Theorie der Gewalt:Hässliche Wirklichkeit

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Die Ökonomie zum Beispiel weiß inzwischen, dass etwas wie das Währungssystem nur funktioniert, weil die Leute Vertrauen in sein Funktionieren haben. Auch als alle noch an die Absicherung der Währung durch Goldvorräte glaubten, mussten sie darauf vertrauen, dass Gold morgen noch so viel gelten werde wie heute. Und da man mit Gold rein praktisch nicht viel anfangen kann, war dieses Vertrauen von derselben Art wie unser Vertrauen in das von jeder Dinglichkeit abgelöste System von Papierstücken, Versprechen, Krediten, Schulden, Buchungen und so weiter.

System Vertrauen

Wie sind diese Formen des Vertrauens soziologisch-begrifflich zu fassen? Da liegt der Hase im Pfeffer. Ich spreche nicht von "personalem" oder "System" Vertrauen, sondern von "sozialem Vertrauen". Vertrauen in diesem Sinn bedeutet, dass wir uns gegenseitig permanent zu verstehen geben, dass wir daran glauben, dass der Laden weiterläuft, und zwar unabhängig von der weltanschaulichen Meinung, dass wir dieses So-weitergehen gutheißen oder hassen. Dieser Glauben spielt sich im Zusammenspiel dreier Dimensionen ab: Interaktion, Institution, Imagination.

Interaktion: Wir setzen gewisse Erwartungen in das Verhalten unserer Mitmenschen und vertrauen darauf, vielleicht im Einzelfall, aber nicht dauernd und nicht mehrheitlich enttäuscht zu werden. Institution: Wir vertrauen darauf, dass die sozialen Institutionen funktionieren, und wo sie das mal nicht tun, erwarten wir, dass nicht alles aus dem Ruder läuft. Imagination: Wir haben eine gewisse Vorstellung davon, wer wir gemeinsam sind, und erwarten, dass diese Vorstellung von den meisten geteilt wird, weshalb wir annehmen, dass es, wenn etwas nicht erwartungsgemäß funktioniert, ein gemeinsames Anliegen ist, das wieder in Ordnung zu bringen.

Vertrauen bedeutet nicht, kein Misstrauen zu haben. Misstrauen ist eine Strategie des Vertrauenserhaltes: weil man eben weiß, wann, wo, wem gegenüber man misstrauisch sein muss, und wann, wo und wem gegenüber eben nicht.

Wann ist Gewalt angebracht?

In dem Zusammenspiel von Interaktion, Institution und Imagination vollzieht sich ein permanentes Entwerfen des Normalfalles. Und zur Vorstellung und zum permanenten, durch unser soziales Handeln bekräftigten Entwurf von Normalität gehört ein Konsens darüber, welchen Ort die Gewalt in der Normalität hat. Keine Kultur ist schlechthin gewalttätig oder gewaltabstinent. Überall gibt es eine ziemlich einfache Aufteilung. Gewalt ist verboten, geboten oder erlaubt. Ein einfaches Beispiel ist der Boxring: Gewalt ist insofern erlaubt, als die Kämpfer einander zu Boden schlagen dürfen; Gewalt ist insofern verboten, als Tiefschläge nicht erlaubt sind; Gewalt ist geboten, weil ein Kämpfer wegen Untätigkeit disqualifiziert werden darf.

Bis vor kurzem war es Eltern erlaubt, ihre Kinder zu schlagen, und Männern, ihre Ehefrauen zu vergewaltigen. Es geht hier nicht um die moralische Empörung, die wir empfinden mögen, sondern darum, dass sich auch unsere moralischen Maßstäbe ändern, und zwar je nachdem, was für uns der Normalfall ist, den wir durch unsere Konzepte sozialen Vertrauens perpetuieren.

Ich komme jetzt zu einer Behauptung, die Sie vielleicht irritieren wird. Unsere Kultur der Moderne hat nicht nur ein anderes Konzept der Sortierung von erlaubter/gebotener/verbotener Gewalt, sondern ein von Grund auf anderes, nämlich das, dass Gewalt - und das heißt: nicht nur Gewalt am falschen Ort, zur falschen Zeit, gegenüber den falschen Leuten - an sich ein Problem ist.

Zunächst kann man die Frage stellen, ob das denn tatsächlich so sei. Nun, man kann eine Menge Beobachtungen zusammentragen, etwa die, dass das Werk von Thomas Hobbes das erste philosophische Werk der Geschichte gewesen ist, das sich vor allem diesem Problem gewidmet hat: Wie ist Gewalt zu begrenzen. Noch bei Machiavelli lautete die Frage: Wann ist Gewalt in welchem Maße angebracht?

Gewalt ist legitim, wo Gewalt vor schlimmerer Gewalt schützen soll

Man befasse sich mit der Geschichte der Abschaffung der Folter. Man lese, wie Europa lernte, in Hexen nicht mehr abscheuliche Schadenstifter zu sehen, sondern leidende Menschen, denen die Qual, der sie unterworfen waren, abnötigte, auch die absurdesten Dinge zu gestehen. Man lese über die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, die losgelassenen Soldaten in eroberten Städten und vergleiche die Schilderung der französischen Besatzung Frankfurts in Goethes "Aus meinem Leben": Der bei seinem Vater einquartierte Offizier legt Wert darauf, die Tapeten zu schonen und verzichtet darauf, seine Karten mit Nägeln an der Wand zu befestigen.

Vor allem aber: In der Moderne wird Gewalt, wo sie doch vorkommt und für notwendig gehalten wird, ganz anders legitimiert als zuvor. Die Todesstrafe war vordem eine Selbstverständlichkeit. Heute sagen auch ihre Befürworter, man könne "leider" oder "leider noch" nicht auf sie verzichten. Einen Verbrecher zu töten war vormodern ein Zeichen, dass der Souverän das Recht über die Körper seiner Untergebenen hatte. Heute wird gestraft, um Gewalt zu verhindern. Auch Kriege waren vordem eine Selbstverständlichkeit - heute werden Kriege geführt, um (weitere, schlimmere) Kriege zu verhindern - der Erste Weltkrieg war "the war to end all wars". Gewalt ist nur noch legitim, wo Gewalt vor schlimmerer Gewalt schützen soll.

Auf der nächsten Seite analysiert Jan Philipp Reemtsma den Konnex von Macht und Gewalt.

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