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200 Jahre Theodor Fontane:Interessantheitshöhepunkte

Theodor Fontane

An seinem Schreibtisch spielte Theodor Fontane (1819-1898) auch Fangeball. Vor allem schrieb und feilte er unaufhörlich an den Texten.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

60 000 Bilddateien, 30 000 Besucher in Neuruppin, 16 673 bibliografische Datensätze und 67 Notizbücher: So wurde Theodor Fontane zum 200. Geburtstag rezipiert. Ein Rückblick auf das Jubiläumsjahr.

Theodor Fontane hatte Angst vor Erkältungen, weswegen er, wenn er im Winter hinausging auf die Potsdamer Straße, um den Hals ein großes, graugrünes Tuch legte, im dicken Mantel zügig voranschritt, immer dicht an den Häusern entlang und auf diese Weise Zufallstreffen vermeidend, die zur Plauderei in der Kälte verführt oder gezwungen hätten. So berichtete es zu Beginn des Jahres 1895 der noch junge Kritiker Alfred Kerr den Lesern der Breslauer Zeitung, und er fuhr fort: Der alte, großgewachsene Herr "mit schmalem Seitenbärtchen und grauem Schnurrbart" sehe nicht aus wie ein Künstler, ein "greiser Barde, von dem zu befürchten ist, daß er eine Leier aus der Manteltasche zieht", sondern habe vielmehr "das Gesicht eines friedlichen pensionierten Offiziers aus den dreißiger Jahren". Ein "Hauch der guten alten Zeit" schwebe über dem Mann: "Und das Staunenswerte ist: diese unmoderne Persönlichkeit hat unglaublich moderne Ansichten."

Zweieinhalb Jahrzehnte, einen Krieg und eine Revolution später, griff Kurt Tucholsky die Unterscheidung von alt und neu, den Abstand verschiedener Weltalter, noch einmal auf. "Wir denken anders", schrieb er am 27. Dezember im Berliner Tageblatt, "wir fühlen anders, und wir urteilen anders. Und ein solcher Riesenkerl, daß er uns das vergessen machen könnte, war Fontane nicht". Aber wenn Tucholsky behauptete, dass Fontane "heute etwas völlig Unmögliches wäre", dann war dies kein Kompliment an die Gegenwart, sondern Feststellung einer Epochenzäsur: "Theodor Fontane ist nicht am 20. September 1898 gestorben, er starb am 1. August 1914 - gerade zu Beginn der großen Zeit."

Die scharfe Entgegensetzung von einst und jetzt, von modern und unmodern ist längst historisch geworden, eine erklärungsbedürftige Hilfskonstruktion vergangener Jahrhunderte. Dieser Gegensatz hatte die letzten Fontane-Jubiläen geprägt. Sein hundertster Todestag 1998 etwa stand im Zeichen der Wiederentdeckung einer unwiederbringlich verlorenen historischen Landschaft und der Selbstvergewisserung im Rückspiegel.

Literatur Luftbedürfnisse
Männerfiguren bei Fontane

Luftbedürfnisse

"Weiber weiblich, Männer männlich' - das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen": Autorinnen über Fontanes Väter, Gatten und Liebhaber.

2019 aber ging es in erster Linie um anderes: um die digitale Erschließung und Präsentation seines ausufernden Werkes und die Frage, wie er das gemacht, wie er seine Welt gesehen und seine Texte verfertigt hat. 2019 war ein Jahr, in dem Fontane-Leser sich überraschen lassen, neue Seiten, neue Werkkomplexe des Klassikers kennen lernen konnten. Den Ton gab Iwan-Michelangelo D'Aprile mit seiner Fontane-Biografie "Ein Jahrhundert in Bewegung" (Rowohlt Verlag, 2018) vor, die am Beispiel seines Lebens die Umbrüche des 19. Jahrhunderts schilderte und im realistischen Erzähler und Journalisten den Autor entdeckte, der die Medien seiner Zeit gekonnt nutzte, sich Listen, Zeitungen, Reklamesprache, Postkarten und Telegramme literarisch anverwandelte. Dazu gut passend publizierte das Fontane-Archiv im Januar Listen der besonders häufig und besonders selten benutzten Wörter, darunter ein Verzeichnis der "500 längsten einzigartigen Substantive bei Fontane". Es reicht von "Abschätzungsvermögen" bis "Zufriedenheitsepoche" und enthält etwa die "Besserungsmöglichkeit", die "Gemütlichkeitsrangliste", die "Pfefferkuchengegend", den "Schuhbürstenbackenbart" und das "Überzeugungsabhärtungsprinzip".

