Thelonious Monk Eine Sensation - egal wie groß oder klein man sie machen will

Sommer in der großen Stadt: Thelonious Monk mit ghanaischem Hut im New Yorker Nola Penthouse Sound Studio, Juli 1959.

(Foto: Arnaud Boubet Private Collection)

Für den Nouvelle-Vague-Klassiker "Gefährliche Liebschaften" spielte Thelonious Monk 1959 die Filmmusik ein. Nun ist sie erstmals auf Platte zu hören - ein brillantes Meilensteinalbum aus dem Schlüsseljahr des modernen Jazz.

Von Andrian Kreye

Letztgültig hat niemand das Geheimnis von Thelonious Monks Musik auf den Punkt gebracht. Es lag irgendwo in seiner rechten Hand, mit der er Rhythmus und Harmonie seiner eigenen Kompositionen und der Standards des Modern Jazz in euphorische Einzelteile zerlegte. Man kann das nun noch einmal neu hören. Die Betreiber zweier Archivlabels haben einen fantastischen Fund gemacht. Sie haben die Studioaufnahmen von Monks einziger Filmmusik ausgegraben, die der Pianist 1959 für Roger Vadims Nouvelle-Vague-Klassiker "Les liaisons dangereuses" eingespielt hatte. Rund 30 Minuten lang ist Monks Musik im Film zu hören. Auf Platte ist sie wegen rechtlicher Verwicklungen nie erschienen.

Francois Le Xuan von Saga Jazz und Fred Thomas von Sam Records waren eigentlich auf der Suche nach Aufnahmen mit dem französischen Saxofonisten Barney Wilen. In Paris stießen sie dann in der Sammlung des Unterwasserfilmers und Jazzfans Laurent Guenoun auf einen Stapel Bänder, auf denen schlicht "Thelonious Monk" stand.

Wegen Drogenproblemen hatte Thelonious Monk seine Musikerlizenz verloren

Genoun hatte die Schachteln von seinem inzwischen verstorbenen Freund Marcel Romano bekommen, der während der Nouvelle Vague-Jahre Soundtracks produzierte. 1958 hatte er beispielsweise Miles Davis für Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott" engagiert. Für Vadims Verfilmung des Romans von Pierre-Ambroise-François Choderlos aus dem 18. Jahrhundert hatte er zum einen Art Blakey gewonnen. Auch Thelonious Monk hätte eigentlich nach Paris kommen sollen. Der steckte aber in einer tiefen Krise. Wegen Drogenproblemen hatte er seine Musikerlizenz verloren und konnte nicht mehr in Clubs auftreten. Seine latenten Depressionen hatten sich zur Psychose entwickelt. Also flog Romero damals direkt nach New York.

Statt Musik zu komponieren, die direkt zum Rohschnitt des Films passte, spielte Monk während drei Tage im Nola Penthouse Sound Studio einfach einige seiner eigenen Stücke wie "Rhythm-A-Ting", "Well You Needn't" und "Crepuscule With Nellie" neu ein. Der Schlagzeuger Art Taylor, der Bassist Sam Jones und die Saxofonisten Charlie Rouse und eben Barney Wilen kamen dazu. Monk arbeitete so konzentriert wie selbstvergessen. Ebenfalls aufgetaucht sind Fotos der Session, auf denen er den Ghanaischen Strohhut trägt, den er von einem befreundeten Schlagzeuger bekommen hatte und angeblich selbst beim Schlafen trug.

Drei Jahre hat es gedauert, bis Le Xuan und Thomas die Rechte geklärt hatten. Nun ist die Musik erschienen. Man wird die Musikgeschichte nicht umschreiben müssen. Aber man hört Thelonious Monk noch einmal in Höchstform und das in Studioqualität. Etwas melancholischer ist er als sonst, aber eben auch konzentrierter.

1959 war das Schlüsseljahr des Modern Jazz. Miles Davis nahm "Kind of Blue" auf, John Coltrane "Giant Steps", Charles Mingus "Ah Um". Monk selbst hatte zwar das "Town Hall Concert" eingespielt, aber im Studio nur wenig geschafft. Den historischen Überbau mal beiseite, hat der Fund der Welt nun ein weiteres, wunderbares, brillantes Meilensteinalbum von 1959 beschert. Das ist eine Sensation, egal wie groß oder klein man sie machen will.

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