nachvollziehbar, dass sie einen Generationswechsel wünscht. Theiler wie Thielemann sind knapp über 60 Jahre alt, keiner von ihnen steht vermutlich für einen Neuanfang. Schon Anfang der kommenden Spielzeit soll die neue Intendantin, der neue Intendant verkündet werden. Sehr viel schwieriger wird es werden, eine Nachfolge für Thielemann zu gewährleisten, die die große Tradition der Staatskapelle und seinem wie gesagt großen Musikchef und Dirigenten Thielemann mit einem moderneren Ansatz fortführt. Alle großen Dirigierkünstler sind derzeit irgendwo gebunden. Aber das ist nicht die Sorge der Ministerin. Die Staatskapelle muss diese Personalie selber entscheiden. Die Politik ist dann gehalten, sie zu akzeptieren, falls keine schwerwiegenden Gründe dagegensprechen.

Thielemann und sein Publikum werden alle diese Entscheidungen und Querelen nicht weiter betreffen. Er wird wie bisher in Bayreuth auftreten, in Salzburg, Wien und bei den Berliner Philharmonikern, womöglich bei den BR-Sinfonikern und an der Mailänder Scala. Als Gastdirigent kann er seine Stammrolle als genialer Dirigent leichter verwirklichen denn als Musikdirektor, Chefdirigent oder als Generalmusikdirektor. Er mag solche Titel lieben, doch sie sind nur Schall und Rauch.

Sein Publikum aber will von diesem Klangmagier einfach nur verzaubert werden.

© SZ/C.D.
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