Theodor Buhl: Winnetou August Humanitäre Tiefpunkte

Theodor Buhls Erstlingswerk "Winnetou August" ist ein autobiographischer Roman. Der 1936 geborene Autor hat wie sein Held die Grausamkeit der Flucht und die Abstumpfung der kindlichen Seele selbst erlebt. Ohne falsche Parteinahme führt Buhl dem Leser vor Augen, dass Vertreibung immer von unermesslichem menschlichen Leid und moralischer Verkommenheit begleitet wird. Seine Sprache ist protokollhaft knapp, oft verkürzt ("Nasenschleim läuft, Pisse rinnt"). Andererseits zeugen die melancholischen Rückblicke auf Heimatstädte und Landschaften von dem poetischen Sprachgefühl eines Autors, der seine Kindheitserlebnisse eindrucksvoll literarisiert hat.

Die May'schen Bilderwelten

Schon in den 1980er Jahren entstand eine erste Fassung von "Winnetou August", die der als Lehrer tätige Buhl seitdem immer wieder überarbeitet hat. Nie geht es um Schuldzuweisungen in dieser Familiengeschichte. Wenn der Vater Angst davor hat, dass die Russen "es bei uns genauso machen wie unsere bei ihnen drüben", wendet er sich ausdrücklich gegen eine Verharmlosung der deutschen Verbrechen an der Zivilbevölkerung.

Der Autor berichtet von humanitären Tiefpunkten: Ein achtjähriges Mädchen wird vor den Augen ihrer Mutter von russischen Soldaten missbraucht, während Rudi mit Urin und Exkrementen bedeckt wird. In ihrer Unmittelbarkeit sind diese Lektüreaugenblicke ebenso aufwühlend wie verstörend. Man möchte aus der Leserhaltung heraus und in die Beschützerrolle hineinspringen.

Die Flucht führt die Familie nach Dresden, sie überlebt die Bomben in einem überfüllten Keller, es riecht nach Fäkalien und verwestem Menschenfleisch -hier träumt niemand mehr vom Endsieg. Ein Mädchen, nackt und verbrannt, beflügelt die erotische Phantasie des pubertären Bruders Willy. Perversion und Abgebrühtheit gehen Hand in Hand. Als der Schwager von einem "Brei aus Blut und Knochen" berichtet, den man in einem zerbombten Bunker vorgefunden habe, versucht die Mutter müde, ihren Sohn vor solch grausamen Eindrücken zu schützen: "Friedrich, hör doch auf! Denk an das Kind". Der Erzähler wendet sich fast schon augenzwinkernd an seine Leser: "Das sollte ich sein". Seine Kindheit hat er da schon längst vergessen und abgelegt, Angst, Flucht und Ekel waren ihm die neuen Spielgefährten.

Und dann ist da noch Karl May. Die Lektüre der Geschichten um Winnetou und Old Shatterhand wird Rudi - nachdem er den ersten grünen Band in einem verstaubten Regal entdeckt hat - zum Lebenselixier. Bald schon überträgt er seine abstoßende Wirklichkeit mit Hilfe der May'schen Bilderwelten in einen phantastisch-fernen wilden Westen. Die Romane bieten ihm Distanz von der Brutalität und der Verlorenheit eines Daseins, das "langsam vor sich hin gärt". Erst als er auf der Eisenbahnfahrt in den Westen einem Ende der grauenvollen Odyssee entgegensieht, wagt er, seinen literarischen Schutzschild abzulegen: "Wahrscheinlich hatte es den nie gegeben, diesen Winnetou."

THEODOR BUHL: Winnetou August. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010. 315 Seiten, 19,95 Euro.