Nur ein kleiner Teil der Bibliothek Fontanes ist überliefert: 155 Bände der etwa 4000 Bücher

Seit der Literaturwissenschaftler Peer Trilcke 2017 das Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam leitet, hat es sich einer "forcierten Digitalisierungsstrategie" verschrieben. Was dabei herausgekommen ist, kann man sich auf der neuen Website www.fontanearchiv.de anschauen oder in den Fontane Blättern nachlesen, in der Nummer 107/2019. Angeboten wird eine "Digitale Handschriftensammlung", die allmählich sämtliche Bestände des Archivs erschließen und allgemein zugänglich machen soll. Über fünfzig Jahrgänge der Fontane Blätter retrodigitalisiert. Seit Ende März kann man in Fontanes Handbibliothek schmökern: etwa 60 000 Bilddateien. Nur ein kleiner Teil der Bibliothek Fontanes ist überliefert: 155 Bände der schätzungsweise 4000 bis 5000 Bücher aus seinem Besitz. In der interaktiven Handbibliothek lassen sich die Lesepuren - Eselsohren, Anstreichungen, Randglossen verfolgen.

Außerdem hat Wolfgang Rasch seine 2006 erschienene Fontane-Bibliografie aktualisiert. Sie steht nun als Online-Datenbank zur Verfügung. Zu Beginn des Fontane-Jahres umfasste sie 16673 Datensätze: 5569 zu Primärtexten, 11104 zu Sekundärliteratur. Peer Trilcke hat die Daten für einen Aufsatz statistisch ausgewertet. In 145 Zeitungen und Zeitschriften erschienen zu seinen Lebzeiten Texte Fontanes. Am häufigsten schrieb er für die liberale Vossische Zeitung, deren Theaterkritiker er war, und deren Sonntagsbeilage, aber beinahe ebenso viel für die konservative Kreuz-Zeitung . Erst nach seinem 70. Geburtstag war er als Autor überwiegend auf dem Buchmarkt präsent.

Trilcke hat auch "Resonanzrhythmen der Fontane-Rezeption" untersucht. Sie folgen, wenig überraschend, dem "Takt der Jahrestage. Viel Sekundärliteratur erschien im Todesjahr, 1910 gab es dank wichtiger Briefausgaben und der Enthüllung des Denkmals im Berliner Tiergarten einen Höhepunkt der Rezeptionsgeschichte, danach findet dieser Autor weniger Interesse, wenn man der "Kurve der Sekundärliteratur" folgt. Erst Anfang der Sechzigerjahre beginnt eine neue Hochzeit der Beschäftigung mit ihm. Nun erst erlangt das Erzählwerk seine herausgehobene Stellung, dominiert unangefochten der Romancier, der Verfasser von "Effi Briest".

Entdeckerlust, nicht Weltbildzementierung, bestimmte das Fontane-Jahr

Erst in diesem Jahr wurde ein großer, bislang unveröffentlichter Textkorpus ediert. Unter der Leitung von Gabriele Radecke hat die Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen alle 67 überlieferten Notizbücher Theodor Fontanes ediert. Wer ein paar Stunden Zeit hat, sollte sich das Vergnügen gönnen und unter https://fontane-nb.dariah.eu blättern, stöbern, suchen. Bequem lassen sich Faksimile und Transkription nebeneinander lesen, etwa Notizen des Theaterkritikers zu einer Aufführung des "Wilhelm Tell" am 11.11.1879: "Akt II. Rütli-Scene. Fällt allemal ab. Die Stimmen sind zu unglücklich (...) Ich vertrage keine Gutturaltöne, aber es wirkt so schrecklich unächt." Die Notizbücher enthalten Tagebucheintragungen, Briefkonzepte, eine Liste italienischer Redewendungen, Entwürfe, Exzerpte, aber auch Notizen und ein paar hundert Zeichnungen, die auf Ausflügen in die Mark Brandenburg entstanden. Für Lokalhistoriker ist das eine einzigartige Quelle, die zugleich verdeutlicht, wie stark in den "Wanderungen" die historische Landschaft poetisiert wird. Nicht überall, wo im Text Kirchenglocken läuten, gab es tatsächlich eine Kirche.

Die Forschungsergebnisse des Archivs wie der Notizbuch-Edition sind auch für die Ausstellungen im Jubiläumsjahr wichtig gewesen, vor allem für die Leitausstellung "fontane200/autor" in Neuruppin, die konsequent und intelligent das Literarische in den Mittelpunkt stellte. Mit 30 000 Besuchern war sie ein Riesenerfolg. Entdeckerlust, nicht Weltbildzementierung, bestimmte das Fontane-Jahr. Er kann neu gelesen werden.

© SZ vom 30.12.2019/cag
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