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Frankreich:"Wir machen auf"

Das Théâtre de l'Odéon in Paris ist seit einer Woche besetzt. Ein Besuch bei Menschen, die nicht länger auf ihr Publikum verzichten wollen.

Von Nadia Pantel

"Die Kultur wird geopfert": Frontansicht des Théatre de l'Odéon.

(Foto: Betrand Guay/AFP)

Eigentlich stünde die Barmherzigkeit auf dem Programm. Als sie im Théâtre de l'Odéon noch glaubten, dass es so etwas wie eine Spielzeit 2020/2021 geben könnte, druckten sie eine knallvolle Saisonübersicht. Iphigenie, die Brüder Karamasow - das Pariser Odéon hatte sich auf die ganz großen Figuren eingestellt und auf die ganz großen Themen. Jetzt, im März hätte ein Stück von Tiphaine Raffier laufen sollen, inspiriert von Caravaggios "Die sieben Werke der Barmherzigkeit". Was ist richtiges Handeln, was ist gerecht? Doch statt der vielen Premieren kam nur die große Leere. Seit Oktober sind alle Theater Frankreichs geschlossen. Und seit einer Woche wird die Frage, ob das richtig und gerecht ist, nicht mehr im Stillen hin und her gewendet. Sondern in, vor und auf dem Theater Odéon verhandelt. 50 Theatermacher und Gewerkschafter haben das Haus besetzt.

"Wir machen auf", steht schwarz auf gold auf einem der Plakate, die an der Absperrung vor dem Theater lehnen. Und damit ist die Hauptforderung schon genannt: Schauspieler wollen wieder auf die Bühne, Regisseurinnen wollen ihre Stücke zeigen und alle diejenigen, die hinter den Kulissen die Vorstellungen erst ermöglichen, wollen endlich wieder ein stabiles Einkommen. Hoch oben auf dem Dach des Theaters stehen Männer und Frauen und recken ihre Fäuste in die Luft. Seit Donnerstag schlafen und diskutieren sie im Theater, geduldet von der Leitung des Hauses, die auf der großen Bühne weiter Proben abhält. Unten auf dem Vorplatz, wo im Frühling normalerweise Weißwein ausgeschenkt wird, trommelt eine Sambaband übers Kopfsteinpflaster. Abgeordnete der Grünen und der Kommunistischen Partei stehen daneben, sie tanzen nicht, aber sie zeigen sich. Und darin liegt der erste Erfolg dieser Besetzung: Die Politik ignoriert sie nicht. Am Samstag besuchte die Kulturministerin Roselyne Bachelot die Besetzer und versicherte, dass sie "dieselbe harte Zeit" durchmache. Zwar sagte sie kurz darauf in der Nationalversammlung, dass sie es für "unnütz und gefährlich" halte, historische Gebäude wie Theater zu besetzen. Doch eigentlich zeigt sich Bachelot als Verteidigerin der Kultur, als eine, die eine Perspektive für mögliche Öffnungen fordert.

Innerhalb der französischen Regierung ist sie damit allein. Nicht nur die Theater sind zu, auch die Museen, die Kinos, die Konzertsäle. Und niemand will sich auch nur vage dazu äußern, wann und wie sie wieder Publikum und Besucher empfangen könnten. Es ist nun kein Zufall, dass der Protest gegen diese Politik das Odéon zu seinem Zentrum erklärt hat. Zum einen wurde das Theater im Mai 1968 wochenlang besetzt, und so hilft die Geschichte dabei, der eigenen Aktion etwas mehr Wucht und Wichtigkeit zu geben. Zum anderen spürt man rund um das Odéon die kulturelle Ödnis der Corona-Zeit besonders deutlich. Man muss nur eine Viertelstunde herumspazieren und kommt an zwölf geschlossenen Kinos vorbei.

"Für alle Lebensbereiche gilt inzwischen, dass man mit dem Virus leben müsse, nur nicht für die Kultur."

Gut 300 Leute stehen an diesem Mittwochnachmittag vor dem Theater und jubeln jedes Mal, wenn die Menschen vom Dach ihnen Parolen zurufen. Unter ihnen sind Sarah Preneron und Victor Hugo dos Santos. Beide wurden gemeinsam am Konservatorium für Musik, Tanz und Theater in Créteil, im Süden von Paris, ausgebildet. Dos Santos, 24, ist Schauspieler, Preneron, 29, Regisseurin. Genauer gesagt warten sie beide seit einem Jahr darauf, vor Publikum zu beweisen, dass sie das sind. Preneron hat ihren ersten Theaterabend fertig, es ist ein Stück für Jugendliche über sexuellen Missbrauch. Genau das Thema, über das Frankreich seit Jahresanfang in Dauerschleife diskutiert. "Wir haben als Künstler wirklich etwas beizutragen zu diesen Debatten, aber wir können uns nicht mehr äußern", sagt Preneron. Sie fand es richtig, die Theater während des ersten Lockdowns zu schließen. "Aber inzwischen wissen wir doch viel mehr über die Verbreitung von Covid-19, wir wissen besser, wie wir die Menschen vor Ansteckung schützen können", sagt Preneron. Dos Santos sagt, er sei "bis Weihnachten sehr geduldig" gewesen. Dann stand er in einem völlig überfüllten Kaufhaus, suchte Geschenke, obwohl er sonst immer nur Theatertickets unter den Baum legt, und fragte sich, warum die Geschäfte offen sind, die Kultureinrichtungen aber nicht. "Für alle Lebensbereiche gilt in Frankreich inzwischen, dass man mit dem Virus leben müsse, nur nicht für die Kultur", sagt dos Santos. "Dabei gibt es so viele umsetzbare Ideen für Hygienekonzepte". Plätze frei lassen, Maskenpflicht im Publikum, umfassend testen.

Mittlerweile wurden auch andere Theater besetzt

Am Rand der Protestierenden steht Jean-Michel und sieht unzufrieden aus. Er will seinen Nachnamen nicht nennen, "weil es nicht immer um das Individuum gehen sollte". Jean-Michel ist Bildhauer, seine Haare sind grau. "Wir haben das alles schon mal gemacht", sagt Jean-Michel. Im Mai 1968 gehörte er zu den Besetzern des Odéon. Heute fehlt dem Revolutionär von damals der große Aufstand - "Es geht doch allen schlecht, nicht nur der Kultur, das bringt nichts, nur für sich zu kämpfen."

Auf dem Dach würden sie diesen Einwand nicht gelten lassen. Neben dem großen Banner, auf dem "Regierung disqualifiziert" steht, wehen die Fahnen der kommunistisch verankerten Gewerkschaft CGT. "Occupons, Occupons", skandieren Frauen und Männer, lasst uns alles besetzen. Am Théâtre de la Colline im Pariser Norden sind sie diesem Aufruf schon gefolgt. Auch in Pau, am Fuß der Pyrenäen, in Nantes und in Straßburg wurden die Theater besetzt.

© SZ/alex
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